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  Pars-pro-Toto als eine primitive und längst überholte Denkweise:
  Das Reswitching: Der Sargnagel für die neoliberale Produktionstheorie
       
 
Nehmen wir an, eine Maschine werde erfunden, die die für jedes Stück erforderliche lebendige Arbeit auf die Hälfte reduziere, dafür aber den aus Verschleiß des fixen Kapitals bestehenden Wertteil verdreifache. Dann stellt sich die Sache so:
- - -
Für das Kapital also gilt das Gesetz der gesteigerten Produktivkraft der Arbeit nicht unbedingt. Für das Kapital wird die Produktivkraft gesteigert, nicht wenn überhaupt an der lebendigen Arbeit, sondern nur wenn an dem bezahlten Teil der lebendigen Arbeit mehr erspart als an vergangner Arbeit zugesetzt wird. ...
Hier fällt die kapitalistische Produktionsweise in einen neuen Widerspruch. Ihr historischer Beruf ist die rücksichtslose, in geometrischer Progressive vorangetriebne Entfaltung der Produktivität der menschlichen Arbeit. Diesem Beruf wird sie untreu, sobald sie, wie hier, der Entfaltung der Produktivität hemmend entgegentritt. Sie beweist damit nur aufs neue, daß sie altersschwach wird und sich mehr und mehr überlebt.
 
    Karl Marx, Das Kapital III, Fünfzehntes Kapitel, Nachträge    

Die Geschichte, mit der wir unseren Beitrag jetzt beginnen wollen, beruht auf einem Ereignis, das nie stattgefunden hat. Sie ist also frei erfunden. Nur etwas ähnliches, wenn man es überhaupt als ähnlich bezeichnen darf, fand bzw. findet in der neoliberalen Theorie stand. In dieser Geschichte handelt es sich um eine Anstalt für geistig schwache und behinderte Menschen. Die Bewohner dieser Anstalt sind sehr mutwillig und fahrig, so dass dem Leiter die Lage über den Kopf wächst. Er ist verzweifelt und macht sich Gedanken, wie er die Anstaltsinsassen beschäftigen könnte, und da fällt ihm eine originelle Idee ein. Gedacht, getan:

Er rief eines Tages alle seine Zöglinge zu sich, um sie mit seiner Idee bekanntzumachen. Er erzählte ihnen, dass dort draußen ein sehr interessantes, aber sehr schwieriges Spiel erfunden worden sei, das man Puzzle nenne. Das Wesentliche an diesem Spiel bestehe darin, viele Teile aus Pappe zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Der Leiter wies aber immer wieder darauf hin, wie ungemein anspruchsvoll und anstrengend dieses Spiel sei, dass es stundenlang dauern könne und dass es deshalb viel Geduld, Mut und Leistung voraussetze. Gerade weil seine Zöglinge dies als eine große Herausforderung begriffen haben, drängten sie darauf, ihnen dieses seltsame Spielzeug unverzüglich zu besorgen. Bei solcher Begeisterung hat sich der Anstaltsleiter sofort auf den Weg gemacht, um das seltsame Spiel zu besorgen.

Das Puzzlespiel, mit dem er zurückkam, unterschied sich aber in einem winzigen Detail von den üblichen Spielen dieser Art. Es war ein bisschen vereinfacht worden. Alle einzelnen Puzzleteile waren nämlich gleich: Es waren gleich große Quadrate mit der gleichen blauen Farbe bemalt. Die geistig Behinderten hatten zuerst vorsichtig und ängstlich begonnen, die Puzzleteile hin und her zu schieben, dann nebeneinander zu legen - also zu kombinieren und zu substituieren - aber als sie merkten, es ist für sie machbar und sie werden es schaffen, kannte ihre Begeisterung bald keine Grenzen mehr. Sie wurden allmählich immer geschickter und konnten bald sehr schnell sehr große Puzzlefelder zusammensetzen. Schließlich organisierten sie untereinander auch Wettbewerbe, um die eigene Leistung mit der Leistung derer „von draußen“ zu vergleichen. Ihr Selbstvertrauen steigerte sich von Stunde zu Stunde. Die „Leistungsfähigsten“ von ihnen wollten kein Blatt vor den Mund nehmen und verstiegen sich sogar zu der Äußerung, dass die wahren Idioten eigentlich diejenigen seien, die „dort draußen“ frei liefen.

Was hat aber eine so alberne Geschichte mit einer so „seriösen“ und „analytisch strengen“ Wissenschaft wie der neoliberalen ökonomischen Theorie zu tun? Das werden wir jetzt zeigen.

Willkommen in einer skurrilen Welt der gnadenlosen Vereinfacherer

Wir versetzen uns an den Beginn der neoliberalen Theorie, in die Zeit des auslaufenden 19. Jahrhunderts. Ein Ingenieur, Léon Walras, hat sich vorgenommen, die Marktwirtschaft nach dem Muster der Bewegung der Himmelskörper zu erklären. Im ersten Schritt ist es ihm gelungen, den Tausch von Gütern nach diesem Muster zu modellieren. Dieser Teil seines Vorhabens hat sich als wenig problematisch erwiesen (und es kann als ein Beitrag zur ökonomischen Theorie verstanden werden). Die Wirtschaft ist aber viel mehr als nur ein Tausch, vor allem muss in jeder Wirtschaft auch produziert werden. Als man auch die Produktion ins partikel-mechanische Gleichgewichtsmodell einbeziehen wollte, stieß man auf einige Probleme prinzipieller Art. Am Himmel entstehen nämlich keine neuen Körper aus dem Nichts: es gibt also in dieser Welt nichts, was an die Produktion erinnern würde. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Walras im ersten Schritt nur den Tausch der Güter mathematisch ausformulierte (1874) und erst sich im zweiten Schritt (1877) an die Beschäftigung mit der Produktion dieser Güter wagte.

Wie in den vorherigen Beiträgen gezeigt, kann keine Rede davon sein, dass Walras auf der Tauschebene alles geklärt hätte. Um voranzukommen, ließ er schon dort einfach einige der wichtigsten ökonomischen Größen unter den Tisch fallen, wie etwa Geld und Geldpreise. Schon dort gelang es ihm also nicht, sein Modell zu einem „Totalmodell“ der Marktwirtschaft zu machen. Aber dies war fast ein Kavaliersdelikt, verglichen mit dem, was er später anrichtete. Um nachträglich auch noch die Produktion ins Gleichgewichtsmodell hineinzupressen, musste er erst recht rabiat und rigoros aussortieren, wegräumen und vereinfachen. Wir schauen uns jetzt an, wie die so gesäuberte Welt der Produktion danach konkret aussieht.

Der Glaube versetzt doch Berge - warum sollte er nicht den Profit versetzen können?

Gibt es keinen Profit, braucht man sich auch keine peinlichen und zynischen Spitzfindigkeiten einfallen lassen, um die Verschwendung der reichen Müßiggänger und Schmarotzer zu rechtfertigen. Aber lassen wir jetzt die ideologisch vergifteten Produkte der neoliberalen Theorie von menschenverachtenden Zynikern vom Schlage eines Mises oder Hayek einfach beiseite. Bleiben wir also großzügig und lassen wir uns einfach überreden, dass es bestimmte methodologische Vorteile geben kann, wenn man auf einer hohen Abstraktionsebene den Profit aus der Analyse einfach weglässt. Einen Überblick bekommt nur jemand, der viel übersieht - sagt ein Sprichwort. Versuchen wir also für einen Augenblick den Profit zu übersehen, um herauszufinden, ob wir ohne ihn die Funktionsweise der Wirtschaft wirklich besser verstehen und erklären können.

Die Exkommunizierung des Profits aus der neoliberalen Theorie hat zweifellos eine große Auswirkung auf die Deutung der investiven und produktiven Tätigkeiten der Wirtschaft. Um dies zu verdeutlichen, haben wir uns im vorigen Beitrag einer Gleichung bedient, welche die Verteilung des Nettoeinkommens, wie sie sich aus dem Walrasschen Gleichgewichtsmodell ergibt, zum Ausdruck bringt:

Auf der linken Seite dieser Gleichung stehen die Nettoeinkünfte der Wirtschaft, also das, was man erwirtschaftet hat und folglich auch verteilen kann; die rechte Seite zeigt, wie diese Nettoeinkünfte im Sinne der neoliberalen Theorie verteilt werden. Weil der Profit (P) gänzlich entfällt, lässt die vorige mathematische Formel nur eine Aussage zu: Wenn die Lohnsumme (L) kleiner wird, werden die Ersparnisse (S) zwangsläufig größer, die dann die Unternehmer natürlich auch sofort investieren. Natürlich wird man auch etwas für den Zins (z) abzweigen müssen, aber dieser vedient keine große Aufmerksamkeit. Der Zins ist im Verhältnis zu der Einlage bekanntlich immer nur eine kleine Größe - es sind bekanntlich nur wenige Prozente der ganzen Sparsumme. Wenn man den Zins eventuell nicht investiert, sondern konsumiert, würde dies nicht viel ausmachen.

Was man also dem Lohn wegnimmt, so die neoliberale Theorie, fließt nicht etwa in das Luxusleben der Reichen, sondern im Großen und Ganzen in die Investitionen und dient letztendlich zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Fast würde man dann sagen können, dass sich die Arbeiter glücklich schätzen müssten, wenn sie auf Lohn verzichten. Die heutigen neokonservativen Liberalen bezeichnen dieses, für die Arbeiter so vorteilhafte Konzept der Schaffung von Arbeitsplätzen als Washington-Konsens und sprechen vom trickle-down-Effekt. Frei übersetzt: Schmeißt das Geld der Wirtschaft nach, schenkt den Reichen Steuern und Abgaben, dann sickert der Wohlstand schon von alleine nach unten zu den Armen.
 

Die Maschine ist ein Lehnstuhl oder auch umgekehrt - wie man es gerade braucht.

Nachdem wir nun von der neoliberalen Theorie erklärt bekommen haben, woher das Geld für die Investitionen kommen kann und auch mit Sicherheit kommen wird, folgen wir der Spur des Geldes weiter. Wenn das Geld dank der niedrigen Löhne da ist, nimmt es der Unternehmer in die Hand und begibt sich mit ihm auf den Markt, um Produktionsgüter (Rohstoffe, Halberzeugnisse und Maschinen) zu kaufen. Wenn man bedenkt, dass Walras und Pareto Ingenieure waren, würde man es für selbstverständlich halten, dass in ihrem Gleichgewichtsmodell die zu investiven Zwecken benötigten Produktionsgüter vorhanden sind. Ja, Vertrauen ist gut, sagt das Sprichwort, aber Kontrolle ist besser. Gibt es wirklich im Gleichgewichtsmodell Produktionsgüter, die den Ersparnissen (S) gegenüber stehen? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Walras und Pareto haben ihre Gedanken in einer mathematisch komplizierten Sprache formuliert, so dass es nicht einfach herauszufinden ist, wo die Produktionsgüter in dem Gleichgewichtsmodell untergebracht sind. Deshalb lassen wir uns diese Frage von jemandem beantworten, der sich mit der Materie am besten auskennt, von Josef Schumpeter. Wir lesen bei ihm:

„Bei Walras haben die in der Produktion verwendeten Leistungen auch einen Gebrauchswert für ihre „Eigentümer“. Dies führt zu Schwierigkeiten, die besonders im Falle spezifischer Produktionsmittel, wie Maschinen, auftreten. Die Annahme, dass - wenigstens potentiell - eine Maschine nach dem Willen ihres Besitzers unmittelbar in einen Lehnstuhl überführt werden kann, ist in der Tat eine Form des Theoretisierens, die bedenkenlosen Heroismus erfordert.“ ... >

Warum sollten wir Schumpeter das glauben, was er hier schreibt? Zum einen deshalb, weil er sozusagen zu den letzten Polyglotten der Ökonomiezunft gehört, was in seiner monumentalen dogmenhistorischen Aufarbeitung wirtschaftswissenschaftlichen Denkens, in der „Geschichte der ökonomischen Analyse“ klar zum Ausdruck kommt. In einer Zeit, wo es noch kein Google gab, konnte dieses Buch als hervorragender Ersatz dienen. Zum anderen ist Schumpeter einer der ersten Bewunderer von Walras. Er erklärt das Modell von Walras zur „Magna Charta der exakten Volkswirtschaftslehre“. Was uns Schumpeter im vorigen Zitat mitteilt, muss also eine Aussage mit uneingeschränkter Haftung sein. Was sagt nun dieses Zitat uns aus?

Es sagt aus, dass es im Walrasschen Modell weder Konsumgüter noch Produktionsgüter gibt, sondern nur Güter, die man so oder so anwenden kann: wie es einem gerade passt. Wenn etwas eine Maschine ist, kann sie nach dem Willen ihres Besitzers unmittelbar in einen Lehnstuhl überführt werden, oder eben umgekehrt - wie man es gerade braucht.

Anders ausgedruckt, in dem Gleichgewichtsmodell sind alle Güter völlig flexibel, was ihre Anwendung betrifft. An welcher Stelle man ein Gut anwendet, hängt schließlich von seinem Preis ab, so dass der Preis auch entscheidet, welche Menge von Gütern bestimmter Art nachgefragt wird.

Ein bisschen mehr, ein bisschen weniger schwanger zu sein - auch kein Problem.

Nun kommen wir zum nächsten Akt im Walrasschen Drehbuch der Produktion. Nachdem sich der Unternehmer so einfach und problemlos, wie man sich es nur vorstellen kann, mit Produktionsgütern versorgt hat, kann er sich voll und ganz der Produktion widmen. Sie ist aber alles andere als eine langweilige Angelegenheit. Nicht etwa, dass die Techniker und Ingenieure im Betrieb etwas Besonderes leisten müssen, dies auf keinen Fall. Die Produktion ist eine richtige Herausforderung für den Unternehmer. Weil nämlich die Preise immer in Bewegung sind, müssen die Produktionsfaktoren ständig neu kombiniert werden. Deshalb muss der Unternehmer ein besonderer Mensch sein, der unermüdlich und mutig die Produktionsfaktoren kombiniert, bis die Produktionsfaktoren im (Pareto-) optimalen Verhältnis zueinander stehen. Hier liege nach der neoliberalen Auffassung das Geheimnis des Erfolges der Marktwirtschaft, alles andere sei von untergeordneter Bedeutung. Unter anderem, dank der Kombinierung und der Substitution der Produktionsfaktoren, wie bereits im vorigen Beitrag erörtert, lässt sich jede Arbeitslosigkeit problemlos beseitigen - natürlich, wenn die Arbeiter vernünftig sind und sich ein bisschen Mühe geben für weniger Geld mehr zu arbeiten. Wir wollen aber jetzt wissen, was diese ständige Kombinierung und Substitution der Produktionsfaktoren konkret (mikroökonomisch) bedeutet. Zu diesem Zweck begeben wir uns in die Niederungen der Betriebswirtschaft.

Wir haben im vorigen Beitrag über einen Gastwirt gesprochen, der seine Tellerwäscher vorerst nicht entlassen hat, weil sie auf höhere Löhne verzichtet haben. Nehmen wir jetzt an, die Tellerwäscher ließen sich später von den Gewerkschaften beeinflussen und durch ihre Lohnansprüche würden sie den Gastwirt zwingen, in eine Geschirrspülmaschine zu investieren. Aber danach hätten die Tellerwäscher ihre törichte Entscheidung eingesehen und sich doch dazu bereit erklärt, sich für weniger Lohn abzurackern. Was macht jetzt unser Gastwirt? Wie kombiniert er Kapital und Arbeit, wenn die Lohnempfänger zur „ökonomischen Vernunft“ zurückgekehrt sind? Etwa so, indem er die Geschirrspülmaschine 60% nutzt und dann 1,4 Tellerwäscher beschäftigt? Nach der neoliberalen Theorie müsste dem so sein.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel. Ein Bauer hat sich in guten Zeiten einen Traktor beschafft, mit dem er seither seine Äcker bestellt. Sollten die Löhne fallen, wird er etwa 80% seiner Felder mit dem Traktor bestellen und den Rest den Tagelöhnern mit der Hacke überlassen? Oder wird er etwa in seiner Traktorkabine noch 0,4 Mitlenker neben sich setzen? Nach der neoliberalen Theorie müsste er sich für das eine oder das andere entscheiden.

Was wird in der Metallurgie geschehen, wenn die Löhne fallen? Würde man die Zahl der Arbeiter, welche einen Industrieofen bedienen und kontrollieren, erhöhen? Oder würde man die Öfen nur zu 78% füllen, und den Rest auf den „arbeitsintensiveren“ Küchenöfen herstellen lassen? Der letztere Fall ist gar nicht so albern, wie es auf den ersten Blick scheint. Für eine solche Methode der Eisenproduktion, die wenig Kapital mit viel Arbeit kombiniert, haben sich damals („Der große Sprung nach vorne“, 1958) die chinesischen Kommunisten entschieden, im festen Glauben, die besten deutschen Philosophen könnten sich keinesfalls irren: Wenn sich nach dem dialektischen Sprung, also nach der proletarischen Revolution eine allumfassende qualitative („dialektische“) Wandlung der Wirklichkeit vollziehen sollte, warum sollte es dann nicht auch möglich sein, dass der Mensch mit einem völlig neuen Bewusstsein nicht nur moralische, sondern auch technologische Wunder vollbringt.

Anders ausgedruckt, die Güter bzw. die Produktionsfaktoren sind in dem Gleichgewichtsmodell uneingeschränkt teilbar, so dass bei jedem Unternehmen immer die optimale Menge von Gütern einer Art angewandt wird.

Zusammenfassung: Magisches Theater. Nur für Verrückte!

Nun haben wir alle Komponenten der neoliberalen ökonomischen Theorie beisammen, so dass wir uns die Funktionsweise der Wirtschaft mit der Produktion vollständig erklären können. Wenn die Löhne gefallen sind, ist zum einen eine entsprechende Summe des investiven Geldkapitals (S) entstanden, die unverzüglich in reale Investitionen umgewandelt werden kann, weil die Produktionsgüter immer problemlos zu beschaffen sind. Zum anderen wird innerhalb der Produktionsstätten unermüdlich kombiniert und substituiert, so dass als Ergebnis ganz bestimmt neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen, weil die Produktionsfaktoren immer so wunderbar zueinander passen. Wer könnte, bitte, dann noch den geringsten Zweifel hegen, dass die Marktwirtschaft immer zum Gleichgewicht kommen muss?

Wenn dies stimmen sollte, hätte sich Deutschland in den letzten Jahren vor neuen Arbeitsplatzangeboten buchstäblich nicht retten können. Es gibt kaum ein Land auf der ganzen Welt, in dem man so erfolgreich Löhne senkte - also von unten nach oben verteilte. Wir hätten nicht nur die Weltmeister im Güterexport sein müssen, sondern auch beim Schaffen neuer Arbeitsplätze.

 

Wie konnte dies gerade uns passieren? Jawohl, wir haben schon immer ein bisschen anders getickt als die anderen - als unsere unmittelbaren und die entfernteren Nachbarn. Und auch heute sind wir offensichtlich schon wieder ein bisschen anders. Aber was heißt das? Man muss präziser sein. Es heißt, dass wir wieder einmal zugelassen haben, dass uns unsere verlogenen, rücksichtslosen und raffgierigen „Eliten“ abwickeln und ausrauben. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass diese Ganoven und Schurken nicht wieder einmal das tun werden, was sie schon immer getan haben, nachdem sie das Land völlig ruiniert hatten, nämlich unsere Kinder in den Krieg schicken. Am deutschen Wesen konnte die Welt noch nie genesen.

Aber bleiben wir vorerst bei der ökonomischen Theorie. Die neoliberale Theorie hat einen „analytisch strengen“ Beweis konstruiert, dass der freie Mark ständig für Ordnung und Harmonie sorgt. Das wahre Geheimnis, das sich hinter diesem Beweis versteckt, ist, wie eben geschildert, eine gnadenlose Vereinfachung der Wirklichkeit. Man vereinfachte die Realität so lange, bis die Schlussfolgerungen möglich wurden, die man sich schon von Anfang an wünschte. Genauso ist auch der Leiter der Anstalt aus unserem Beispiel von Beginn dieses Aufsatzes vorgegangen, als er seinen Zöglingen die blauen quadratischen Puzzles zum Zeitvertreib besorgt hat. Nun ist es aber so, dass dieses Beispiel auf keinem realen Ereignis beruht. Die „Idioten“ in der Anstalt, die sich eingebildet hätten, die wahren Idioten würden sich eigentlich draußen befinden, sind eine reine Erfindung. Keine Erfindung sind jedoch die Fachidioten, die an das eben beschriebene Spiel der freien Marktkräfte mit immer optimalem Endergebnis glauben. Hätte Hermann Hesse den Ausdruck „Magisches Theater. Nur für Verrückte!“ nicht schon erfunden, müsste man diesen für die Bezeichnung der neoliberalen Theorie erfinden. Allerdings kann man nie ganz sicher sein, ob der Glaube an die neoliberale Theorie aus reiner Überzeugung stammt, ob die angeblich überzeugten Neoliberalen wirklich Idioten sind oder ob sie nur aus uns Idioten machen wollen. Oder etwa die anständigen und pflichtbewssten Menschen mit Sekundärtugenden des Lokfahrers nach Auschwitz?

Wenn man über diese fast unerträgliche Leichtigkeit des Investierens und Produzierens in der neoliberalen Theorie nachdenkt, kommt einem schnell Marx in den Sinn. Auch Marx meinte ganz genau zu wissen, was das Produzieren von Gütern (und die produktive Arbeit) bedeutet, obwohl er nicht einen einzigen Tag in einem Betrieb verbracht hat. Ihm wurde unter anderem alles über die Entfremdung der produktiven Arbeit bekannt und vor allem wusste er genau Bescheid darüber, was tief in den Seelen der Arbeiter schlummerte, nämlich die - wenn auch noch nicht bewusste - Sehnsucht nach der Aufhebung der Arbeitsteilung. Weil die Produktion eine triviale Angelegenheit sei, sollte also der Arbeiter im Kommunismus problemlos seinen Beruf ständig wechseln können und dies natürlich auch wollen. Das ist das Reich der Freiheit, so wie es Marx gemeint hat. Im gegnerischen Lager sagt man heute dazu „flexibel sein“. Ist ja schon peinlich, wie sich die Wege von Marx und der (Neo-)Liberalen wieder einmal kreuzen - nicht wahr?

Aber die Begründer des Gleichgewichtsmodells waren - wenn wir Menger, Mises, Hayek und noch einige aus Deutschland aus gutem Grund nicht zu den Begründern zählen – doch keine frei schwafelnden Denker, sondern Ingenieure! Wie konnten sie die Produktion dermaßen verfehlen? Fangen wir mit Walras an. Er begann ein Ingenieur-Studium, aber ob er einen Abschluss als Ingenieur gemacht hat, lässt sich nicht zweifelsfrei nachweisen. Dass er kein besonderes Talent für die Mathematik besaß, hat er selber nicht bestritten. Es steht auch fest, dass er sich mit Literatur, Geschichte, Kunstkritik und Literaturkritik beschäftigte und gern Romane schrieb. Man kann daraus auf eine Neigung zu Abstraktionen und Fantasien schließen, die in seinem Kopf durcheinander geraten sind und ihn ins Abseits der Realität abdriften ließen. Bei Pareto war es aber anders.

Pareto erwarb mit 21 Jahren den akademischen Grad eines Ingenieurs, war also ein „richtiger“ Ingenieur, der als solcher auch wissen musste, dass das letzte Kriterium jeder physikalischen Theorie empirische Tatsachen sind. Als er dann als Ökonom mehr über die Realität nachzudenken begann, schwand folglich sein Glaube daran, die liberale Wirtschaftslehre sei eine „fast vollkommene Wissenschaft“. So lässt uns Schumpeter in seiner „Geschichte der ökonomischen Analyse“ erfahren, dass Pareto irgendwann selbst nicht mehr daran glaubte, dass das von ihm formulierte Optimum auch für die Produktionsgüter gelten sollte:

„Im Jahre 1897 kritisierte Pareto die Grenzproduktivitätstheorie ... und umriß eine Theorie, die ... im Manuel verbessert wurde. Aber er betrachtete dies nicht als eine Verbesserung - und schon gar nicht als eine Verbesserung auf Walrasscher Grundlage -, sondern als eine Widerlegung der Grenzproduktivitätstheorie, die er im Résumé seiner Pariser Vorlesungen (1901) als ,verfehlt‘ hinstellte.“ ... >

Wir wissen nicht genau, warum Pareto später den Glauben daran verloren hat, dass sich im Gleichgewichtsmodell auch die Produktion unterbringen lässt. Wir können uns aber vorstellen, was ihm als einem richtigen Ingenieur durch den Kopf ging. Er wurde sich darüber klar, dass im Betrieb Kapital und Arbeit nicht kombiniert werden. Der Begriff „kombinieren“ ist eine reine Erfindung der ökonomischen Theoretiker, mit dem ein Praktiker - ein Ingenieur oder ein Techniker - nichts anfangen kann. Unter dem Begriff Substitution würde man sich im Betrieb eher etwas vorstellen können, nämlich die Substitution einer Produktionsmethode oder Produktionstechnik durch eine andere. Wir verdeutlichen diese Art der Substitution mit den Beispielen von oben. Gemeint sind jetzt die drei produzierenden Unternehmen mit je zwei Produktionstechniken. Zur besseren Übersicht ordnen wir sie in eine Tabelle ein:

  Produktionstechniken   symbolisch    
Produzent  1  d.h. Gastwirt:
  Geschirrspülmaschine  τ11   
  Tellerwäscher  τ12  
  Traktor  τ21  
  Hacke  τ22  
  Industrieofen  τ31  
  Küchenofen  τ32  
Produzent  2  d.h. Landwirt:
Produzent  3  d.h. Metallurgie:

Würden wir uns auf den gesunden Menschenverstand verlassen, dann würden wir meinen, dass jeweils die erste Technologie bei allen drei betrachteten Produktionssektoren produktiver ist und dass sie zugleich auch die kapitalintensivere ist. So würden auch die älteren Ökonomen urteilen. Aber die einleuchtenden Wahrheiten des gesunden Menschenverstandes sind nicht immer richtig. (Sonst wäre z.B. die Erde eine Scheibe.) Auch die älteren Ökonomen hat der gesunde Menschenverstand im Stich gelassen, wenn sie „einfach so“ angenommen haben, die Kapitalakkumulation sei der Hauptfaktor der Produktivität. Seit dem zweiten Weltkrieg steigt nämlich die Kapitalmenge pro Arbeiter nicht mehr, die Produktivität wächst trotzdem so schnell, wie nie in der Geschichte. Die alte Spar- und Akkumulationstheorie ließ sich folglich nicht mehr retten. Der neoliberalen Theorie stand dann nichts mehr im Wege, jedes Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit theoretisch gleichwertig zu nehmen. Aber der Kampf gegen den Tatsachen war auch für sie noch lange nicht gewonnen, im Gegenteil. Würde die Substitution des Kapitals durch Arbeit immer zum effizienten Zustand führen, also nicht die Produktivität der Volkswirtschaft beeinträchtigen, so hätte es schon Wirtschaften geben müssen, die mit ganz wenig Kapital fähig gewesen wären, Wohlstand zu erwirtschaften. Es gab sie aber nie. Ganz falsch konnte also auch die alte Kapitalakkumulationstheorie nicht sein. Sollte also die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen? Wo sollte dann bitte diese Mitte liegen? Wie kann man sie ermitteln?

Wir sind hier offensichtlich in eine Situation geraten, die bei den Wissenschaften nicht selten vorkommt: Mehrere Theorien teilen die Tatsachen sozusagen unter sich auf, aber auf dem analytischen Niveau widersprechen sie sich. Dies ist ein sicheres Zeichen, dass sich eine Wissenschaft tief in einer Krise befindet, wie wir von Thomas Kuhn wissen. In einer solchen Situation ist es üblich, dass die „zum Teil richtigen“ Theorien (und das sind viele) versuchen, mit spitzfindigen und rhetorischen Argumenten ihre Schwächen zu verstecken. Einfacher gesagt, man benutzt unklare Begriffe. So sagt uns die neoliberale Theorie, dass das Paretosche Optimum der „effizienteste“ Zustand der Wirtschaft sei. Was bedeutet dies aber genau? Ist der effizienteste Zustand zugleich einer, wo die Produktivität maximal ist? Wir werden aber die Antwort auf diese Frage nirgendwo finden. Die neoliberale Theorie kann diese Frage gar nicht beantworten und zwar aus prinzipiellen Gründen. Im Rahmen des Gleichgewichtsmodells gibt es nicht alle Variablen, die man dazu benötigt. Man hat dort schon alles sorgfältig beseitigt, was das harmonische Spiel der Marktkräfte stören würde, auf Kosten der Realität. Wir müssen also dieses Modell mit einem besseren „substituieren“. Aber womit substituiert man das neoliberale Gleichgewichtsmodell?

Kreislauftheoretisches versus partikel-mechanisches Modell der Produktion

Als ich begonnen habe über den Neoliberalismus zu schreiben, hat mir einer meiner Bekannten, dem ich manchmal die Texte vor der Webveröffentlichung schicke, sichtlich verunsichert und misstrauisch geschrieben:

„Okay, die Marktwirtschaft funktioniert nicht nach dem einfachen Pars-pro-toto-Modell der klassischen (mechanischen) Physik. Nach welchem Modell funktioniert sie dann? Etwa nach dem von dir erwähnten Modell der Chemie? Oder nach einem gänzlich anderen?“

Dies ist in der Tat eine Frage, die in einer verallgemeinerten Form für jede Wissenschaft besonders wichtig ist. Am Beginn jeder Wissenschaft steht nämlich die Wahl eines Modells. Wenn kein eigenes Modell zur Verfügung steht, würde nichts dagegen sprechen, es mit einem erfolgreichen Modell aus einer anderen Wissenschaft zu versuchen. Auf diese Weise haben sich die Wissenschaften immer wieder gegenseitig befruchtet. Ein Modell - sei es das eigene oder das nachgeahmte - muss aber funktionieren, also einem praktischen Zweck dienen. Darin unterscheidet sich jede wahre Wissenschaft von der Kunst, der Mathematik oder von der Philosophie. Wenn man also am Ende des 19. Jahrhunderts versuchte, die ökonomische Theorie auf das partikel-mechanische Modell der klassischen Physik zu stellen, ließ sich damals nichts daran aussetzen. Man konnte nicht von vornherein wissen, ob dieses Modell erfolgreich sein würde. Und genau da liegt das Problem.

Das neoliberale Gleichgewichtsmodell hat sich nur als eine geistige Onanie erwiesen, mit verhängnisvollen praktischen Folgen. Ideologisch missbraucht und scharf gemacht, ist es - um mit Nietzsche zu sprechen - zum kältesten aller kalten Ungeheuer geworden. Deshalb besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass die ökonomische Theorie dringend ein völlig anderes, ein empirisch relevantes Modell braucht. Meiner Meinung nach ist die richtige Alternative das kreislauftheoretische Modell. Es ist natürlich kein neues Modell. Schon Quesnay hat es in die ökonomische Theorie eingeführt (Tableau économique, 1758), so dass man dieses Modell wie kein anderes in der ökonomischen Theorie als ihr eigen nennen darf. Anstatt dieses Modell weiter zu entwickeln, wurde es sehr bald aus der ökonomischen Theorie verdrängt. Smith hat nämlich alles, was mit den Zahlen und der Mathematik zu tun hat, beiseite geschoben, um ein ethisches Modell der (geregelten) Ordnung zur Grundlage der ökonomischen Theorie zu machen. Erst Marx hat das kreislauftheoretische Modell wieder in die ökonomische Analyse aufgenommen (Das Kapital, Bd. II, 1885), ohne an ihm etwas zu verbessern, so dass er zu völlig falschen Ergebnissen gelangt ist. Bald nach seinem Tod hat sich die Wirtschaftswissenschaft wieder einmal von diesem Modell verabschiedet und sich auf das partikel-mechanische Modell der Dampflokingenieure Walras und Pareto umgestellt. So viel zur Geschichte. Um die prinzipiellen (paradigmatischen) Unterschiede zwischen dem kreislauftheoretischen und dem partikel-mechanischen Modell zu verdeutlichen, werden wir uns jetzt mit zwei Sinnbildern behelfen: Für das erste Modell mit dem Sinnbild der Himmelskörperbewegung und für das zweite mit dem Sinnbild des Flusses.

Über das partikel-mechanische Modell haben wir schon einiges gesagt, so dass wir hier nur das Gesagte vervollständigen werden. Vor allem ist dieses Modell eine mathematische Interpretation der Bewegung der freien Partikel in einem leeren Raum. Die Mathematik hat dem weder etwas hinzugefügt noch etwas weggenommen. Sie hat nur eine Vorstellung über die Welt, die in diesem konkreten Fall auf die antiken Atomisten (Leukipp, Demokrit, Epikur) zurückgeht, in ihre eigene Sprache übersetzt. Nach dieser Vorstellung hat der Raum keinen Anfang und kein Ende. Alles, was sich in ihm befindet, gab es schon immer und wird es auch immer geben. In dem mechanischen Raum kann also weder etwas verschwinden noch etwas Neues entstehen. Nur die Position der Partikel ändert sich ständig, weil sich alles in diesem Raum ununterbrochen bewegt. Deshalb ist auch die Zeit eine der wichtigsten Kategorien der atomistischen Weltvorstellung. Aber Zeit in der mechanischen Welt, was besonders wichtig ist zu begreifen, hat keine Richtung. Würde sich die Zeit plötzlich rückwärts bewegen, würde diese Welt nicht nur problemlos weiter funktionieren, sondern wir würden gar nicht merken, dass es zu einer Zeitumkehrung gekommen ist. Was gerade in dem partikel-mechanischen Raum geschieht, hätte schon vor sehr langer Zeit genau so geschehen können und könnte auch morgen zum wiederholten Mal geschehen. Die Prozesse in der mechanichen Welt sind alle völlig reversibel. Übertragen auf die Gesellschaft ist die partikel-mechanische Welt eine Welt von Individuen, die streng in der Gegenwart leben. Mit Recht wird die neoliberale Weltvorstellung schon von Anfang an als statisch bezeichnet, was zwar ein bisschen verwirrend klingt, in einem tieferen Sinne dem aber so ist.

In dem Kreislaufmodell ist vieles anders. Wir können uns dieses Modell als eine mathematische Interpretation des Flusses vorstellen. Ein Fluss hat seinen Anfang und sein Ende. Er endet dort, wo er sein Wasser dem Meer übergibt. Das Meer befördert dieses Wasser durch die Wolken zum Fluss zurück, so dass sich der Kreis schließt. Ein Kreislauf hat also, anders als die partikel-mechanische Welt, sowohl eine Struktur als auch einen ausgerichteten Zeitablauf. Wie überträgt man nun dieses auf die Wirtschaft?

Ein Fluss kann beliebig viele Quellen haben, die ihn erschaffen, die man sich als primäre Produktionsfaktoren (Naturressourcen und Arbeit) einer Wirtschaft vorstellen kann. Was der Fluss in seinem letzten Stadium ins Meer befördert, würde den Konsumgütern entsprechen; alle Durchflüsse dazwischen ließen sich als Produktionsgüter verstehen. Bevor der Fluss das Meer erreicht, verzweigt er sich an vielen Stellen und diese Teilflüsse schließen sich wieder zusammen. Jede Stelle, wo sich mehrere Ströme (Inputs) treffen und dann wieder verzweigen (Outputs), kann man als eine Produktionsstätte betrachten. Diese Stellen sind, anders als im partikel-mechanischen Modell, nicht alleine von den Konsumentenbedürfnissen (Präferenzen) bestimmt („vorwärts determiniert“), sondern sie sind zugleich auch durch die ganze Produktionsstruktur davor bedingt („rückwärts determiniert“). Eine Produktionsstufe reiht sich nämlich nahtlos an die andere , so dass nicht nur die Präferenzschwankungen bei den Konsumgütern, sondern auch die Störungen in der Produktion den Güterstrom („das Gleichgewicht“) wesentlich beeinträchtigen. Das Kreislaufmodell hat also eine bestimmte Struktur, das partikel-mechanische hat dagegen keine. Auf diese fehlende Struktur lässt sich auch die Tatsache zurückführen, dass sich im partikel-mechanischen Modell die Produktionsgüter nicht von den Konsumgütern unterscheiden lassen. Das „Modell des Flusses“ kann dies, sowie einiges mehr, aber an dieser Stelle braucht uns dies nicht zu interessieren. Wir werden uns mit ihm noch ausführlich beschäftigen. Das neue Paradigma, das ich in dem Thematischen Bereich Ein neues Paradigma wagen vorlegen werde, wird nämlich auf das kreislauftheoretische Modell gestellt werden.

Schon diese kurze Gegenüberstellung zeigt in aller Deutlichkeit, wie viel komplizierter das Kreislaufmodell als das partikel-mechanische Modell ist. In der Soziologie würde man dazu üblicherweise sagen, dass es komplexer sei. Wäre es aber nicht möglich, auch das partikel-mechanische Modell weiterzuentwickeln, so dass man auf das Kreislaufmodell verzichten könnte? Man hat es bekanntlich immer weider versucht, es hat sich aber als unmöglich erwiesen. (Dieses Thema gehört aber zur Erkenntnistheorie, die an anderer Stelle behandelt wird) Diese zwei Modelle sind prinzipiell verschieden aufgebaut. Man kann z.B. nur ins kreislauftheoretische Modell technische Koeffizienten implementieren, so dass dieses Modell bestens für die Analyse der Produktion geeignet ist. Was bedeuten aber die technischen Koeffizienten?

Um eine bestimmte Menge von Gütern herzustellen, braucht ein Güterhersteller Produktionsgüter verschiedener Art und in verschiedenen Mengen. Z.B. für die Herstellung von 1 Tonne Eisen braucht man 10 Tonnen Erz, 2 Tonnen Steinkohle, 5 Megawatt elektrische Energie u.s.w. Diese Anteile, wenn man sie numerisch (nach ihrer relativen Größe) erfasst, nennt man technische Koeffizienten. Alle Koeffizienten zusammen genommen bestimmen eine Produktionstechnik, die wir oben mit dem Symbol τ bezeichnet haben.

Wenn man die Produktionstechniken aller Güterhersteller kennt, kann man ein System von Gleichungen aufstellen und die Preise der von ihnen produzierten Güter ausrechnen. Diese Preise sind andere als diejenigen, die man in dem Modell von Walras ausrechnet, auch deshalb, weil man im kreislauftheoretischen Modell mit verschiedenen Lohn- bzw. Profitquoten rechnen kann. In diesem Modell ist es also möglich, Zustände einer Wirtschaft (im Gleichgewicht) bei verschiedenen Verteilungsverhältnissen zwischen Kapital und Arbeit zu untersuchen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen waren es, die für große Unruhe im neoliberalen Lager gesorgt und zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Ökonomen geführt haben. An dieser Auseinandersetzung, die als „Cambridge-Cambridge-Kontroverse“ bekannt ist, waren sehr bekannte Namen beteiligt. Erwähnen wir etwa Piero Sraffa, Joan Robinson und Luigi L. Pasinetti von der englischen Universität Cambridge und Paul Samuelson und Robert Solow vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, Massachusetts, die sich auf die entgegengesetzte neoliberale Position geschlagen haben. Diese Kontroverse war der letzte Kampf, das Waterloo der neoliberalen Theorie, oder besser gesagt, sie hätte dies sein müssen, wäre die Wirtschaftswissenschaft eine echte Wissenschaft und die Wirtschaftswissenschaftler frei und rational denkende Menschen.

Cambridge gegen Cambridge: Die neoliberale Theorie und ihr Modell wurden der Lüge überführt

Die mathematischen Hintergründe dieser Kontroverse brauchen uns schon deshalb nicht zu interessieren, weil Fachökonomen aus beiden Cambridge-Universitäten exzellente Mathematiker waren, von denen man sich sicher sein kann, dass ihnen keine formalen mathematischen Fehler unterlaufen sind. Worauf es wirklich ankommt, ist die Deutung der mit Hilfe der Mathematik gewonennen Ergebnisse. Zu diesem Zweck bedienen wir uns der „Wirtschaft“, die wir oben tabellarisch dargestellt haben. In dieser Tabelle befinden sich drei Güterhersteller mit je zwei Produktionstechniken. Na ja, von einer Wirtschaft kann da beim besten Willen nicht die Rede sein. Diese drei Unternehmen sind offensichtlich dermaßen holzschnittartig konstruiert und ganz willkürlich ausgewählt, dass sie keine wirkliche Volkswirtschaft im Kleinformat darstellen können und folglich würden wir für sie kein sinnvolles mathematisches Kreislaufmodell aufstellen können. Dieser fehlende Realitätsbezug des Beispiels ist aber jetzt ohne Belang, weil wir die Wahl („Substitution“) der Produktionstechniken nur prinzipiell erklären wollen.

Unser Ausgangspunkt ist also die Wirtschaft aus der obigen Tabelle (3 Güterproduzenten mit je 2 Produktionstechniken), die sich im Gleichgewicht befindet. Jeder der drei Güterproduzenten hat sich für eine Produktionstechnik entschieden, die nach den geltenden Marktpreisen für ihn die billigste ist. Die Profite und Löhne stehen dann in einem bestimmten quantitativen Verhältnis. Wenn sich irgendwann diese Einkommensverteilung ändert, aus welchen Gründen auch immer, ändern sich auch die Preise der Güter. Dies veranlasst die Güterhersteller zu handeln. Sie rechnen die Produktionskosten der (je zwei) für sie in Frage kommenden Produktionstechniken aus, wobei sie jetzt die neuen Preise benutzen. Weil sich die Preise geändert haben, kann es jetzt durchaus vorkommen, dass bei einem oder bei mehreren Güterproduzenten eine andere Produktionstechnik billiger wird als die davor angewandte. Dann entscheidet sich der Unternehmer, seine, jetzt auf einmal teurer gewordene Produktionstechnik zu wechseln - zu „substituieren“. Dies wäre die grobe, prinzipielle Beschreibung dessen, was in den Betrieben normalerweise passiert. Wir konkretisieren es jetzt ein bisschen.

In unserem Fall, wo wir 3 Unternehmen mit je 2 Produktionstechniken haben, lassen sich insgesamt 8 Kombinationen bilden. Sie stehen auf der linken Seite der nächsten Abbildung nebeneinander. Welche Kombination sich im konkreten Fall bei unseren drei Unternehmen bilden wird, hängt von dem Anteil der Löhne am Volkseinkommen - von der Lohnquote - ab. In der Abbildung rechts gehen wir von einer Lohnquote von 80% aus, die dann über 70% und 60% auf 50% absinkt. Bei jedem Absinken der Lohnquote, weil dieses zwangsläufig eine Preisänderungen zur Folge hat, kommt es mindestens bei einem unserer drei Güterhersteller zum Technikwechsel. In der neoliberalen Theorie würde man dies ähnlich sehen, man würde aber nicht von Substitution der Produktionstechniken, sondern der Produktionsfaktoren reden. Alles nur ein anderer Sprachgebrauch? Nein, mit dem Begriff Produktionstechnik gelangt man zu einer Erkenntnis, die im Rahmen des partikel-mechanischen Modells unvorstellbar wäre. Aus der Abbildung rechts lässt sich unschwer entnehmen, worum es geht.


 

 

Wenn die Lohnquote auf 50% fällt, bildet sich nämlich die exakt gleiche Kombination von Produktionstechniken heraus wie bei der Lohnquote von 80%. Dies nennt man Reswitching oder auf Deutsch: zurück wechseln. Wenn die Löhne fallen, kann also die Wirtschaft „paradoxerweise“ wieder zu einer der ursprünglichen Techniken zurück wechseln.

Warum ist dieses Ergebnis für die neoliberale Theorie so verhängnisvoll? Wenn die Löhne fallen, so hat uns diese Theorie immer gelehrt, würden infolge der Substitution des Kapitals durch Arbeit neue Arbeitsplätze entstehen. Nun stellen wir fest, dass die Wirtschaft nach der Lohnsenkung (auf 50%) zu der Produktionsstruktur zurückgekehrt ist, die wir vorher schon einmal (bei 80%) gehabt hatten. Man kann dieses Ergebnis drehen und wenden, wie man will, es besagt: Die Lohnsenkung schafft keine neue Arbeitsplätze. Wenn die Produktionstechniken gleich sind, muss natürlich in beiden Fällen auch die Zahl der Beschäftigten gleich bleiben. Die Lohnsenkung führt also zu keiner Substitution des Kapitals durch Arbeit. Zumindest nicht in unserem Beispiel, wenn man die Situation bei der Lohnquoten von 80% mit der von 50% vergleicht. Jawohl, es könnte sein, dass sich bei der Lohnquote von 60% die Zahl der Arbeitsplätze erhöht hat. Dies kann aber die neoliberale These über die Substitution des Kapitals durch Arbeit nicht retten. Was die neoliberale Theorie für eine Gesetzmäßigkeit hält gibt es in der Wirklichkeit nicht. Der neoklassischen („realen“) Produktionstheorie wurde nach der „Cambridge-Cambridge-Kontroverse“ das Rückgrat gebrochen.

An dieser Stelle ist es noch wichtig zu unterstreichen, dass sich dies alles mathematisch genau nachvollziehen und beweisen lässt. Während der „Cambridge-Cambridge-Kontroverse“ wurde also mit der analytischen Waffe gekämpft, die von Anfang an der ganze Stolz der neoliberalen Theorie war, mit der Mathematik, die aber die neoliberale Theorie offensichtlich im Stich gelassen hat. Das Substitutionsprinzip, oder wie es Schumpeter begeistert nennt, Thünens „berühmtes Substitutionsgesetz“, gibt es nicht. Es war schon immer nur ein Phantasieprodukt der Stümper und Scharlatane - eine gewaltige akademische Idiotie. Oder war das neoliberale Substitutionsprinzip doch zu etwas nützlich?

Aus unserer Abbildung kann man auf den ersten Blick schließen, dass das „Substitutionsgesetz“ in einem Punkt Recht hat, nämlich was die Produktivität betrifft: Nach der Lohnsenkung bzw. dem Reswitching ist der frühere Zustand zurückgekehrt, so dass sich offensichtlich auch an der Produktivität gar nichts ändern konnte. Sie ist gleich geblieben. Dies widerspricht der Auffassung der älteren Ökonomen und der Auffassung von Marx, dass man immer und unbedingt mehr Kapital braucht, um die Arbeit produktiver zu machen. Ja, sie haben sich getäuscht, aber das zu klären war nie das Anliegen der neoliberalen Theorie, im Gegenteil. Für sie ist das Sparen ungeheuer wichtig. Wie sonst könnte sie enorme Einkünfte, die nicht aus der Arbeit stammen, erklären? Wir sollten also der neoliberalen Theorie nicht irgendwelche Anerkennung für etwas zollen, was sie sich nie verdient hat. Sie wollte uns nie sagen, dass die alte Theorie der Akkumulation falsch sei, sondern nur, dass die Wirtschaft effizient sein kann, unabhängig davon, wie niedrig die Löhne sind. Effizient? Ja, sie spricht immer von Effizienz. Was bedeutet sie aber? - fragen wir wieder einmal. Wird damit auch Produktivität gemeint?

In unserem Beispiel könnte man unter der Effizienz auch die Produktivität verstehen. Wir haben hier in der Tat einen Fall, wo die Lohnsenkung die Produktivität nicht beeinträchtigt. Aber dies sollte uns nicht auf falsche Gedanken bringen und voreilig zu falschen Verallgemeinerungen veranlassen. Auch wenn eine Kombination zwei (oder mehrere) Mal wiederkehrt, ist damit noch nicht gesagt, dass die Kombinationen mit hoher und niedriger Produktivität gleich oft vorkommen würden. Die produktiveren Kombinationen können sich nämlich an ganz bestimmten Stellen häufen. Unsere nächste Aufgabe wäre also herauszufinden, bei welcher Lohnquote die Wirtschaft eher zu produktiveren Kombinationen tendiert bzw. bei welcher zu weniger produktiven. Die Mathematik könnte uns bestimmt helfen können, auch diese Frage zu beantworten, aber wir versuchen es auch diesmal ohne sie.

Fangen wir mit der Annahme an, dass der Lohn die einzige Einkommensart ist. Die Lohnquote würde dann 100% betragen. (So sollte es in der kommunistischen Wirtschaft nach der Auffassung von Marx und vieler Sozialisten sein.) Wenn dann der Unternehmer mit solchen Preisen die Kosten der Produktionstechniken kalkuliert, entspricht die Summe der so ausgerechneten Kosten immer exakt der Arbeitsmenge, welche die betrachteten Produktionstechniken beanspruchen. Die kostengünstigere (in Betracht kommende) Produktionstechnik ist dann zugleich auch diejenige, die für das konkrete Unternehmen die produktivste ist. Wenn jedes Unternehmen sich für die billigste Produktionstechnik entscheidet, wird automatisch dafür gesorgt, dass die Wirtschaft als Ganzes die maximale Produktivität erreicht. Was für einzelne Unternehmen das Beste ist, ist also - in diesem Fall - auch für die ganze Wirtschaft das Beste.

Wenn neben der Arbeit auch noch für die Nutzung des Kapitals bezahlt werden muss, wenn also auch Profit unter die Kosten subsumiert wird, kann die Summe der Kosten nicht mehr zugleich der gesamten Arbeitsmenge gleich sein. Die kostensparendste Produktionstechnik muss dann nicht zugleich die arbeitssparendste sein. Auch die Wirtschaft als Ganzes wird mit den Produzenten, die zwar die kostengünstigeren, aber nicht die arbeitssparendsten Produktionstechniken wählen, nicht die maximal mögliche Produktivität erreichen. Es ist nahe liegend, dass die Summe der Kosten desto mehr von der Arbeitsmenge abweicht, je größer die Profite (und andere Kostenposten) sind. In mathematischer Sprache ausgedrückt, je niedriger die (nominale) Lohnquote in einer Wirtschaft ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Kombination der Produktionstechniken eine weniger produktive ist und umgekehrt. In der Statistik würde man dazu sagen: Produktivität und Löhne korrelieren.

Eine ähnlich einfache Überlegung hat schon Marx benutzt und ist zur Schlussfolgerung gelangt, die bei uns als Motto vorangestellt ist. Er konnte wahrscheinlich jedoch nicht einmal ahnen, wie schwierig ein exakter Beweis sein kann, aber er hatte in diesem Fall Glück und seine Schlussfolgerung, dass die Arbeitspreise produktiver seien als die Marktpreise (er nennt sie „Produktionspreise“), war völlig richtig. Der Kapitalismus kann nicht die Produktionsfaktoren optimal kombinieren, das ist sein großer Nachteil. Er hat sich aber als der Einzige erwiesen, der immer neue Produktionstechniken erfinden kann und das ist das wahre Geheimnis seiner Fähigkeit, die Produktivität ständig zu steigern. Nicht die Kapitalakkumulation!

Was konnten die neoliberalen Ökonomen dem Reswitching entgegensetzen? Es gab einige wenige sachliche Verteidigungsansätze (wie etwa die „Surrogat-Produktionsfunktion“ von Samuelson), aber sie alle waren nichts anderes als nur Geplänkel. Es gibt - einfach gesagt - nichts, was sich wirksam und überzeugend gegen die Ergebnisse des Kreislaufmodells stellen ließe. Nachdem dies nicht mehr zu bestreiten ist, wäre es fair und ehrlich, wenn man im Namen aller neoliberalen Theoretiker sagen würde: Tut uns leid, Jungs, war halt nur so 'ne Idee von uns!  Dies wäre die einzig richtige Verhaltensweise der Wissenschaft, die Anspruch auf Seriosität erheben könnte. Nichts aber ist geschehen! Das sinnlose und falsche neoliberale partikel-mechanische Modell hat sich als eine effiziente ideologische Waffe für die Verteidigung der industriellen Klassengesellschaft erwiesen, und so etwas kann man doch nicht einfach opfern! Der bekannte amerikanische Ökonom Paul Krugman, seit kurzer Zeit auch Nobelpreisträger (2008), hat es folgendermaßen zusammengefasst:

„Warum ist also die Angebotsideologie dennoch nicht totzukriegen? Vermutlich wegen zwei zentraler Merkmale, die sie mit anderen Doktrinen gemein hat: Sie deckt sich mit den Vorurteilen und Vorlieben der Superreichen, und sie ist ein Zufluchtshafen für die intellektuell Schwachbrüstigen. Obwohl im Zentrum der politischen Debatte stehend, ruht die Wirtschaftsforschung auf einer äußerst bescheidenen finanziellen Basis. ...
Dies bedeutet, dass bereits ein paar wenige reiche Spinner in der Lage sind, mit einem von ihnen unterhaltenen Netz von „Denkfabriken“, Forschungseinrichtungen, Stiftungen und so weiter kräftig mitzumischen und eine Wirtschaftsideologie ihrer Wahl salonfähig zu machen. ... Die Ökonomen, die sich für solche Einrichtungen hergeben, zählen freilich nicht gerade zu den besten und hellsten Köpfen des Landes.“ ... >

Man kann natürlich immer sagen: Alles nur Theorie! Jawohl, was sonst? Wenn aber ein Vertreter der neoliberalen Theorie so etwas von sich gibt, muss man aufhorchen. Frecher und zynischer kann es gar nicht gehen! Natürlich will und kann keiner bestreiten, dass auch ein kreislauftheoretisches Modell eine „Theorie“ ist. Es stimmt auch, dass sich auch mit diesem Modell die Wirtschaft nicht im Verhältnis 1:1 abbilden lässt, so dass wir im PC nicht virtuelle Experimente machen können, was wäre, wenn man dies oder das tun würde. Aber mit dem neoliberalen Modell lassen sich erst recht keine solchen Simulationen machen. Es macht aber einen wesentlichen Unterschied, ob ein Modell technische Koeffizienten benutzt, die sich aus jeder konkreten Betriebskalkulation problemlos ermitteln lassen, oder Präferenzen bzw. Nutzenfunktionen, die sich aus empirischen Daten überhaupt nicht herleiten lassen. Im ersten Fall hat man feste Bezugspunkte zur Realität, im anderen Fall spinnt man sich etwas aus der Luft. Außerdem müssen die wissenschaftlichen Modelle nicht immer die ganze Realität „treu“ nachbilden. (In der Atomphysik ist dies gar nicht möglich: Wie ein Atom wirklich gebaut ist, wissen wir nicht im Entfertesten.) Ein Modell der „Wirklichkeit“ gilt als wissenschaftlich korrekt schon dann, wenn es richtige, nachprüfbare Aussagen liefert. Auf diese Weise können wir auch das kreislauftheoretische mit dem partikel-mechanischen Modell vergleichen und sie danach beurteilen. Man kommt dann zu den folgenden Ergebnissen:

Es hat sich noch nie bestätigt, dass sich mit niedrigeren Löhnen die Arbeitslosigkeit bekämpfen lässt, dass also durch angebliche Kapitalsubstitution mehr Arbeit nachgefragt wird. Die Löhne reagieren immer prozyklisch: beim Aufschwung steigen sie, beim Abschwung fallen sie. Auch der Zusammenhang zwischen der Produktivität und der Lohnquote widerspricht der neoliberalen Theorie. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Löhne so schnell gestiegen sind wie nie in der Geschichte, ist auch die Produktivität gestiegen wie nie zuvor. Wenn man die ganze Geschichte des Kapitalismus in Betracht zieht, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass es kein Land gibt, das sich mit niedrigen Löhnen entwickelt hat und ökonomisch „effizient“ bzw. produktiv wurde. Mit dem Doppelklick auf können wir uns anschauen, dass auch dieser bekannte asiatische „kleine Tiger“ nicht so entstanden ist, indem man zuerst gespart und auf den Lohn verzichtet hat, sondern es war völlig anders. Und was stellen wir in den letzten Jahrzehnten fest? Es wird immer wieder über einen sich beschleunigenden technischen Fortschritt berichtet, die Produktivität der westlichen Wirtschaften steigt aber deutlich langsamer als früher. Kann dies wirklich nichts damit zu tun haben, dass in dieser Zeit die Löhne immer langsamer gestiegen sind oder gar stagniert haben?

Weiterführende Literatur zum Thema Reswitching

Sollte es mir die Zeit später erlauben, werde ich ein konkretes Beispiel vorlegen - ein Kreislaufmodell einer kleinen, überschaubaren Wirtschaft mit Zahlen -, um zu zeigen, wie sich die Preise durch die Einkommensverteilung ändern und wie die Unternehmen darauf reagieren bzw. die Produktionstechniken austauschen.

Diejenigen, die mit den (linearen) mathematischen Gleichungen vertraut sind, finden eine hervorragende Darstellung der „Cambridge-Cambridge-Kontroverse“ und des „Reswitching-Paradox“ im Lehrbuch von Michael Heine und Hansjörg Herr (Kapitel 3.3):

Volkswirtschaftslehre: paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, R. Oldenbourg Verlag, München - Wien, 2003.

In mehrerer Hinsicht ist dieses Buch sehr empfehlenswert:

Die Professoren Heine und Herr tun nicht so, wie es bei den heutigen verlogenen und schwachbrüstigen Mainstreamökonomen üblich ist, als ob die Wirtschaftswissenschaft ein System von nicht mehr bezweifelbaren Erkenntnissen oder gar Wahrheiten wäre, welche die Funktionen der Marktwirtschaft endgültig erklären. Die Wirtschaftswissenschaft ist nach den Autoren dieses Lehrbuchs ein loses Bündel von theoretischen Ansätzen (Paradigmen), die „fundamental unterschiedliche Auffassungen über die Gesetzmäßigkeiten wirtschaftlicher Phänomene und Entwicklungen reflektieren“. Wenn sie sich mit diesen Ansätzen auseinandersetzen, zeigen sie, wo diese mangelhaft und nicht schlüssig sind. Ihre Kritik zügeln sie nur dann, wenn Gefahr besteht, das ökonomische Fach komplett zu diskreditieren. (Sie sind schließlich Professoren, und dieses Fach ist ihr Brotgeber.) Angesicht der unbestreitbaren Tatsache, dass die Wirtschaftswissenschaft seit zwei Jahrhunderten nur selten richtige Fortschritte gemacht hat und sich für praktische Zwecke fast immer als unfähig erwiesen hat, ist eine dermaßen kritische Einstellung ein sicheres Zeichen wissenschaftlicher Ehrlichkeit, die bei den Vertretern der ökonomischen Zunft, in Deutschland insbesondere, bedauerlicherweise selten zu finden ist.

Nach der Erörterung jedes Ansatzes (Paradigmas) folgt seine kritische Würdigung. Diese ist immer sehr aussagekräftig, und damit unterstreicht sie noch zusätzlich die klare und scharfe Denkweise und ihr tiefes Verständnis der Materie. Aber für die Autoren ist nicht nur wichtig herauszufinden, was ein theoretischer Ansatz leistet bzw. wo er scheitert, sondern vor allem, ob er sich überhaupt mit Problemen beschäftigt, die einen wirklichen Sinn haben. Damit erhebt sich dieses Lehrbuch deutlich über viele, die in die gleiche Kategorie gehören.

Mit einem Wort: ein exzellentes Buch, eine Fundgrube für alle, die von einem Lehrbuch mehr erwarten als in eine komplizierte akademische Sprache eingewickelte Fachbanalitäten und kontextlose Fetzen aus irgendwelchen mathematischen Übungen. Allerdings ist dies auch ein mathematisches Buch, aber die Mathematik wird dort gebraucht, wo es wirklich nötig und nützlich ist.

 

Der Leser, der sich für die mathematischen Kreislaufmodelle interessiert, ist bestens mit dem Buch von Luigi L. Pasinetti bedient:

Vorlesungen zur Theorie der Produktion, Metropolis Verlag, Marburg, 1988.

Auch die Problematik der Technikwahl und des Reswitching ist hier natürlich ausführlich behandelt und einleuchtend dargestellt.

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