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  Das Denkmuster, nach dem der Neoliberale die Welt begreift
  Die paradigmatischen Grundlagen der neoliberalen Theorie
 

Alle wichtigen Lehren oder Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft - heute sagt man einfach Theorien - sind ein Produkt der europäischen Moderne, genauer gesagt ihrer rationalistischen Philosophie. Nach dieser Philosophie sollte sich die ganze Realität mit einer bestimmten Zahl von universal und zeitlos geltenden Prinzipien (logischen Mustern) vollständig erklären lassen. Nach solcher rationalistischen Vorstellung kann bzw. muss eine jede Wissenschaft ein System, d. h. ein nach bestimmten Prinzipien geordnetes Ganzes der Erkenntnisse sein. Diese Auffassung von Wissenschaft scheint uns heute so selbstverständlich zu sein, als ob es schon immer so gewesen sein müsste. Sie ist jedoch eine sehr junge Errungenschaft des menschlichen Geistes und zugleich eine radikale Wende in der kulturellen Entwicklung der Menschheit. In der vormodernen Zeit hat man nämlich unter den Lehren oder Doktrinen ein loses Bündel aus Erfahrungen, Empfindungen und Intuitionen verstanden, welche von einer Autorität ausgewählt, zusammengestellt und zu Dogmen erklärt worden sind. Folglich galten neue Erkenntnisse oder Praktiken als wahr und richtig, wenn sie im Einklang mit diesen Dogmen standen, worüber ebenfalls die Autoritäten entschieden haben.

Diese rationalistische Denkweise bei den modernen Wissenschaften hat sich als fast unglaublich erfolgreich erwiesen. Sie lieferte umfangreiche und detaillierte Kenntnisse über die Natur, von denen man früher nicht einmal zu träumen wagte. Angesichts dieser Erfolge fühlte sich die rationalistische Philosophie, und zwar völlig zu Recht, in ihren maximalistischen Ansprüchen großartig bestätigt. Es sah vorerst wirklich so aus, als ob die ganze Realität in ein einziges logisch widerspruchsfreies System passen würde. Das Gedachte schien eine treue Spiegelung des Seienden zu sein. Der frühmoderne Rationalismus schien auf der ganzen Linie gesiegt zu haben. Und dann geschah etwas Unvorstellbares.

Die neuen, der Ratio verpflichteten (Natur-)Wissenschaften gingen ihren eigenen rationalistischen Weg weiter und da stellte sich heraus, dass sich neue Bereiche der Realität bzw. neue empirische Tatsachen nur mit neuen Denkweisen erreichen lassen, die aber mit den gewohnten (mainstream) Denkweisen kein widerspruchsfreies Ganzes mehr bilden können. Dies war das endgültige Ende des geschlossenen Erkenntnissystems der Welt. Sie zerfiel in partielle und autonome Denkweisen oder Denksysteme, die untereinander nicht mehr kommensurabel („kompatibel“) sind. Heute bezeichnet man sie als Paradigmen. So entstehen immer neue Paradigmen, die mit den älteren in Wettbewerb stehen, so dass die besseren siegen, die aber bald von neu entstandenen herausgefordert werden. Setzt sich ein neues Paradigma durch, spricht man von einer erfolgreichen wissenschaftlichen Revolution oder vom Paradigmenwechsel (Kuhn).

Ich bin der festen Überzeugung, dass auch die Wirtschaftswissenschaft auf keine andere Weise Fortschritte machen kann als alle erfolgreichen (exakten) Wissenschaften bisher, also nur durch „wissenschaftliche Revolutionen“ und „Paradigmenwechsel“. Die Ökonomen wollten aber davon nie etwas wissen und das hat sich immer noch nicht geändert. Deshalb habe ich es für notwenig gehalten, am Anfang dieses thematischen Bereichs, mit dem Schwerpunkt Das Elend der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dorthin, die Problematik des wissenschaftlichen Fortschritts aus einem breiten Betrachtungswinkel zu erörtern. Für jene Besucher dieser Website, die weniger an allgemeinen erkenntnistheoretischen (und methodischen) Fragen interessiert sind oder dafür vorerst keine Zeit haben, hier rechts eine kurze Zusammenfassung:

Es war einfach zu viel, was die Philosophen am Anfang der Moderne von der Ratio erwartet haben. Die Realität ist nämlich zu komplex für ein aus dem Kopf des homo sapiens entsprungenes logisches Erklärungssystem, das universal gelten würde. Wir müssen folglich jeder Wissenschaft erlauben, dass sie sich für ihren Forschungsbereich die am besten geeignete Denkweise auswählt und dass sie sich auch völlig neue Denkweisen aneignet, wenn sie nicht anders vorankommt. Der geschlossene Rationalismus vom Anfang der Moderne, ich bezeichne ihn auch als Monologizismus, war also eine Anmaßung, aber nicht nur das. In seiner Annahme im Sinne der Spiegelmetapher, die Realität so zu erklären, wie sie „wirklich“ ist, ist dieser Rationalismus zweifellos falsch. Das rationale Denken kann die Realität, wie sie „wirklich ist“, also das sogenannte „Ding an sich“ (Kant) nie erreichen. Die rationalen Schlussfolgerungen können sich nur auf die Oberfläche der sinneszugänglichen Tatsachen beziehen. Für einen Philosophen kann dies enttäuschend wenig sein, aber für die Existenz des Menschen reicht ein Wissen über die Tatsachen völlig aus. Insoweit tun die Wissenschaften, die ihre Aufgabe darin sehen, die Tatsachen vorherzusagen und zu verwirklichen, genau das Richtige. Sie können also auch nach dem Zerfall des alten geschlossenen Rationalismus weitermachen wie bisher, nur müssen sie sich der Notwendigkeit bewusst sein, dass für die grundlegenden Fortschritte, also für die Erklärung des früher Unerklärbaren und für die Eroberung von neuen „Schichten“ der Tatsachen, immer ein Paradigmenwechsel vorausgehen muss. Über die Notwendigkeit des Paradigmenwechsels lässt sich in aller Kürze folgendes sagen:

Zu einem Paradigma gehört vor allem eine bestimmte Zahl von Annahmen, Prinzipien und Methoden, welche die Wissenschaftler zur Grundlage ihrer Forschung machen. Erst diese Grundlagen machen eine systematische Forschung möglich. Sie bestimmen nämlich, was beobachtet und erforscht werden soll, welche Ergebnisse als relevant gelten können und wie diese interpretiert werden dürfen. Diese paradigmatischen Grundlagen sind immer sehr abstrakt. Solange man sich deduktiv noch in ihrer Nähe bewegt, ist folglich der freie Raum für die Aufnahme (Implementierung) neuer logischer Verknüpfungen und Muster noch groß. Diese ursprüngliche Phase des neuen Paradigmas, wenn seine Grundlagen noch bedeutende Verbreiterungen und Vertiefungen erlauben, nennt man „normale Wissenschaft“ (Kuhn).

Aber die paradigmatischen Grundlagen machen die Wissenschaft nicht nur möglich, sondern sie beschränken sie auch zugleich. Sie schützen sie nämlich vor all dem, was ihre innere Schlüssigkeit (Konsistenz) zerstören könnte. Dies macht die „normale Wissenschaft“ hilflos, wenn sie auf Tatsachen stößt, für die sie keine Erklärung findet. Man spricht dann von Anomalien oder Paradoxen. Um die „normale Wissenschaft“ bzw. ihr Paradigma zu retten, greift man nach Ad-hoc-Hypothesen. Aber sie bedeuten keinen wissenschaftlichen Fortschritt mehr. Sie sind nur spitzfindige Versuche, die Niederlagen zu kaschieren. Die steigende Anzahl an Paradoxen und Ad-hoc-Hypothesen ist ein sicheres Zeichen, dass eine Wissenschaft degeneriert (Lakatos), so dass dann nichts anderes übrig bleibt, als sich nach völlig neuen paradigmatischen Grundlagen umzuschauen. Hat man sie gefunden, kann der nächste Paradigmenwechsel stattfinden. Das alte Paradigma wird aus der Wissenschaft entweder gänzlich verstoßen (Kuhn) oder von dem neuen eingewickelt (Bachelard).

Das paradigmatische Gerüst einer Wissenschaft - in den Naturwissenschaften sagt man einfach Modell - kann sehr abstrakt sein, also weitgehend aus der formalen Logik und Mathematik bestehen. Als solches kann es dem Laien schwer zugänglich sein. Wenn es aber nicht um eine praktische und konkrete Anwendung einer Wissenschaft geht, wo es auf das letzte Detail ankommt, wenn man nicht mehr will als nur ihr Paradigma möglichst einfach und anschaulich zu erklären, braucht man nicht auf abstrakte paradigmatische Grundmuster zurückzugreifen. Man kann das „Original“ mit einem passenden Musterbeispiel ersetzen. Dieser illustrativ-metaphorische Ersatz muss natürlich gleiche Intentionen entfalten und zu gleichen Schlussfolgerungen führen. Ein solches Musterbeispiel lässt sich immer finden, auch bei den mathematisch anspruchsvollen Wissenschaften. Wir erinnern uns daran, dass es z.B. zahlreiche, für den Laien geschriebene Bücher gibt, wo man auf einleuchtende Weise sogar die Einsteinsche Relativitätstheorie erklärt bekommt. Der Leser dieser Bücher wird dadurch noch kein Physiker und Ingenieur, aber er kann sich eine grobe Vorstellung davon machen, worum es in dieser Theorie geht. Er kann zugleich erfahren, was die betreffende Theorie bzw. das Paradigma in der Praxis konkret geleistet hat.

 

Sind die wichtigsten ökonomischen Lehren und Doktrinen - zumindest die bekanntesten, also jene mit zahlreichen treuen Anhängern - wirkliche wissenschaftliche Paradigmen? Nach meiner festen Überzeugung genügt nur die frühliberale Lehre der natürlichen Ordnung den strengen Ansprüchen eines wirklichen wissenschaftlichen Paradigmas. Alle späteren Versuche, diese frühliberale Lehre wesentlich nachzubessern oder sie zu ersetzen, greifen nicht weit genug. Sie sind keine richtigen Paradigmen, weil ihnen entweder ein richtiger Bezug zur Realität fehlt (Marxismus, Neoliberalismus) oder weil ihre analytischen Grundlagen zu dürftig sind (Ordoliberalismus, Keynesianismus). Aber wir müssen uns mit dem abfinden, was uns zur Verfügung steht. Angesichts der unbestrittenen Tatsache, dass die Wirtschaftswissenschaft noch erschreckend erfolglos und rückständig ist, können wir auch nicht so streng mit ihren „Paradigmen“ sein.

Ist die neoliberale Gleichgewichtstheorie ein richtiges Paradigma?

Die neoklassische oder, wie ich sie im Folgenden nennen werde, die neoliberale Theorie war keine eigene Schöpfung der Wirtschaftswissenschaft. Die Begründer des Neoliberalismus, die zwei spitzfindigen Maschinenbauingenieure Léon Walras (1834-1910) und Vilfredo Pareto (1848-1923) haben einfach ein bereits längst bekanntes Paradigma (Modell) der klassischen Physik abgekupfert. Sie sind stillschweigend von den damaligen, weit verbreiteten Meinung ausgegangen, dass der Urvater der klassischen Physik, Isaac Newton, in seiner „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ erklärt hat, wie die ganze Realität - sowohl die Natur als auch der Mensch - wirklich funktioniert, und haben schließlich nach dieser Philosophie ihr so genanntes Modell des allgemeinen Gleichgewichts aufgebaut.

Auf den Punkt gebracht: Die neoliberale Theorie ist in Wahrheit ein Relikt aus den Zeiten der Postkutsche und der Dampflok. Aber die Unfähigkeit der Ökonomen nach Smith, eigene Ideen zu entwickeln, so dass man fremde klauen musste, wäre nur ein Schönheitsfehler der Wirtschaftswissenschaft, wenn es funktionieren würde. Für eine seriöse Wissenschaft zählt letztendlich nur, ob sie Tataschen vorhersagen oder verwirklichen kann. Die neoliberale Theorie kann dies aber bis heute nicht. Anders als in der Physik, wo man vorerst mit dem partikel-mechanischen Modell große Erfolge feiern konnte, hat dieses Modell in der neoliberalen Theorie nie etwas gebracht.

Es ist sicher interessant, dass die Physik später ihr partikel-mechanisches Modell für immer verstoßen hat. Einerseits wurde es durch die Quantentheorie (Mikrophysik) und andererseits durch die Einsteinsche Relativitätstheorie (Makrophysik) ersetzt. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass die Paradigmenwechsel in der ökonomischen Theorie und in der Physik fast gleichzeitig stattgefunden haben, jedoch mit einem genau umgekehrten Vorzeichen: Die Physiker haben sich von dem partikel-mechanischen Modell verabschiedet, die Ökonomen haben es gerade entdeckt und in ihm der Weisheit letzten Schluss gesehen.

Da die analytischen Mittel der Theorie der klassischen Mechanik aus der Mathematik stammen, ist auch das neoliberale Gleichgewichtsmodell vornehmlich eine mathematische Schöpfung. Dies hat das intellektuelle Prestige der ökonomischen Theorie immens gesteigert. Diese künstlerische Beherrschung der Mathematik abseits der Realität bleibt aber bis heute das Einzige, worauf die neoliberale Theorie stolz sein kann. So betrachtet, also rein formal, war die neoliberale Wende mit der Übernahme des partikel-mechanischen Modells der klassischen Physik ein Paradigmenwechsel, jedoch kein wissenschaftlicher. Es handelte sich um nichts anderes als um eine ideologische Strategie zur Rechtfertigung und Propagierung der uneingeschränkten Herrschaft des Kapitals und der Wirtschaft. Die neoliberale Theorie war kein ernsthafter Versuch, um irgendwelche ökonomischen Probleme zu lösen, sondern um „Schuldigen“ vorzuführen. Die freie Markwirtschaft sollte als eine in jeder Hinsicht perfekt funktionierte Ordnung präsentiert werden, welche vom dummen und gierigen Lohnempfänger gestört und manchmal sogar zum Absturz gebracht wird.

In den folgenden Beiträgen wollen wir das totale wissenschaftliche Versagen der neoliberalen Theorie ausführlich darlegen, untersuchen und beweisen. Sie ist zwar in einer recht komplizierten mathematischen Sprache verfertigt, wir können uns aber - wie bereits angedeutet - diese Mathematik sparen. Alles was dieses Modell zu sagen hat, werden wir aus einem einfachen Beispiel entnehmen können. Dieses Musterbeispiel soll verdeutlichen, wie der Warentausch stattfindet. Damit haben wir schon etwas expliziert, was für die neoliberale Theorie bzw. ihr Paradigma von grundlegender Bedeutung ist: Tausch. Schon hier ist die paradigmatische Wende deutlich sichtbar. Im Zentrum der Interessen der ökonomischen Theorie davor - die Marxsche eingeschlossen -, stand nämlich nicht der Tausch, sondern die Produktion. Deshalb hatte es auch einen Sinn, die Politische Ökonomie, wie man noch im 19. Jahrhundert die Wirtschaftswissenschaft nannte, in Ökonomik zu umbenennen. Es gab auch Vorschläge, die neue Theorie bzw. das Paradigma als Katallaktik zu bezeichnen, nach dem klassischen griechischen katallattein mit der Bedeutung „tauschen“ oder „Handel treiben“. Diese (bessere) Bezeichnung hat sich jedoch nicht durchgesetzt.
 

Ein illustratives Musterbeispiel über die Optimierungsfähigkeiten des freien Marktes

Wie findet ein Tausch statt und was bedeutet er? Um es herauszufinden, unternehmen wir - im Rahmen unseres Musterbeispiels - einen gedanklichen Besuch in einem Gefangenenlager. Stellen wir uns vor, es wurden nach einem Krieg 100 Soldaten gefangen genommen. Die Verhandlungen zwischen den sich bekriegenden Seiten ziehen sich in die Länge, so dass das Gefangenenlager Versorgungsprobleme bekommt und somit auf die Unterstützung von draußen angewiesen ist. Eine karitative Organisation spendet ihm 100 Päckchen: ein Päckchen für jeden Gefangenen. In jedem von ihnen befinden sich folgende Bedarfsartikel:

5 Fleischkonserven, 10 Milchpulverdosen, 10 Würstchen, 10 Zigarettenschachteln, 2l Wein, 50 Zuckerwürfel, 5 Rasiermesser, 15 Teebeutel, ...

Alle Gefangenen freuen sich natürlich über solche Geschenke, aber nicht alle sind ganz zufrieden. Die Nichtraucher und die Abstinenten murren am lautesten. Sie haben in ihrem Sortiment auch Güter, die sich nicht brauchen können. Es dauert nicht lange, da kommen andere Gefangene auf sie zu und schlagen ihnen vor, mit ihnen zu tauschen. Die anderen Gefangenen fanden dies interessant und auch für sie selbst nützlich und so haben auch sie begonnen, die Güter aus ihren Päckchen untereinander zu tauschen. Der Lagerhof hat sich in einen Marktplatz verwandelt, auf dem gefeilscht und gehandelt wurde, was das Zeug hält. Der Lagerleiter hat dieses „anarchische“ Treiben von der Seite interessiert beobachtet, aber ohne einzuschreiten. In seinem Bericht hat er später folgendes festgehalten.

- Zwei Gefangene haben sich an dem Tausch gar nicht beteiligt, weil sie der Meinung waren, sie würden damit den Geschenkgeber beleidigen.

- Drei weitere Gefangene waren zwar gewillt zu tauschen, es schien ihnen aber kein Angebot günstig genug zu sein, so dass sich bei ihnen nichts geändert hat.

- Die übrigen fünfundneunzig Gefangenen haben in einem kleineren oder größeren Umfang ihr ursprüngliches Sortiment ausgetauscht.

Der Lagerleiter hat daraus folgende Schlussfolgerung gezogen:

Eine überwältigende Mehrheit der Gefangenen hat ihre ursprüngliche Lage mehr oder weniger verbessert. Es gab aber keinen einzigen, der nach dem Tausch schlechter als davor dastand. Fast alle Gefangenen (95) waren Gewinner, Verlierer war kein einziger. Der Tausch hat der ganzen Gruppe nur gut getan. Er hat den gesamten Nutzen der Gruppe maximiert.

Der Lagerleiter hat in seinem Bericht genau das zum Ausdruck gebracht, was in der neoliberalen Theorie unter dem pareto-optimalen Zustand verstanden wird. Diese Art von Optimum wurde nach dem bereits erwähnten Ökonomen Pareto benannt. Er hat als erster in einer allgemeinen mathematischen Sprache und mit üblichen mathematischen Mitteln nachgewiesen, dass der freie Tausch genau zu einem solchen Ergebnis führt. Der Tausch hat also eine Situation zum Ergebnis, „in der es nicht mehr möglich ist, jemanden besser zu stellen, ohne einen anderen schlechter zu stellen“. Eine solche Situation ist folglich die optimale.

Aber auf dem wirklichen Markt werden nicht nur Güter, also Konsum- und Produktionsgüter, getauscht, sondern auch Dienstleistungen. Da stellt sich die Frage, ob auch der Tausch der Dienstleistungen zu einem pareto-optimalen Zustand führen würde. Dies ist deshalb für die ökonomische Theorie von immenser Bedeutung, weil in einer Wirtschaft nicht nur getauscht, sondern auch produziert wird. Nehmen wir als Beispiel Arbeitskraft. Auf den ersten Blick wird der Arbeitnehmer mit seiner Arbeitskraft genauso umgehen wie mit seinen Gütern. Er bietet seine Arbeitskraft jedem (Arbeitgeber) an und entscheidet sich für den Arbeitgeber, der bereit ist mehr zu zahlen. Auf diese Weise würde er sein Einkommen optimieren - also maximieren. Und was ist mit demjenigen, der keinen Arbeitsplatz findet? Der kann zwar nichts optimieren bzw. maximieren, hat aber trotzdem nichts verloren: er hat nur nichts gewonnen. Daraus lässt sich schließen, dass sich auch Dienstleitungen in das mathematische Modell des allgemeinen Gleichgewichts implementieren lassen. Das ursprüngliche Tauschmodell hat sich also als geräumig genug auch für die Produktion erwiesen. Das neue ökonomische Modell kann also die ganze Wirtschaft abbilden. Die alten Produktionstheorien der liberalen Vorgänger würde man also nicht mehr brauchen. Daraus wurde gefolgert, dass der Markt bzw. der freie Warentausch eine universelle Form des menschlichen Handelns ist, durch das jeder Mensch fast immer und fast in jeder Hinsicht gewinnen wird, auf keinen Fall kann jemand verlieren. Der Markt sei eine göttliche Erfindung, würde man fast sagen - zumindest auf den ersten Blick scheint dem so zu sein.

Werfen wir noch einen Blick auf den Bericht des Lagerleiters mehrere Monate später. Die gleiche karitative Organisation war noch ein paar Mal da und brachte immer die gleichen Geschenke. Dem wachen Auge des Lagerleiters, der immer alles verfolgte, konnte noch etwas nicht entgehen, und auch das schrieb er in seinem Bericht nieder:

Durch den Tausch haben sich zwischen den ausgetauschten Gütern feste quantitative Verhältnisse herausgebildet:
1 Fleischkonserve = 4 Würstchen = 4 Milchpulverdosen = 2 Zigarettenschachteln = 1l Wein = 40 Zuckerwürfel = 1 Rasiermesser = 20 Teebeutel = ...

Es ließ sich auch feststellen, dass sich jeder neue Tausch schneller und einfacher abgewickelt hat als der vorige. Wer etwas tauschen wollte, musste folglich später nicht mehr mit jedem mühsam verhandeln und feilschen, weil es sich herumgesprochen hat, dass die Güter nach bestimmten festen Proportionen ausgetauscht werden - wie es eben die Gleichung oben ergibt.

Ein Fachökonom, der später der Bericht des Lagerleiters zufällig in die Hände kam, fügte am Rande hinzu:

„Ja, der Tausch bestimmt automatisch und spontan relative Preise, die so sind, dass durch sie der Nutzen jedes Marktteilnehmers optimiert (maximiert) wird. Man bezeichnet sie auch als Gleichgewichtspreise, weil sie nachhaltig für den optimalen Zustand des Marktes sorgen.“


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