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  Der Ursprung des Privateigentums und seine Erklärungen bzw. Konzeptionen
  Warum überdurchschnittliches Privateigentum niemals verdient sein kann
       
 
Eigentum ist Diebstahl.
 
    Pierre-Joseph Proudhonein französischer Ökonom und Soziologe, wichtiger Vertreter des Anarchismus    
       
 
Auf der Stufe der Hirtenvölker, der zweiten der gesellschaftlichen Entwicklung, fängt die Vermögensungleichheit an und führt unter diesen Menschen einen Grad von Macht und Unterordnung ein, an den bis dahin nicht zu denken war. Es wird dadurch in gewissem Grade die Regierung hergestellt ... jene Macht und Unterordnung zu erhalten und zu befestigen. Die Reichen besonders sind dabei sehr interessiert, eine Ordnung der Dinge zu erhalten, die ihnen allein den Besitz ihrer Vorteile sichern kann. ... Soweit die Obrigkeit zur Sicherung des Eigentums eingeführt wurde, ist sie in der Tat zum Schütze des Reichen gegen den Armen, des Besitzers gegen den Nichtbesitzer eingeführt worden.
 
    Adam Smithder Vater der Marktwirtschaft    
 
Herr Vorsitzender! Meine Damen und Herren! An der prunkvollen Markuskirche in Venedig steht in goldenen Lettern geschrieben: Omnis dives aut iniquus aut iniqui heres, d. h.: Jeder Reiche ist entweder selber ungerecht oder der Erbe eines Ungerechten. Anders ausgedrückt: Jedes Vermögen oder Einkommen, das die Normalgrenze wesentlich überschreitet, kann nur durch Ungerechtigkeit, kann nur auf unmoralische Weise zustande gekommen sein. Meine Damen und Herren, das ist ein alter Spruch, der schon bei den Kirchenvätern zitiert wird, aber er entbehrt auch nicht der aktuellen Bedeutung.
 
    Alexander Rüstowein bekannter deutscher ordoliberaler Ökonom    

Es gibt keinen anderen frühmodernen Denker, dem man so viel für die Durchsetzung und Verbreitung des demokratischen Gedankengutes zu verdanken hat, wie Jean-Jacques Rousseau. Er hat die Demokratie sozusagen populär gemacht. Das haben wir bereits in einem der vorigen Beiträge ausführlich erörtert.dorthin Dort haben wir auch festgestellt, dass Rousseau eigentlich keine praktikablen Lösungen für die Demokratie entworfen hat. Aber nicht nur das. Wenn man genau nachdenkt, passte seine Demokratietheorie nicht besonders gut ins neue Denken bzw. Paradigma der Moderne. Sie ist nämlich keine ordnungstheoretische, sondern eine machttheoretische Konzeption. Gerade die Anthropologie, auf der diese Konzeption beruht, ist zum Teil sehr vormodern. Rousseaus Mensch war ein Wesen mit „angeborener Liebe zum Guten“ - diese positive menschliche Natur ist ein metaphysisches Relikt der Vormoderne. Rousseau setzte sich aber auch für die Gleichheit aller Menschen ein, und zwar bedingungslos und uneingeschränkt, und damit sicherte er sich den Platz in der ersten Reihe der Denker der Moderne. Die wahre Bedeutung Rousseaus als Denker der Moderne ist eigentlich seine argumentative Unterstützung der Idee der Gleichheit. Seine Demokratietheorie ist gewissermaßen nur eine politische Ausdrucksform der Idee der Gleichheit. „Die Freiheit“ - so der französische Publizist, Politiker und Historiker Tocqueville, der durch die Erforschung der amerikanischen Demokratie berühmt wurde - „offenbarte sich den Menschen zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Formen; sie war nicht ausschließlich mit einer bestimmten Gesellschaftsform verbunden, und man trifft sie auch anderswo als in Demokratien. Sie kann also nicht das Kennzeichen der demokratischen Zeitalter sein“. Die Gleichheit ist das wichtigste Merkmal der Demokratie überhaupt.

Rousseau meinte es mit der Gleichheit sehr ernst. In seiner kleinen Schrift Abhandlung über Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen - zu der wir gleich kommen - hat er zugleich auch eine ökonomisch sehr wichtige Konsequenz aus der Gleichheit gezogen: Sind die Menschen gleich, können sie auch ökonomisch nur gleich viel leisten. Das bedeutet:

Mit Leistung oder Verdienst lassen sich die empirisch feststellbaren Unterschiede in Einkommen und Eigentum nicht erklären.

Aus dieser zweifellos richtigen Schlussfolgerung hat Rousseau eine falsche abgeleitet, dass nämlich die ungleiche Verteilung des Einkommens und Eigentums der Grund für alle moralischen Übel ist. Das heißt, in der vorzivilisatorischen Epoche waren die Menschen gleich und deshalb waren sie auch gut. Nicht der Teufel hat den Menschen verdorben, sondern die sozialen Unterschiede. Das ist der Gedanke, der allen späteren sozialistischen und kommunistischen Lehren zugrunde liegt. Wir schauen uns gleich an, wie Rousseau in der benannten Schrift erklärt, wie es dazu kommen konnte.

Der Naturzustand und wie die gleichen Menschen ungleich geworden sind

Der Naturzustand ist einer der wichtigsten Begriffe und Denkfiguren der Moderne. Man sollte aber dazu bemerken, dass der Naturzustand als methodische Vorgehensweise, von der Idee her, weder neu noch originell ist. Schon Aristoteles sagt am Anfang seiner wichtigsten Schrift Politik, in der er politische Systeme untersucht:

„Die beste Methode dürfte hier wie bei den andren Problemen sein, dass man die Gegenstände vorfolge, wie sie sich von Anfang an entwickeln.“ ... >

Nun macht sich auch Rousseau Gedanken darüber, wie es in der vorzivilisatorischen Epoche gewesen war, als die Menschen als Jäger und Sammler lebten. Er meinte, dass die Menschen frei und gleich waren. Genauer gesagt, er meinte, dass es damals nur eine „natürliche Ungleichheit“ gab, wie er sie bezeichnet, „die im Unterschied zum Lebensalter der Gesundheit der Kräfte des Körpers und der Eigenschaften des Geistes oder der Seele besteht“. Die anthropologischen Untersuchungen haben in der Tat bestätigt, dass es bei den Naturvölkern keine strengen Hierarchien gibt, dass alle in der Tat auf eine sehr ähnliche Weise leben. Ein großer Reichtum auf einer Seite und bedrückende und entwürdigende Armut auf der anderen ist in der Tat nur dort zu beobachten, wo das Eigentum an den Produktionsmitteln in den Besitz einer kleinen Minderheit geraten ist. Das war schon in den ältesten uns bekannten Zivilisationen so, und seitdem hat sich nicht viel geändert. Wie sieht es nämlich im heutigen Kapitalismus aus? In den westlichen Ländern besitzt das oberste Zehntel der Gesellschaft etwa die Hälfte von allem, und die untere Hälfte der Bevölkerung so gut wie nichts. Man kann nur staunen, wie wenig sich das in der ganzen Epoche der Menschheitsgeschichte, die man als zivilisiert bezeichnet, geändert hat. Keiner wird zum Beispiel bestreiten, dass die Beschreibung der damaligen Verhältnisse von Rousseau auch heute, nach fast drei Jahrhunderten, noch zutreffen würde:

„Sind nicht alle Vorteile der Gesellschaft für die Mächtigen und Reichen? Sind nicht alle einträglichen Ämter für sie bestimmt? Sind ihnen nicht alle Auszeichnungen und alle Vorrechte vorbehalten? Steht ihnen nicht stets die Autorität des Staates zur Verfügung? Wenn ein Mann von Rang seine Gläubiger bestiehlt oder andere betrügerische Handlungen begeht, ist er nicht der Straflosigkeit sicher? Die Stockstreiche, die er verteilt, die Gewalttaten, die er begeht, selbst Totschlag und Mord, machen ihn nicht schuldig; es sind Dinge, die man vertuscht und von denen im Lauf von sechs Monaten niemand mehr spricht. Wenn aber dieser selbe Mann bestohlen wird, so gerät sogleich die gesamte Polizei in Bewegung, und wehe dem Unglücklichen, auf den er seinen Verdacht wirft. Wenn er einen gefährlichen Ort zu passieren hat, so schreiten alsbald Eskorten vor ihm her, - wenn seine Sänfte bricht, so eilt ihm alles zu Hilfe [...] Findet sich ein Karrenschieber auf seinem Wege, so macht man Anstalt, ihn zu ermorden - und fünfzig anständige Fußgänger, die ihren Geschäften nachgehen, werden eher zur Seite geschoben und erdrückt, als daß ein Nichtstuer in seiner Equipage auch nur den geringsten Aufenthalt erfährt. All diese Rücksichten kosten ihn nicht einen Heller; sie sind das Recht des reichen Mannes.“ ... >

Man kann als Ergänzung noch David Hume hinzufügen:

„Es muß zugestanden werden, daß immer dort, wo von der Gleichheit abgegangen wird, wir den Armen mehr an Bedürfnisbefriedigung rauben, als wir den Reichen hinzufügen, und daß der törichte Genuß einer frivolen Eitelkeit eines einzigen Individuums häufig mehr kostet als das Brot vieler Familien, ja ganzer Landstriche.“ ... >

Nun erklärt Rousseau, wie es möglich wurde, dass es in einer ursprünglichen Gesellschaft der der Gleichen und Guten dazu kam, dass wenige eine große Mehrheit enteignet und entrechtet hatten.

„Der erste, der ein Stück Land fallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ,Hütet euch, auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde niemandem.
Dies war, oder muß der Ursprung der Gesellschaft und der Gesetze gewesen sein, die den Schwachen neue Fesseln und dem Reichen neue Kräfte gaben, die natürliche Freiheit unwiederbringlich zerstörten, das Gesetz des Eigentums und der Ungleichheit für immer fixierten, aus einer geschickten Usurpation ein unwiderrufliches Recht machten und um des Profites einiger Ehrgeiziger willen fortan das ganze Menschengeschlecht der Arbeit, der Knechtschaft und dem Elend unterwarfen. ... Da die Gesellschaften sich rasch vermehrten oder ausdehnten, bedeckten sie bald die ganze Erdoberfläche, und es war nicht mehr möglich, einen einzigen Winkel auf der Welt zu finden, wo man sich vom Joch befreien und seinen Kopf dem - oft schlecht geführten - Schwert entziehen konnte, das jeder Mensch fortwährend über seinem Haupt schweben sah.
Nun ist in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch das Schlimmste, was dem einen widerfahren kann, sich dem Belieben des anderen ausgeliefert zu sehen ...
... er übt Gerechtigkeit, wenn er sie ausraubt; er lässt Gnade walten, wenn er sie leben lässt.“ ... >

Wir können nicht Jahrtausende zurück in die Vorgeschichte schauen, um zu überprüfen, ob die Klassengesellschaften wirklich so entstanden sind wie es Rousseau uns erklärt. Wir können aber feststellen, dass diese Erklärung, wenn man zugleich auch seine anderen Annahmen berücksichtigt, in sich nicht schlüssig ist. Wenn es schon damals solche verschlagenen Betrüger gab, die das gemeinsame Eigentum zum privaten Eigentum machen konnten, dann könnte es doch nicht stimmen, dass die Menschen im Naturzustand alle gut waren. Die Erklärung wird auch dann nicht schlüssig, wenn wir annehmen, dass die bösen Menschen nur eine Minderheit waren. Sollte dies stimmen, dann bleibt es unerklärlich, warum sich die große Mehrheit der Menschen mit der „angeborenen Liebe zum Guten“ von einer kleinen Minderheit der Bösen über den Tisch ziehen ließ. Wenn wir das Ganze jetzt mit einer weiteren Annahme retten wollten, dass etwa die schlechten Menschen klüger wären, dann hätten wir das optimistische Menschenbild von Rousseau völlig zerstört.

Die stillschweigende Annahme, wenige böse Menschen hätten die Freiheit und Gleichheit im Leben der Menschen zerstört, zieht auch ein anderes Problem nach sich. Wenn die Menschen schon einmal im Naturzustand lebten, und - weil es kein Privateigentum gab - noch natürlich und unverdorben waren, diesen Zustand jedoch nicht aufrechterhalten konnten, warum sollte das bei einem neuen Versuch gelingen? Es könnte sein, dass Rousseau der Meinung war, die Menschen seien damals nicht aufgeklärt, also unwissend gewesen, weshalb er sich so viele Gedanken über die Umerziehung der Menschen machte; den aufgeklärten Menschen dürfte eine solche „Panne“ nicht mehr passieren können. Wer soll aber der Erzieher sein? Hier droht Rousseau in der Platonischen Falle, in eine totale Herrschaft der selbsternannten Wissenseliten, gefangen zu werden.

Wie dem auch sei, mit dem Aufruf zur Rückkehr in den Naturzustand hat sich Rousseau als Denker der Moderne letztendlich wieder aus der Moderne herausmanövriert. Was übrig geblieben ist, ist die Idee der egalitären Verteilung des Eigentums, die aus der Annahme der Gleichheit unausweichlich folgt. Wir wissen wie diese Idee später stark wurde, wie sie die Geister des ganzen Planeten eroberte, wir wissen auch wie man sie ökonomisch realisierte und was ihre Ergebnisse waren. Das wollen wir uns kurz anschauen.

Das gemeinsame Eigentum als einzige Form der egalitären Eigentumsverteilung

Wenn sich die Menschheit von der industriellen Zivilisation verabschieden und in den Naturzustand zurückkehren würde, gäbe es keines der gerade geschilderten objektive Probleme, das Eigentum auf alle gleich zu verteilen. In einem solchen Zustand würden die Menschen sehr wenig besitzen, sie würden mit sehr einfachen Waffen und Geräten ihre Arbeit verrichten, die sich jeder persönlich herstellen könnte und die ihm persönlich gehören würden. Dies alles lässt sich bei den Naturvölkern beobachten, das gleiche erfährt man immer auch über die Menschen in sehr armen, abgelegenen Gegenden der Welt. Die Eigentumsverhältnisse in den industrialisierten Gesellschaften sehen aber ganz anders aus.

Wir beschränken uns im Folgenden auf Eigentum, das produktiv eingesetzt wird, da es uns auf dieser Website vornehmlich um ökonomische Fragen geht. Zu solchem Eigentum gehören Produktionsgüter wie Infrastruktur, Kraftwerke, Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge und einiges mehr. Wenn jeder zum Eigentümer dieser Güter werden sollte und auch das Gleiche wie jeder andere besitzen sollte, wie könnte man das überhaupt realisieren? Sollte jedem ein winziges reales (physikalisches) Stück von jeder Maschine, jeder Halle, jedem Lastwagen, jedem Patent, jeder Software ... gehören? Das würde nicht gehen. Einerseits sind die Produktionsgüter funktionale Einheiten; würde man sie zerlegen, wären ihre Teile völlig nutzlos. Andererseits stellt sich die Frage: Wie könnte man die Produktion überhaupt noch organisieren, wenn jeder Anteilbesitzer immer die Möglichkeit hätte, mit seinem Anteil zu tun und zu lassen, was er will? Keiner hat dieses Problem der organisatorisch-technischen „Größe“ so deutlich gesehen wie Marx. Als alle liberalen Ökonomen noch gebetsmühlartig nachgeplappert haben, mehr Freiheit würde zur atomistischen Konkurrenz und zum Eigentum für alle führen, sah er den Kapitalismus schon längst auf dem Weg zum Monopolkapitalismus. Auch hier war die Prognose von Marx richtig, die der bürgerlichen Ökonomen dagegen völlig falsch: Den Kapitalismus hat Marx schon unzählige Male für mausetot erklärt und endgültig bestattet, am Anfang des 21. Jahrhunderts geht sein Gespenst wieder in der Welt um. Nun sind die Prognosen von Marx, auch was die Entwicklung des Kapitalismus anbetrifft, aus einer falschen Annahme, nämlich aus der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals, abgeleitet.dorthin Am Ende, so Marx, würde dann ein einziger Monopolist den Markt beherrschen, aber hier ist er über das Ziel hinausgeschossen. Dessen ungeachtet hatte Marx völlig Recht, dass die Steigerung der Produktivität große Produktionseinheiten voraussetzt, so dass der individuelle Besitz an den Produktionsmitteln nicht möglich ist. Nebenbei bemerkt, solche großen funktionalen Einheiten gibt es nicht nur in der Industrie, sondern auch bei den Dienstleistern: Wir wissen, dass die „Produktion“ eines Betriebssystems oder einer Datenbank eine große organisatorisch-technische Einheit ist. Mit Recht hat Marx also die sozialistischen Denker, die von einer Marktwirtschaft mit kleinen Betrieben im Besitz der Beschäftigten geträumt hatten, als kleinbürgerliche Sozialisten verspottet.

Rousseau brauchte sich natürlich keine Gedanken über solche Probleme zu machen, denn im Naturzustand würde es sie nicht geben. Den Revolutionären des 20. Jahrhunderts wurde aber klar, dass der Sozialismus oder Kommunismus nicht existenzfähig wäre, wenn er die Produktivität des Kapitalismus nicht erreichen könnte. Schon Hobbes hat es auf eine unverblümte Weise ausgedrückt. Eine Gesellschaft, die produktiver ist, kann bessere Waffen produzieren, so dass sie eine weniger ökonomisch effiziente niederwerfen würde. Übrigens war das in der Tat das Schicksaal der sozialistischen und kommunistischen Ordnungen des 20. Jahrhunderts.

Wenn also die Produktionseinheiten nicht zerlegt werden können, dann wäre die gleiche Aufteilung der Produktionsgüter nicht möglich. Die einzige übrig gebliebene reale Möglichkeit einer egalitären Gesellschaft bestand einzig und allein darin, dass das Eigentum gemeinsam oder kollektiv bleibt. Man kann es so ausdrücken: Einer besitzt nichts, alle besitzen alles. Damit wurde die Frage des Eigentums in den postkapitalistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts endgültig beantwortet und sozusagen abgehakt. Die Frage des Eigentums wurde zur Frage, wie sich die Produktion optimal organisieren lässt. Wenn man sich die Erfahrung der sozialistischen und kommunistischen Wirtschaften anschaut, kann man feststellen, dass es nur folgende drei (idealtypische) Formen der Produktion auf der Basis des gemeinsamen (kollektivistischen) Eigentums gab:

   Betriebseigentum   -  Selbstverwaltung
   Staatseigentum -  Manageriale Verwaltung

Das Betriebseigentum hat zweifellos mehrere Ähnlichkeiten mit der Eigentumsform, die man im Kapitalismus als Aktiengesellschaft kennt. Zwei Unterschiede sind aber symptomatisch: Bei den genossenschaftlichen Betreiben, so wie man sie aus der Praxis der sozialistischen und kommunistischen Länder kennt, sind die Anteilseigner zugleich die Beschäftigten, und sie können ihre Anteile nicht verkaufen. Es hatte einen bestimmten Grund, warum der Handel mit den Anteilen untersagt wurde. Dieser Grund lässt sich am einfachsten verstehen, wenn wir uns an die nicht weit zurückliegende Erfahrung mit der Coupon-Privatisierung in den Ländern, in denen der Kommunismus zusammenbrach, erinnern. Im Hintergrund dieser Privatisierungsart stand eine diffuse Idee des Volkskapitalismus: Eigentum für alle - alle Bürger sollten als Aktionäre Eigentum besitzen. Man ging damals (mehr oder weniger) egalitär vor, jeder wurde zum Aktionär gemacht. Das Ergebnis ist bekannt. Schon nach wenigen Jahren ist eine große Mehrheit der Aktionäre verschwunden: Einige haben ihre Aktien einfach verkauft, die anderen hatten einfach kein Glück - die Firmen, auf die sich die Aktien bezogen haben, gingen in Konkurs. Aus dem Volkskapitalismus wurde nichts. Die postkommunistischen Gesellschaften spalteten sich im Eiltempo auf in eine Gesellschaft mit vielen Armen und wenigen Reichen; und diese Spaltung geht immer noch voran. Wenn man also in den früheren sozialistischen und kommunistischen Ländern keine ungleiche Eigentumsverteilung wollte, hatte man Recht, wenn man den Aktienhandel nicht erlaubte. Solche Überlegungen und Ansichten gab es und ab und zu wurden sie auch öffentlich diskutiert.

Die Verwaltung des Betriebs durch die Beschäftigten war die einzige Form des Eigentums, wo man noch in einem gewissen Sinne von einer egalitären Eigentumsverteilung sprechen konnte. Diese Gleichheit bedeutete aber nur, dass jeder Beschäftigte die gleichen demokratischen Rechte hat darüber zu entscheiden, wie der Betrieb funktionieren soll. Diese Eigentumsform kann aber nur dort angewandt werden, wo organisatorisch-technisch alles einfach ist: wie zum Beispiel bei einem Friseursalon oder in einer Änderungsschneiderei.

Wenn die Entscheidungen, die sich auf den Betrieb beziehen, von einer zentralen Stelle kommen, kann man von Gleichheit nicht mehr sprechen. In diesem Fall haben wir es mit einem „technokratisch“ gesteuerten ökonomischen Betrieb zu tun, der sich eigentlich nicht sehr von einer kapitalistischen Firma unterscheidet. Vor allem dann, wenn es sich um große Firmen handelt, ist die sozialistische Planwirtschaft dem Monopolkapitalismus sehr ähnlich. Manche Ökonomen kamen dann auf den Gedanken, der Sozialismus und der Kapitalismus würden konvergieren, worüber wir schon einiges gesagt haben.dorthin Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist auch die Hoffnung gestorben, wir sollten die Wirtschaft und die Gesellschaft den Monopolen überlassen, und alles würde gutgehen. Diese Konvergenztheorien sind heute tot. In der Fortsetzung dieses Beitrags schauen wir uns noch die Erfahrung mit den Betrieben an, die den Beschäftigten gehörten. Davor noch eine Bemerkung.

Wie bereits angedeutet, lässt sich das Eigentum im Besitz der Beschäftigten als eine Form von Aktiengesellschaft betrachten, so dass manches, was man von den Aktiengesellschaften kennt, auch für sie gilt. Mit Aktiengesellschaften haben sich schon die ältesten Ökonomen beschäftigt, auch Adam Smith, der sie einer vernichtenden Kritik unterzogen und ihnen die ökonomische Effizienz abgesprochen hat. Seine wichtigsten Einwände gelten uneingeschränkt auch für die späteren sozialistischen und kommunistischen Betriebe mit gemeinsamem (kollektivistischem) Eigentum. Man kann diese als besonders schlecht funktionierende Aktiengesellschaften bezeichnen. Dazu kommen wir später noch. Deshalb ist die jetzt folgende Erörterung und Kritik des genossenschaftlichen Eigentums noch nicht vollständig.

Die Produktionsmittel im Besitz der Beschäftigen: Eine Bilanz der letzten drei Jahrhunderte

In der privaten Marktwirtschaft wurde bekanntlich nie verboten, dass die Beschäftigten die Produktionsmittel kollektiv besitzen. Diese Form des Eigentums ist also keine Erfindung der sozialistischen oder kommunistischen Theoretiker. Wenn man bedenkt, dass bei solchen Unternehmen niemandem ein Profit bezahlt werden muss, könnte man daraus schließen, dass dies ein großer Vorteil im Wettbewerb sein müsste. Es hat sich aber herausgestellt, dass solche Unternehmen trotzdem nie erfolgreich waren. Die Verfechter des Privateigentums haben diese unbestrittenen Tatsachen schon immer als Argument gegen jede Art des nicht-privaten Eigentums benutzt, die sozialistischen Weltverbesserer und Reformer wollten davon trotzdem lange nichts wissen. Erst der sozialdemokratische Theoretiker und Politiker Eduard Bernstein (1850 - 1932) begann in einer Artikelserie „Probleme des Sozialismus“ darauf aufmerksam zu machen. Später hat er seine Schlussfolgerungen in seinem Buch Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie systematisch dargestellt, das zum roten Tuch für alle Marxisten und Kommunisten geworden ist. Der endgültige Bruch zwischen den Marxisten bzw. Kommunisten und Sozialdemokraten folgte bald. Die moderne Fabrik, schreibt Bernstein in seinem Buch, erzeuge keine größere Disposition für die genossenschaftliche Arbeit, sondern umgekehrt:

„Man greife welche Geschichte des Genossenschaftswesens man will, heraus, und man wird überall finden, dass sich die selbstregierende genossenschaftliche Fabrik als unlösbares Problem herausgestellt hat, dass sie, wenn alles übrige passabel ging, am Mangel an Disziplin scheiterte. ... Für die Aufgaben, welche die Leitung eines Fabrikunternehmens mit sich bringt, wo Tag für Tag und Stunde für Stunde prosaische Bestimmungen zu treffen sind und immer Gelegenheit zu Reibereien gegeben ist, da geht es einfach nicht, dass der Leiter der Angestellte der Geleiteten, in seiner Stellung von ihrer Gunst und ihrer üblen Laune abhängig sein soll. Noch immer hat sich das auf die Dauer als unhaltbar erwiesen und zur Veränderung der Formen der genossenschaftlichen Fabrik geführt. Kurz, wenn die technologische Entwicklung der Fabrik auch die Körper für die kollektivistische Produktion geliefert hat, so hat sie die Seelen keineswegs in gleichem Maße dem genossenschaftlichen Betrieb näher geführt. Der Drang zur Übernahme der Unternehmungen in genossenschaftlichen Betrieben mit entsprechender Verantwortung und Risiko steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Größe. Die Schwierigkeiten aber wachsen mit ihr in steigender Proportion. ... Die Reibungen zwischen den verschiedenen Abteilungen und den so verschiedenen gearteten Kategorien von Angestellten würden kein Ende nehmen. Dann würde sich aufs Klarste zeigen ..., dass das Solidaritätsgefühl zwischen den verschiedenen, nach Bildungsgrad, Lebensweise etc. unterschiedenen Berufsgruppen nur ein sehr mäßiges ist.
Ähnlich die Erfahrungen der kommunistischen Kolonien. Diese letzteren gedeihen in faktischer oder moralischer Einsiedelei oft längere Zeit unter den denkbar ungünstigsten Umständen. Sobald sie aber zu einem größeren Wohlstand gelangen und mit der Außenwelt in intimeren Verkehr treten, verfallen sie schnell. Nur ein starkes religiöses Band oder sonstiges, eine trennende Wand zwischen ihnen und der umgebenden Welt aufrichtendes Sektierertum hält diese Kolonien auch dann noch zusammen, wenn sie zu Reichtum gelangt sind. Dass es dessen aber bedarf, dass die Menschen in irgendeiner Art versimpeln müssen, um sich in solchen Kolonien wohl zu fühlen, beweist, dass sie nie die allgemeine Form genossenschaftlicher Arbeit werden können.“ ... >

Auch nach der proletarischen Revolution hat sich diesbezüglich nichts geändert: es ist kein Wunder geschehen. Was schon im Kapitalismus vereinzelt nie funktioniert hat, wollte auch groß angelegt im Kommunismus nie funktionieren. Nach misslungenen Versuchen mit den Räten, also mit dem Modell der selbstverwalteten Betriebe, das Lenin kurz vor der Oktoberrevolution in Staat und Revolution entworfen hat, blieb den Kommunisten nichts anderes übrig, als die Betriebsverwaltung der zentralisierten Administration zu überlassen. Das private Kapital wurde nicht gesellschaftlich, sondern staatlich.

Wenn man über das Buch Staat und Revolution nachdenkt, fragt man sich vielleicht, warum Lenin nichts davon wissen wollte, was Bernstein (Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie) gegen die genossenschaftliche Arbeit in den industriell entwickelten Wirtschaften vorgebracht hat. War er einfach nur naiv? Wie viele Revolutionäre hat auch er zwar nie eine Produktionshalle von innen gesehen, aber das kann zumindest nicht die ganze Erklärung sein. Die Schlussfolgerungen von Bernstein waren nämlich nicht über jeden Zweifel erhaben. Lenin hätte das Versagen der gemeinschaftlich verwalteten Geschäftsbetriebe mit der kapitalistischen Umgebung erklären können. Eine solche Erklärung wäre nicht unlogisch und schon gar nicht realitätsfremd. Es bleibt unbestritten, dass die genossenschaftlichen Betriebe von privaten Unternehmen bedrängt oder gar bekämpft wurden. Möglicherweise hat Lenin diesen Faktor weit überbewertet, so dass er sich gut vorstellen konnte, dass in einer Wirtschaft ohne private Firmen die genossenschaftlich verwalteten Geschäftsbetriebe doch erfolgreich funktionieren würden. Wir wissen natürlich nicht, ob er wirklich so gedacht hat, aber ihm nur  ideologische und dogmatische Voreingenommenheit vorzuwerfen wäre noch weniger glaubhaft. Er war bekanntlich ein sehr pragmatischer Mensch, der folgerichtig keine Probleme hatte, sein Experiment mit den Räten zu beenden, als ihm klar wurde, dass die laissez-faire Wirtschaft ohne Privatkapital - wie man die Marxsche Vorstellung über die kommunistische Wirtschaft am ehesten bezeichnen könnte - auch nicht überlebensfähig ist.

Einen weiteren Versuch mit den selbstverwalteten Betrieben (und der direkten Demokratie) haben später die jugoslawischen Kommunisten unternommen, und er ist ebenfalls gescheitert. Dieser Versuch ist zugleich ein Beweis dafür, dass der Kommunismus keine Probleme mit den privaten Freiheiten haben musste, und was die Demokratie bzw. die direkte Demokratie betrifft, da konnte dieser „selbstverwaltete Sozialismus“ den Kapitalismus sogar um Längen schlagen. Was jedoch die ökonomische Effizienz der nichtprivaten kollektiv verwalteten Betriebe angeht, hat der Kommunismus auch hier versagt. Die ganze Erfahrung des Kommunismus hat also die ökonomischen Einwände, die Bernstein gegen Marx vorgebracht hat, überzeugend bestätigt.

Wenn wir schon Bernstein zitiert haben, soll noch etwas hinzugefügt werden, damit aus dem Gesagten nicht falsche Vermutungen entstehen. Der Leser sollte nicht auf den Gedanken kommen, dass dank Bernstein die sozialdemokratischen Denker und Ökonomen eine fruchtbare Debatte über das Eigentum begonnen hätten. Die Ablehnung des kollektiven Eigentums war wirklich alles, was der Sozialdemokratie zum Eigentum je eingefallen ist. Es gab auch später keine interessanten, geschweige denn fruchtbaren Überlegungen über das Eigentum, so dass die Sozialdemokratie weit unter das theoretische Niveau der Frühliberalen gefallen ist. Als dann in den letzen Jahrzehnten die Sozialdemokraten an die Macht gekommen sind, wurden sie zu blinden ideologischen Verfechtern des freien Marktes. Die alten Vorwürfe der Kommunisten, die Sozialdemokraten hätten die Arbeiterbewegung verraten, haben sich tatsächlich bewahrheitet. So ist die Sozialdemokratie zum Inbegriff der theoretischen und ethischen Leere geworden. Der dümmste Spruch der ganzen Geschichte der Arbeiterbewegung, „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen“, stammt nicht zufällig von einem prominenten Sozialdemokraten und eignet sich wirklich wie kein anderer dazu, die historische Rolle der ganzen sozialdemokratischen Bewegung zu kennzeichnen. 

 
 
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