zu weiteren gefundenen Beiträgen
 

Eins Vorweg: Dieser Text ist für das angekündigte Buch vorbereitet.dorthin In dem Kapitel, wo sich dieser Text befindet, wurde gezeigt, dass die im Buch benutzte neue analytische Methode - eine weiterentwickelte kreislauftheoretische Analyse (mit distributiven Koeffizienten) - Tatsachen erklären kann, die für die bisherigen Methoden ein Rätsel geblieben sind. Konkret ging es um Monopole. Je mehr Monopole, desto niedriger die ökonomische Effizienz der Wirtschaft, also das Wachstum und die Produktivitätssteigerung, so lautet die Behauptung der liberalen Markttheorie seit ihrer Entstehung. Die kapitalistische Marktwirtschaft entsprach noch nie der theoretischen Vorstellung vieler kleiner, unabhängiger Anbieter. Aber sie war auch nicht von Anfang an von Oligopolen und Korporationen beherrscht, sondern entwickelte sich erst im Lauf der Zeit immer mehr zu einer Wirtschaft, in der große Monopole (Oligopole) dominieren, so wie es Marx immer behauptete. Die Überraschung war groß, dass im Goldenen Zeitalter des Kapitalismus diese Monopole der Wirtschaft und Gesellschaft nicht geschadet haben. Nie wuchs die Wirtschaft so schnell und nie stieg die Produktivität so stark wie in diesen drei Jahrzehnten nach dem Krieg. Die traditionelle liberale Theorie war ratlos. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sogar die Monopole etwas Gutes in sich haben müssten, aber was? Die gerade angesprochene kreislauftheoretische Analyse gibt die Antwort darauf. Sie zeigt, dass die Monopole für mehr Nachfrage sorgen, weil sie sich vor der selbstzerstörerischen Preiskonkurrenz besser schützen können. Wir haben den Zusammenhang zwischen den Preisen und der Nachfrage schon in mehreren Beiträgen nachgewiesen und erörtert.dorthin Das ist die Erklärung, warum die Monopole doch nicht so schädlich für die Wirtschaft sind, wie immer vermutet wird. Sie können aber sehr schädlich sein, wenn der Staat die Monopole in die Freiheit entlässt (Deregulierung) und ihre Extraprofite nicht einzieht (Steuersenkung), wie sich später, nach der neoliberalen Konterrevolution, zeigte. In drei Jahrzehnten haben sie die Marktwirtschaft in eine Hölle verwandelt und im Herbst 2008 alles gegen die Wand gefahren. Man kann also sagen, dass die Monopole nicht an sich unbedingt böse und kriminell sind, sondern sie werden es erst dann, wenn sie uneingeschränkte Freiheit bekommen. Die Freiheit ist die wesentliche Voraussetzung und direkte Ursache für die Entfaltung der bösen und kriminellen Machenschaften von Monopolen. Auf den Punkt gebracht: Die Freiheit, wenn sie nicht beschränkt ist, schafft die Hölle auf Erden. Eine solche uneingeschränkte Freihielt hatten die Monopole im Goldenen Zeitalter nicht, und sie waren weder böse noch kriminell. Wie peinlich und ärgerlich es für die traditionelle Lehre auch sein konnte, tauchten damals Theorien über die guten und anständigen Monopole auf. Bei weitem die größte Aufmerksamkeit haben diejenigen genossen, welche die Wandlungen der Monopole vom Saulus zum Paulus durch „Wissenseliten“ erklären wollten. Wie naiv diese Erklärungen waren, soll im folgenden Text näher erörtert werden.

  Der Ursprung des Preises (Tauschwertes) und seine Erklärungen bzw. Konzeptionen
  Bildung der Preise durch Konkurrenz bzw. Nachfrage: eine kybernetische Erklärung
       
 
Alle Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut.
 
    Lord J. Action    
       
 
Es ist eine immer wiederkehrende Erfahrung, dass jeder Mensch, der Macht besitzt, versucht sie zu missbrauchen, er geht dabei so weit, bis er an Grenzen stößt. ... Sogar die Tugend braucht Grenzen.
 
    Charles-Louis Montesquieu    
 
Die Menschen sind zu allen Zeiten und an allen Orten so sehr die gleichen, daß uns die Geschichte auf diesem Gebiete nichts Neues oder Unvertrautes berichten kann.
 
    David Hume    

Wenn Monopole mikroökonomisch ineffizient sind, könnten die monopolistischen Volkswirtschaften folglich niemals erfolgreich sein. Es verwundert also nicht, dass die moderne Wirtschaftstheorie lange die Frage unberührt ließ, warum die Marktwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg nicht die schädlichen Auswirkungen zeitigte, die man früher dem Monopol als selbstverständlich unterstellte. Viele Ansätze waren dermaßen schwach, dass man sie nicht einmal zu erwähnen braucht. Einer von ihnen, der gute Monopole durch „Wissenseliten“ zu erklären versucht, verdient unsere Aufmerksamkeit, auch wenn er heute in Vergessenheit geraten ist.

Das technische Wissen und die angeblichen Wissenseliten

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hoffte man die Erfolge der monopolistischen (korporatistischen) Wirtschaften mit technischem Fortschritt, also dem Produktionsfaktor technisches Wissen, erklären zu können. John K. Galbraith hat sich dabei einen großen Namen gemacht. Er meinte, neue Technologien und Organisationsformen, durch die dann die Produktivität der Volkswirtschaft immer weiter wachse, würden vornehmlich von Fachkräften in großen Teams erfunden und entwickelt. Und diese Teams von gut ausgebildeten und bestens bezahlten Experten könnten sich nur große Korporationen leisten, was schließlich die Erfolge dieser Wirtschaften erklären würde. Die Galbraithsche Theorie hat heute kaum noch Anhänger, aber ihre wichtigste These, den angeblichen Zusammenhang zwischen dem technischen Wissen und der Ausbildung hat sich unlängst die Wissensökonomie zu Eigen gemacht und weiter ausgebaut. Deshalb ist es durchaus berechtigt, sich mit der Galbraithschen Auffassung von technischem Fortschritt kritisch auseinanderzusetzen. Uns geht es jetzt aber vordergründig nicht um das technische Wissen, sondern wir wollen zeigen, dass die Galbraithsche Auffassung ihren ursprünglichen Zweck nicht erfüllt hat. Sie stellt nur einen der vielen gescheiterten Versuche dar, die Erfolge der monopolistischen Wirtschaften mikroökonomisch zu erklären.

Die vielen Missverständnisse und Irrtümer um das technische Wissen haben auch damit zu tun, dass sich die ökonomische Theorie mit dieser Problematik erst seit einem halben Jahrhundert explizit beschäftigt. Dies hat teilweise auch objektive Gründe, die wir zuerst angehen wollen. Am Anfang der kapitalistischen Entwicklung war technisches Wissen in der Tat von untergeordneter Bedeutung. Heute sind diese historischen Zusammenhänge gut erforscht und auch die Wirtschaftstheoretiker scheinen, oder beginnen zumindest „sich darüber einig zu sein, daß die produktionstechnischen Erfindungen zwar ein notwendiger Bestandteil der Industriellen Revolution gewesen sind, nicht aber ihre Ursache“.... > Bei aufmerksamer Betrachtung der historischen Tatsachen wird schnell klar, dass die technischen Entdeckungen im Kapitalismus erst später, seit er sich weitestgehend durchgesetzt hatte, kontinuierlich und systematisch entstehen. Die Marktwirtschaft musste also die Fertigkeit das technische Wissen zu produzieren erst mühsam erlernen. Deshalb verwundert es nicht, dass sogar die wichtigsten Protagonisten des Kapitalismus und der privaten Konkurrenzwirtschaft lange Zeit nicht gemerkt haben, von welcher außerordentlichen ökonomischen Bedeutung das technische Wissen ist. Im Weltbild der älteren Ökonomen gab es hauptsächlich nur drei Triebkräfte (modi operandi), die das ökonomische Wachstum und die wirtschaftliche Entwicklung bestimmten: (1) Arbeitsteilung (Platon, Hutcheson, Smith), (2) Außenhandel (Merkantilisten, Ricardo) und vor allem (3) „der Sparsinn eines Volkes, [das] bestrebt ist, die Summe seiner Kapitalien beständig zu vermehren“,... > also die Kapitalakkumulation, die mit dem „Wohlstand“ (Turgot, Smith) bzw. dem „Wachstum der Produktionskräfte“ (Marx) gleichgesetzt wird. In dieser Hinsicht kann man den damaligen Ökonomen nicht gerade Weitsicht bescheinigen. Man kann ihnen aber trotzdem nicht vorwerfen, dass sie aus dem ihnen zugänglichen empirischen Material falsche Schlüsse gezogen haben. Nein, sie haben keine damals wichtigen Tatsachen übersehen. Um dies zu verdeutlichen ist es angebracht, die Umstände näher zu erläutern, die dazu geführt haben, dass die Entwicklung von neuen Techniken, Technologien und Produkten ein dauerhaftes Anliegen des kapitalistischen Wirtschaftens geworden ist.

Fangen wir mit der Geschichte des Kapitalismus an, als dieser noch jung war. Er begann sich zu entwickeln, noch bevor James Watt die erste industriell anwendbare Dampfmaschine gebaut hatte. Als man dieses erste Wunder der industriellen Revolution feiern konnte (1776), war der Kapitalismus bereits funktionsfähig und Smith hatte seine Theorie der privaten Konkurrenzwirtschaft, also sein Wealth of Nations, schon zu Ende geschrieben. Und es dauerte für die Dampfmaschine noch ziemlich lange, bis sie als neue Energiequelle die Wasserkraft überflüssig machen konnte. Das Zeitalter der Lokomotive begann erst ein halbes Jahrhundert später, als George Stephenson im Jahre 1823 in Newcastle die erste Lokomotivmanufaktur der Welt gründete. Auf den Meeren war es für den Dampfantrieb noch schwieriger, sich gegen die Segel durchzusetzen. Noch 1880 wurde loses Fördergut weltweit größtenteils auf Segelschiffen befördert. Erst am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist es dem Dampfschiff gelungen, das Segelschiff endgültig abzulösen. Man kann sogar ohne zu übertreiben sagen, dass der Kapitalismus schon ziemlich alt war, als die industrielle Revolution begann. Als Marx im Jahre 1848 im Manifest der kommunistischen Partei den Kapitalismus zum Auslaufmodell der Geschichte erklärte und im gleichen Jahr die Arbeiter ihn in einer mächtigen Welle von europäischen Revolutionen für immer abschaffen wollten, bastelte man immer noch unermüdlich an einer effizienten Konstruktion der Dampfmaschine.

Die Technologie der Industriellen Revolution ging nicht dem institutionellen Wandel in der Wirtschaft und der Politik voraus, sondern sie folgte ihm. „Der technische Wandel, den wir mit der Industriellen Revolution verbinden, erforderte die vorherige Entwicklung eines Systems von Eigentumsrechten, die die private Ertragsrate von Erfindungen und Innovationen erhöhten.“... > Der Kapitalismus kam also zuerst und die industrielle Revolution danach. Die wichtigste Marxsche These von dem Primat der Produktivkräfte war also schon immer falsch; sie ist nicht einmal für das Entstehen des Kapitalismus zutreffend. „Man muß nur einmal mit den Augen eines Industriearchäologen durch England wandern, um zu bemerken, daß bis lange nach 1800 neue Anlagen fast in jeder Industrie üblicherweise Wasser statt Dampf zum Betrieb ihrer Maschinen verwendeten. Der erste Abschnitt der Industriellen Revolution verließ sich weitgehend auf mittelalterliche Energiequellen“.... > Dies betrifft noch mehr die anderen damaligen Innovationen, die allesamt fast ausschließlich der Baumwollindustrie dienten. Es lässt sich verallgemeinernd sagen, dass die „Anfänge der Industriellen Revolution - annähernd bis 1800 - hauptsächlich im Gebrauch mittelalterlicher Verfahren bestanden, die man bis an ihre Grenzen trieb“.... > Es waren dementsprechend sehr einfache Innovationen „die keine besondere Eignung oder Ausbildung voraussetzten. Jeder intelligente Mensch konnte sie machen, der genügend Begeisterung und genügend Vorstellungsvermögen für kommerzielle Chancen hatte. Das bloße genügend starke ,Wollen‘ war eigentlich alles, was dazu nötig war.“... > Auch für die spätere Erfindung der Dampfmaschine können wir dasselbe gelten lassen. „Sobald der Bedarf dringend genug wurde, sobald genügend Leute anfingen zu versuchen, Dampf zum Pumpen nutzbar zu machen, irgend jemand müßte Erfolg haben.“... > Produktivkräfte und Wissenschaft brauchten also eine ziemlich lange Zeit, bis sie zueinander fanden. „Das Zeitalter, dem die großen Gelehrten Kopernikus, Galilei und Newton angehörten, wurde in technischer Hinsicht nicht durch die Leistungen der Gelehrten geprägt, sondern war das Werk von Praktikern.“... > Neu an der (ersten) Industriellen Revolution war die Größenordnung der Veränderung, nicht deren umwälzender Gehalt oder radikaler Bruch mit der Vergangenheit. Die wissenschaftlichen Entdeckungen, die ein systematisches und theoretisches Wissen voraussetzen - eine umfangreiche Ausbildung in Chemie, Metallurgie, Elektrotechnik und in anderen Naturwissenschaften - sind erst entstanden, als sich das 19. Jahrhundert seinem Ende näherte. Bis zu diesem Zeitpunkt machten viele Industrien Fortschritte auf ziemlich alte Weise. So galt weiterhin, dass „der typische Erfinder gewöhnlich ein Praktiker oder Amateur war, dem es gelang, die geeignetste Anordnung der Räder, Walzen, Zahnräder und Hebel herauszufinden“.... > Das haben auch die klassischen Ökonomen sehen können. Man fragt sich deshalb: War das, was man die Industrielle Revolution nennt, überhaupt eine Revolution?

Wenn wir den klassischen Ökonomen heute mit Recht vorwerfen, sie hätten das technische Wissen völlig außer Acht gelassen, dann gibt es aber kaum etwas Falscheres, als ihnen zu unterstellen, sie hätten an den Tatsachen vorbei argumentiert. Es ist einfach so, dass das technische Wissen noch lange Zeit nach der Entstehung des Kapitalismus keinknappes Gut war, wie man heute sagen würde. Sie haben aber in anderer Hinsicht aus dieser historischen Situation falsche Schlussfolgerungen gezogen, dass nämlich die Grenze des Wirtschafts- und Produktivitätswachstums (fast) nur von der akkumulierten Kapitalmenge abhänge, dass das Kapital der einzige knappe Produktionsfaktor sei und dass das praktische Wissen (learning by doing) immer und überall ausreiche, um den eingesparten Kapitalstock technologisch auf immer produktivere Weise anzuwenden. Dieser Irrtum wurde in der Marxschen Lehre zum „Gesetz“ über die immer weiter steigende organische Zusammensetzung des Kapitals, das sich später, in den kommunistischen Wirtschaften, als ebenso untauglich wie folgenschwer erwiesen hat. Möglicherweise kann man sogar sagen, dass dieses „primitive Wachstumsmodell“ (John Hicks), der Klassiker, welches auf der Kapitalakkumulation gründet, der non plus ultra-Unfug der älteren ökonomischen Theorie ist. Und es scheint lange Zeit so gewesen zu sein, als ob sich alle Umstände dazu verschworen hätten, den Ökonomen keinen Anlass zu bieten, sich über das technische Wissen Gedanken zu machen. Außerdem passte ihre Denkweise hervorragend zum Zeitgeist. Die Haltung der damaligen Industriellen zur Bildung macht dies anschaulich: „Als 1867 anläßlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Universität Bonn die notorisch ,gebildeten‘ rheinischen Industriellen um Spenden für den Unterstützungsfonds der Universität gebeten wurden, lehnten bis auf einen alle 14 aufgeforderten Industriestände dies ab, weil ,die hervorragenden hiesigen Industriellen weder selbst eine wissenschaftliche Bildung auf Universitäten genossen noch sie ihren Söhnen bis jetzt haben zuteil werden lassen‘.“... > Wenn sogar die Unternehmer so wenig vom theoretischen Wissen gehalten haben, obwohl sie ja eigentlich über seine praktische Relevanz hätten Bescheid wissen müssen, wie hätten es dann die ökonomischen Theoretiker wagen können, ihnen zu widersprechen? Außerdem war es damals, wie bereits betont, für die Ökonomen noch selbstverständlich, sich an die empirischen Tatsachen zu halten. Es ist also nicht verwunderlich, dass Marx in seinem ersten Band des Kapitals von der Aufhebung der Arbeitsteilung schwärmt.

Erst „Ende des 19-ten und Anfang des 20-ten Jahrhunderts vollzog sich das, was manche Wissenschaftler als Zweite Industrielle Revolution bezeichnen. Während die Erste Industrielle Revolution auf der Mechanisierung der herkömmlichen Industrien beruhte, hing die neue Technik zunehmend vom wissenschaftlichen Fortschritt ab ... reine und angewandte Wissenschaft gingen eine bemerkenswerte Verbindung miteinander ein.“... > Seitdem wurden immer mehr Techniken, Technologien und Produkte entwickelt, die man sich noch vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal vorstellen konnte, und es entstand eine im Geiste der neuen Wissenschaften ausgebildete, hoch qualifizierte Klasse von Spezialisten. Es ist in der Tat für die ökonomische Wissenschaft ein Armutszeugnis, dass sie diese Tatsachen lange Zeit nicht bemerkte. Was die klassischen Ökonomen nicht gesehen haben, weil es so etwas bis dahin noch nicht gab, haben die späteren Ökonomen nicht gesehen, weil sie es nicht sehen wollten. So findet das technische Wissen seine verdiente Beachtung erst Mitte des 20. Jahrhunderts bei James Burnham (1905-1987), im Zusammenhang mit der Monopolisierung der Wirtschaft. In seiner damals berühmten Theorie der managerialen Revolution sieht er diese Monopolisierung als nächste Stufe der Entwicklung des Kapitalismus bzw. der Industriegesellschaft. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er den Zusammenhang zwischen Monopolen und technischem Fortschritt ausgerechnet in der sowjetischen Planwirtschaft entdeckt haben wollte, in einer Wirtschaft, die nach Marxscher Auffassung gar keine Spezialisten brauchte und in der Praxis völlig unfähig war, das technische Wissen zu produzieren, wie sich später herausstellte. Aber vielleicht ist die Frage des technischen Wissens gerade wegen dieses so offensichtlichen Widerspruchs für einen Marxisten zum wichtigsten theoretischen Problem geworden. Die Erfahrungen mit dem Aufbau der ersten sozialistischen Wirtschaft in Russland, die für Burnham eine so große Enttäuschung darstellte, lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Nach der erfolgreichen Oktoberrevolution (1917) begann Lenin die Gesellschaft aufzubauen, deren Vorstellung davon er zuvor in seinem Buch Staat und Revolution (1918) umrissen hatte. Dort wird von ihm festgestellt, dass der Staat - den Marx im ersten Entwurf zum Bürgerkrieg in Frankreich (1871) als die „übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft“ bezeichnet - zu zerschlagen sei, damit an seiner Stelle das „Reich der Freiheit“ eingerichtet werden könne. Ein orthodoxer Neoliberaler hätte es wohl kaum besser ausdrücken können. Der Sieg über die angeblich letzte ausbeuterische Klasse der Geschichte sollte nicht nur die Ungerechtigkeit für immer beseitigen, sondern - und vor allem - auch eine freie Gesellschaft verwirklichen. Ironischerweise trifft sich Marx in dieser seiner Bewunderung der individuellen Freiheit mit Hayek. Beiden schwebte eine Laissez-faire-Ordnung vor, mit dem Unterschied, dass die individuelle Freiheit bei Marx die materielle Gleichheit voraussetzte und es deshalb kein Privatkapital geben durfte. In der neuen Gesellschaft ohne Staat und ohne Privatkapital sollten die Arbeiter ihre Betriebe und die Bürger ihre Kommunen selbst und direkt verwalten. Sie würden ohne jegliche übergeordnete und überwachende politische Macht, und überhaupt ohne jegliche feste Institutionen auskommen können, weil es ohne Privatkapital zwischen Menschen und Gruppen keine Interessenkonflikte mehr geben könnte. Die neue Gesellschaft der frei assoziierten Individuen sollte zugleich auch das Versprechen der Aufklärer und Rationalisten vom Anfang der Moderne einlösen. Sie sollte die von den ökonomischen Notwendigkeiten und sozialen Zwängen befreiten Menschen zu universal entwickelten Persönlichkeiten machen. Dies sollte deshalb möglich sein, weil sich durch die technologische Entwicklung zugleich auch die Arbeitsteilung aufheben lassen könnte. Mit dem bekannten Spruch, dass jede Köchin im Stande sei, den Betrieb und den Staat zu lenken, hat Lenin diese Marxschen Überlegungen auf den Punkt gebracht.

Neben der Bourgeoisie sollten also in der sowjetischen Wirtschaft konsequenterweise auch Spezialisten überflüssig sein. Man konnte sie folglich zu Klassenfeinden und Wirtschaftsparasiten erklären und nach Belieben erniedrigen und drangsalieren. Nicht wenige wurden wegen angeblichen Ungehorsams („Sabotage“) drastisch bestraft, zum Beispiel im Prozess gegen 53 Spezialisten in Schachty, wo man fünf von ihnen sofort exekutierte. Eines erwies sich allerdings auch für die Bolschewiki als unerreichbar: von den Spezialisten Leistung zu erzwingen. Als das kommunistische Experiment der Räte- und Selbstverwaltungswirtschaft ökonomisch auf katastrophale Weise scheiterte, riss Lenin irritiert und ratlos das Steuer des Wirtschaftsschiffs herum und richtete den Kurs auf eine Art „Staatskapitalismus“ aus, ohne zu wissen, was dies genau bedeutete. Bald danach (1924) starb er. Dadurch blieb ihm die Erkenntnis erspart, neben anderen Irrtümern noch einem weiteren unterlegen zu haben.

Seinem Nachfolger Stalin, der bekanntlich kein hochtrabender Doktrinär, sondern ein hartgesottener Macher war, wurde bald klar, dass auf die Marxsche ökonomische Theorie kein Verlass ist. Und wenn man dem neuen Leninschen (NEP-)Kurs des Staatskapitalismus weiter verfolgen würde, dessen war er sich sicher, so würde kein Weg am Privatkapitalismus vorbeiführen. Dies wäre zweifellos gleichbedeutend mit dem Verrat an der Revolution. Deshalb entwickelte er eine neue Alternative, die später in allen kommunistischen Ländern mit unwesentlichen Änderungen übernommen wurde. Weil ich dies an anderer Stelle ausführlich beschrieben habe, begnüge ich mich hier mit einigen wenigen Hinweisen.

Seine Alternative hat Stalin (1934) auf dem XVII Kongress der KPdSU(B), der als Parteitag der Sieger in die Geschichte einging, durchgesetzt. Er hat die Rechtfertigung dieser Alternative kanonisch, wie es für ihn auch sonst üblich war, auf zwei angeblich wesentliche Punkte reduziert. Auf rüde Weise warf er zum einen den Parteifunktionären „mit gewissen Verdiensten in der Vergangenheit“ vor, mit der Selbstverwaltung der Betriebe ihr persönliches Interesse, ihre Macht und ihre Unfähigkeit verschleiert zu haben, was natürlich nicht ganz falsch war. Und zum anderen, indem er bestimmte Aussagen von Marx, Engels und Lenin so zuspitzte, dass man den ursprünglichen Sinn kaum noch erkennen konnte, spottete er höhnisch über die angeblich unmarxistische Auffassung von der Gleichheit, über „die Gleichmacherei, die Gleichstellung, die Nivellierung der Bedürfnisse der Mitglieder der Gesellschaft, ihres Geschmacks und ihrer persönlichen Lebensweise“. Damit ließ er den Spezialisten klare Signale zukommen, er werde ihnen ihre Privilegien zurückgeben, wenn sie ihre Leistung unter Beweis stellen würden. Sogar ehemalige Kapitalisten und Parteilose wurden von diesem Angebot nicht ausgeschlossen. Es brauche sogar, so Stalin wörtlich, „kein Hindernis“ zu geben, gerade sie „entschlossener auf leitende Posten zu befördern. Im Gegenteil, diese parteilosen Genossen müssen mit besonderer Aufmerksamkeit umgeben, müssen auf leitende Stellen befördert werden, damit sie sich in der Praxis davon überzeugen, daß die Partei fähige und begabte Menschen zu schätzen weiß“.... > Nur eines dürften sie nicht einmal im Traum wagen: formelle Rechte auf Eigentum zu verlangen. Die Arbeiterklasse sollte für immer und ewig der exklusive Besitzer des Kapitals bleiben. Diese juristische Form sollte für immer das Alibi einer in der Tat „verratenen Revolution“ (Leo Trotzki) bleiben.

Nach diesem Kongress folgten die bekannten „Säuberungen“. Zuerst „säuberte“ man die Machtnischen der lokalen Parteibonzen („Verräter der Revolution“), um sie einer neuen hierarchischen Struktur von Spezialisten unterzuordnen. Als sich die Technokratie bald als ökonomisch erfolgreich erwies und dann immer mehr nach flexiblen Arbeitskräften verlangte, „säuberte“ man unbekümmert und fleißig weiter, ohne viel nach bestimmten Gründen zu suchen. Dies war bestimmt der kürzeste Weg die Einstellung der Untertanen zu verändern und sie zu disziplinieren, und damit die Voraussetzung für die Umwandlung der russischen kapitalistischen (feudalen) Wirtschaft in eine kommunistische. Deshalb lassen sich diese „Säuberungen“ durchaus mit The Great Transformation (Karl Polanyi) vergleichen, also mit den großen britischen Arbeits- und Sozialreformen im Jahre 1795 (The Speenhamland System), mit der die englische feudale Wirtschaft auf eine äußerst brutale Weise zu einer kapitalistischen umgestaltet wurde. In beiden Fällen ließ man sich von dem Hintergedanken leiten, dass das neue Wirtschaftsmodell eine völlig neue Art von Bewusstsein und Unterwerfung benötigte, weshalb die vorgefundenen traditionellen kulturellen Gewohnheiten mit Hunger und Schwert ausgetrieben werden mussten.

Die erste kommunistische Wirtschaft ist also erst funktionsfähig geworden, nachdem die Technokratie die Macht übernommen hatte. In dieser Machtübernahme hat Burnham eine managerielle Revolution gesehen. Er wollte aber mit diesem Begriff nicht nur die kommunistische Wirtschaft erklären, sondern ein universelles Entwicklungsmodell der industriellen Zivilisation entwerfen. Die damaligen Tatsachen schienen ihm eine Zeit lang Recht zu geben. In den trostlosen Jahren vom Vorabend der Großen Depression bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges, als die kapitalistische Wirtschaft rund um den Globus zusammenbrach, und zwar nicht nur mit einem leisen Seufzer, wie später der Kommunismus, sondern mit einem tektonischen Knall, dem eine totale soziale und moralische Apokalypse folgte, war es in der Tat nicht einfach, an das historische Überleben der privaten Konkurrenzwirtschaft zu glauben. „Die Erfahrung hat gelehrt, daß nicht die leiseste Aussicht besteht, den Kapitalismus von der Massenarbeitslosigkeit zu befreien“,... > stellt Burnham fest. „Ständige Massenarbeitslosigkeit ist in der Geschichte nichts Neues. Sie ist vielmehr ein Symptom dafür, daß eine bestimmte Gesellschaftsordnung nahezu am Ende ist. ... Der Liberalismus ist die Ideologie des westlichen Selbstmordes.“... > Aber der Sieger werde nicht der Kommunismus sein. „Uns geht es nicht darum, ob die Arbeiterkontrolle ein ,guter‘ Gedanke sei“, so Burnham damals (1941) weiter, als er schon kein Marxist mehr war und seine Ideale aufgegeben hatte. „Es geht nur darum, daß die Arbeiter (erstens) die Kontrolle zu übernehmen versuchen und daß es ihnen (zweitens) nicht gelingt, die Kontrolle zu behalten.“... > Im Klassenkonflikt zwischen Kapitalisten und Proletariat wird nicht das Proletariat den Sieg davontragen, sondern der sprichwörtliche tertius gaudens - der lachende Dritte -, die Klasse derjenigen, deren Funktion „in der Aufgabe der technischen Leitung und Koordinierung des Produktionsprozesses besteht. ... Diese Personen nenne ich Manager.“ Diese Revolution wurde in Russland durch die Partei, in Westeuropa durch die Faschisten und in Amerika durch die Politik des New Deal ausgelöst: „Alle wirken in die gleiche Richtung, nämlich fort von der kapitalistischen und hin zur manageriellen Gesellschaft. ... Die Managerwirtschaft ist nicht mehr ein ,Profitsystem‘.“... >

Die Burnhamsche Auffassung hat eine gewisse Zeit für Furore gesorgt. Sie war aber nicht nur eine zutiefst düstere Vision, sondern sie kannte nicht einmal ein historisches happy end. Die Zukunft hatte in seiner Vision lediglich auf einer neuen Stufe der Klassenherrschaft stattgefunden. Sie wäre zugleich sehr bescheiden gewesen, man hätte von ihr keine Wunder und schon gar keine Erlösung erwarten dürfen; es hätte in der expertokratischen Zukunft nur eine gewisse ökonomische Stabilität geherrscht. Experten mit hoher Ausbildung und Qualifikation wären lediglich im Stande gewesen, die Abläufe der Wirtschaft, die technisch untransparent geworden waren, zu ordnen; mehr hätte man von ihnen auch nicht erwarten können. Burnham hat also den hoch qualifizierten und gut ausgebildeten Technokraten nicht bescheinigt, für die Schaffung des technischen Fortschritts besonders gut geeignet zu sein. Damit lag er in der Tradition früherer Ökonomen, die von den Monopolen selten etwas Gutes erwartet haben.

Nach dem sowjetischen Griff nach den Sternen, als der Sputnik über den Köpfen der entsetzten Westeuropäer die Internationale funkte, und als auch die westlichen, stark monopolisierten und vom Staat keynesianisch gesteuerten Wirtschaften erfolgreich wurden, hat sich die Meinung über Experten und Monopole innerhalb kurzer Zeit völlig geändert. Auf einmal schien alles dafür zu sprechen, dass die Expertokratie nicht nur geeignet sei, die Produktion erfolgreich zu organisieren und zu ordnen, sondern dass sie auch in der Lage wäre, neues technisches Wissen zu schaffen und für eine bessere Gesellschaft zu sorgen. Diese Erwartungen wurden aber enttäuscht.

Technostruktur und technischer Fortschritt

Man kann sich bei Galbraith in der Tat nicht darüber täuschen, worauf er hinaus will. Monopole uneingeschränkt und bedingungslos in Schutz zu nehmen, bedeutet nicht weniger als eine „ketzerische Behauptung aufzustellen, daß der Wettbewerb ... bereits überholt ist“,... > stellt er ohne Umschweife fest. Die Konkurrenz bedeute nicht nur das Gute und die Monopole nicht nur das Schlechte, führt er dann unbeirrt fort, zum Entsetzen aller, die in der Konkurrenz Kostensenkung und Kostenoptimierung sehen und in den Monopolen das krasse Gegenteil. Private Korporationen oder große „administrative Einheiten“ würden nicht nur durch überteuerte Produkte auf Kosten der Verbraucher profitieren, wie es die liberalen Theoretiker immer behaupteten, sie seien keine Wirtschaftsparasiten, die nur die Kunst des Abkassierens beherrschen würden. „In der kapitalistischen Wirklichkeit, im Unterschied zu ihrem Bild in den Lehrbüchern, zählt nicht diese Art von Konkurrenz, sondern die Konkurrenz der neuen Ware, der neuen Technik, der neuen Versorgungsquelle und des neuen Organisationstyps“,... > stellt damals auch Schumpeter erstaunlicherweise fest, ein Ökonom, der das Walrassche Marktmodell der kleinen konkurrierenden Unternehmen zum Stein der Weisen der ökonomischen Theorie erhoben hatte. Wieder einmal kann man nur staunen, mit welcher Leichtigkeit ein in Not geratener liberaler Ökonom mit zwei völlig widersprüchlichen Ansichten Frieden schließen kann. Nur weil die monopolfreundliche Auffassung seinerzeit besser in den Mainstream passte, hob Schumpeter die Walrassche Theorie immer weiter in die Höhe, in den Himmel der reinen Wissenschaft, und auf Erden rollte er eine völlig gegensätzliche These auf: „Diese Feststellung“, dass nämlich die durch Monopole verhinderte Konkurrenz einer Marktwirtschaft nur gut tut, so jetzt der Weisheit letzter Schluss, „ist nicht paradoxer als die Aussage, daß Autos schneller fahren als sie es sonst täten, weil sie mit Bremsen versehen sind.“... > Und weil die atomistische Wirtschaft so etwas wie Konkurrenzbremsen nicht kennt, sei sie schließlich zu einer zum Aussterben verurteilten Spezies geworden.

Es war sehr leichtsinnig und übereilt, dass Schumpeter, Galbraith und andere Theoretiker auf einmal die Konkurrenz zu Gunsten der Technokratie herabsetzten. Aus der Tatsache, dass die Zuwachsrate der Produktion seit dem Ende des 19. Jahrhunderts trotz der Monopolisierung der Wirtschaft nicht abgenommen hat, folgt trotzdem nicht, wie diese Theoretiker es gerne gehabt hätten, dass die Konkurrenz an und für sich unwichtig ist und es folgt daraus noch weniger, dass die Monopolwirtschaft deshalb erfolgreich ist, weil sie technisches Wissen erfolgreicher als die Konkurrenzwirtschaft produziert. Die empirischen Tatsachen bestätigen genau das Gegenteil, dass nämlich technisches Wissen nie ohne Konkurrenz entsteht. Man muss also Schumpeter und Galbraith vorwerfen, sie hätten andere immer wieder nachdrücklich ermahnt, mehr zur Beobachtung von Tatsachen und weniger zum Wunschdenken zu neigen, sich aber selbst nicht daran gehalten zu haben. Auch wenn sich nicht bestreiten lässt, dass in einer realen Marktwirtschaft auch die Monopole neues technisches Wissen schaffen, ist die Behauptung trotzdem falsch, sie seien besser als kleine konkurrierende Unternehmen. Wo nämlich die Monopole gar keine Konkurrenz kennen, sind sie nur erfindungsreich, wenn es um ausbeuterische Praktiken geht. Rufen wir uns einige gut bekannte Beispiele in Erinnerung.

Der Amerikaner John D. Rockefeller, der durch seine Standard-Oil Company Multimillionär wurde, war - als sein Unternehmen in kürzester Zeit zum größten Monopol der Erdölindustrie heranwuchs, so dass es auf Grund der amerikanischen Antitrust-Gesetze von 1911 eigentlich hätte aufgelöst werden müssen - ehrlich genug, seinen Erfolg nicht irgendwelchen besonderen eigenen Fähigkeiten oder Leistungen zuzuschreiben, sondern vor allem dem sprichwörtlichen Zufall (von Gottes Gnaden). In der Tat war die Standard-Oil Company kein Vorbild für eine Konkurrenz der neuen Ware, der neuen Technik, der neuen Versorgungsquelle oder des neuen Organisationstyps, sie war lediglich ein Vorbild für die übliche erpresserische und halbkriminelle Praxis. Rockefellers eigener Verdienst bestand darin, die Preiskriege der amerikanischen Ölindustrie unterbunden zu haben, so dass damit deren selbstzerstörerische Folgen vermieden wurden. Der Verdienst der Standard-Oil Company erschöpft sich also in ihrer „Bremsfähigkeit“. Diese hat mit einer „kreativen Schöpfung“ jedoch nichts zu tun.

Der Behauptung, die Monopole mit ihrer Technostruktur seien die treibende Kraft des technischen Fortschritts, hat man oft ein Beispiel entgegen gehalten, das so eindrucksvoll ist, dass es nicht unerwähnt bleiben soll. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist in der Stahlindustrie die einzige bedeutende Entdeckung der Hochofen auf Sauerstoffbasis, eine Technologie, die im Jahre 1950 in einem österreichischen Unternehmen gemacht wurde. Dieses Unternehmen war kleiner als ein Drittel einer Niederlassung der United States Steel Korporation. Ein Stahlgigant wie United States Steel hat diese kostensparende Innovation erst im Jahre 1963 angewandt, Bethlehem 1964 und Republic 1965, um dadurch zu vermeiden, von der Konkurrenz geschluckt zu werden. Galbraith liegt gleichermaßen falsch, wenn er (unter anderem) auch die Eroberung des Alls als den Erfolg der Technostruktur preist. Auch in diesem Fall handelt es sich um keine außergewöhnlichen wissenschaftlichen Spitzenleistungen. Es geht hier vielmehr nur um monumentale Projekte, deren technisches Wissen bereits im Militärbereich heimisch war und in die von Anfang an große Mengen staatlicher Steuergelder geflossen sind. Man kann es also drehen und wenden wie man will, es lässt sich kein überzeugendes Beispiel finden, das die technische und technologische Effizienz der monopolistischen Wirtschaft beweist.

Eine beliebte Methode, sich vor den Tatsachen zu retten, besteht bekanntlich in der Flucht nach vorne. Man setzt die Hoffnung auf die sich angeblich bereits „abzeichnenden Entwicklungstendenzen“. Was für die Monopole alter Prägung gegolten habe, müsse für moderne nicht gelten. Die globalen Monopole der so genannten New Economy seien eben anders. Dann schauen wir uns eines dieser neuen, modernen Monopole an. Microsoft dürfte dafür modern genug sein.

Stellen wir zugleich fest, dass der Gründer von Microsoft, Bill Gates, gut zum Bild der selbstbewussten Expertokraten passt, wie sie Galbraith in seiner Theorie haben will: Im Gegensatz zu Rockefeller zweifelt er nämlich keinen Augenblick daran, dass sein Erfolg ausschließlich den eigenen Verdiensten zuzuschreiben sei. Die Kundigen wissen es allerdings besser. Tatsache ist, dass Bill Gates „sein“ Betriebssystem (DOS), mit dem er Multimillionär wurde, für 50.000 Dollar bei einem anderen Softwarehersteller (Seattle Computers) erstanden und es technisch kaum verbessert hat, so dass heute unter Fachleuten die einhellige Meinung besteht, dieses Betriebssystem sei seinerzeit bei Weitem nicht die beste technische Alternative gewesen. Aber ökonomische Verdienste können wir dem High-Tech-Monopol von Bill Gates trotzdem nicht absprechen. Sie sind jedoch von gleicher Art wie die von Rockefellers Standard-Oil Company. Durch seine monopolistische Stellung hat Microsoft einen einheitlichen technischen Standard geschaffen. Die gesellschaftliche Energie, die sonst in einem ruinösen Konkurrenzkampf für die Durchsetzung eigener Betriebssysteme vergeudet worden wäre, ist dadurch in die Entwicklung der Softwareprodukte auf der Basis eines gemeinsamen Betriebssystems geflossen. Die Softwareprodukte sind also durch Monopolgewalt untereinander standardisiert oder, wie man heute sagt, kompatibel geworden. Aus diesem Grund konnten bald die Hardwarekomponenten als Massenware produziert werden, so dass ihre Preise in einem so atemberaubenden Maße gesunken sind, dass starke Rechner, die sich anfangs nur sehr große private und staatliche Organisationen leisten konnten, für normale Haushalte zugänglich geworden sind. (Die Preise seiner Software hat Bill Gates dagegen nie nennenswert gesenkt.) Dank eines Monopols ist also auch ein zusätzlicher wirtschaftlicher Effekt in Gang gesetzt worden, welchen Ökonomen „steigende Skalenerträge“ nennen. Dies ist Bill Gates wahrer Verdienst, welcher rechtfertigt, dass wir ihm seine - zumindest früher verdienten - Milliarden lassen. Heute hat sein Monopol jedoch keine Berechtigung mehr - vor allem keine ökonomische.

Ironischerweise hat sich das Monopol Microsoft gerade aus der Unfähigkeit eines anderen Monopols, des ehemaligen gigantischen Computerherstellers IBM, ergeben. Im Gegensatz zur Vorstellung von Galbraith und Gleichgesinnten war also die Technostruktur von IBM nicht in der Lage, ein Betriebssystem für die eigenen Computer herzustellen. Auch wenn wir die Interpretation zulassen würden, dass IBM seinerzeit durchaus dazu im Stande gewesen wäre, dass aber das Management nicht erkannt hatte, wo in der Branche die wirkliche Macht lag, ist dies immer noch kein Argument für die Technostruktur, sondern gegen sie.

Die großen Teams von gut ausgebildeten und bestens bezahlten Experten, die sich nur große Korporationen leisten können, sind also keine Garantie der mikroökonomischen Effizienz und schon gar nicht die wunderbaren Quellen des neuen technischen Wissens. Gute Schulzeugnisse bedeuten nicht unbedingt Denkfähigkeit, und Kreativität schon gar nicht. Zwar ist bekannt, dass kreative Menschen über ausreichende Intelligenz zur Neugruppierung von Wissen verfügen müssen, aber intelligente Leute müssen nicht kreativ sein. Der statistische Zusammenhang zwischen dem IQ und der Kreativität bei IQs jenseits von 130 ist sehr niedrig. Die Kreativitätstest zeigen übrigens, dass „gleichgültig welche Qualitäten einen kreativen Genius auszeichnen, diese Qualitäten bis zu einem gewissen Grad auch bei anderen in der Population zu finden sind; es gibt ein Kontinuum in dieser Hinsicht zwischen dem Genius und dem nicht Kreativen. Die Menschen sind in Bezug auf die Kreativität nicht in zwei deutlich unterschiedene Gruppen einzuteilen.“... > Alle psychologischen Forschungen bestätigen, dass in Bezug auf Erbmasse, Umgebung und Ausbildung es bei der Kreativität „ähnlich wie bei der Beziehung zwischen anderen Begabungen ist ... zum Beispiel denen im Sport. Für einen Rekord im 1500-Meter-Lauf sind bestimmte physiologische (Herz-Kreislauf-Kapazität, Muskulatur, Schrittlänge u. a.) wie auch psychologische Merkmale (Motivation, Ausdauer, Trainingswille, Lernbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit u. a. m.) Voraussetzung, aber noch keine ausreichende Bedingung.“... > Schulische Qualifikationen und akademische Titel beweisen zunächst nur die Fähigkeit, vor Lehrern und Prüfungskommissionen einen guten Eindruck zu machen. Ob sie mehr bedeuten, stellt sich oft genug erst später heraus. Ein Zeitalter der Genies mit Attest gab es nie und es wird es auch nie geben. „Schöpferisch-Sein ist nicht ein Merkmal ganz weniger großer Geister, sondern ein Kennzeichen vieler, ja letztlich eines jeden Menschen.“... >

Die durch Monopole entstandene Herrschaft von „Experten“ darf also auf keinen Fall mit der so genannten Meritokratie (Michael Young), mit der Herrschaft der Begabtesten und Fähigsten, gleichgesetzt werden. Die modernen Monopole, die als administrative Einheiten mit „wissenschaftlich“ strukturierten Hierarchien so gern ihr Personal nach den Kriterien einer gradlinigen akademischen Karriere kooptieren, sind nichts Anderes als die alten Monopole, die schon Smith heftig kritisiert hat: Vermessen und skrupellos neigen sie zur Faulheit, zur Korruption und zum Karrierismus (besonders die staatlichen Monopole), und sie maximieren ihre Gewinne auf Kosten der Konsumenten (vor allem die privaten Monopole). Es wird deshalb immer ein großes Verdienst des Liberalismus bleiben, dass er deutlich gemacht hat, neues technisches Wissen werde auf dem Markt und nicht durch irgendwelche kollektiven Aktionen und organisierte Anstrengungen produziert. Und dieses Verdienst wird er mit niemandem teilen müssen.

Die Umdeutung des frühliberalen Unternehmers, den man später als homo oeconomicus bezeichnete, zum homo academicus der heutigen Liberalen, ist eine Fehldeutung - ein ideologischer Kunstgriff. Alle historischen Tatsachen zeigen eindeutig in die Richtung, dass grundlegend neues Wissen, das man später auf verschiedene Weise praktisch verwendet, um die Produktivität zu steigern und um neue Produkte zu erzeugen, kein Ergebnis von kollektiven Anstrengungen der Gutausgebildeten in wissenschaftlichen Organisationen ist. Neues Wissen ist immer eine Sache der individuellen Kreativität, und damit ist es das Ergebnis von Einzelnen. Es ist also kein Zufall, dass die Revolution in der modernen Physik auch nicht aus den damaligen Organisationen von Fachleuten oder aus der staatlichen Auftragsforschung hervorgegangen ist. Sie war eine typische individuelle Errungenschaft eines Hobby- und Freizeitphysikers, eines anonymen Beamten, eines „Technischen Experten III. Klasse“ des Schweizer Patentamtes, Albert Einstein. Mehr noch: Auch er hätte keine Chance gehabt, seiner Theorie Anerkennung zu verschaffen, wenn alle Kompetenz in Sachen der Wissenschaft und des neuen Wissens von irgendwelchen wissenschaftlichen Organisationen beansprucht worden wäre, im Gegenteil. Um einen schmutzigen Kampf gegen ihn zu führen, versammelte sich damals in Deutschland ein Teil der akademischen Naturwissenschaftler in der Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft, deren prominentestes Mitglied der Physiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard war. Diese prominenten „Naturforscher“ haben somit in Deutschland die gleiche Rolle gespielt wie die Wirtschaftswissenschaftler, die am Vorabend der Großen Depression die Regierung berieten - erinnern wir uns dazu noch einmal an die (Geheim-) Konferenz der Friedrich-List-Gesellschaft im September 1931. Das Ergebnis der Auseinandersetzungen in der Physik war aber ein anderes als in der Wirtschaftspolitik. Die damals prominenten Naturforscher haben ihren Kampf bald kläglich verloren, die Wirtschaftswissenschaftler jedoch desto erfolgreicher gewonnen - verloren hat dagegen Deutschland.

Wenn wir individuelle Kreativität und Konkurrenz in Gegensatz zu organisiertem oder, wie die Liberalen lieber sagen, kollektivistischem Wissen stellen, dürfen trotzdem keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden. Dies bedeutet nämlich keineswegs, dass wissenschaftliche Organisationen und gezielte Forschung nicht wichtig sind. Und vor allem ist es kein Argument gegen gute Ausbildung. Es ist selbstverständlich, dass Entdeckungen und Innovationen eine souveräne Beherrschung des schon vorhandenen Wissens verlangen. Das neue Wissen geht immer aus einem fachlichen Diskurs zwischen Ausgebildeten hervor; es kann also nur dort wachsen, wo die Bildungsanstalten das Feld gut bestellen. Deshalb ist die Konkurrenzstärke jeder Volkswirtschaft maßgeblich vom allgemeinen Ausbildungsniveau (human capital) mitbestimmt und sie wird es in Zukunft noch mehr sein. Konkurrenz ist also nicht alles, aber ohne Konkurrenz ist alles nichts. „Nehmt die Konkurrenz weg ... und die ihrer Triebkraft beraubte Gesellschaft wird wie eine Uhr stehen bleiben, deren Feder abgelaufen ist“, mahnte sogar einer der prominentesten Sozialisten des 19. Jahrhunderts, Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865).

Als Kronzeuge für die Unfähigkeit der Technostruktur, technisches Wissen zu produzieren, wenn sie die Konkurrenz nicht dazu zwingt, bleibt immer noch die kommunistische „Intelligenzija“. Was den technischen Fortschritt betrifft, hat sie nicht weniger als katastrophal versagt. Dies hätte man eigentlich wissen können, wenn man Milovan Djilas, einen der ersten bekannten Dissidenten, ernst genommen hätte. „Da die kommunistischen Führer sehr praktische Leute sind, stellen sie ohne zu zögern die Zusammenarbeit mit Technikern und Wissenschaftlern her“, schreibt er 1957. Aber unabhängig davon und „trotz des großen technischen Fortschritts ist es eine Tatsache, daß es unter der Sowjetregierung zu keiner großen modernen wissenschaftlichen Entdeckung gekommen ist. In dieser Hinsicht steht die Sowjetunion wahrscheinlich hinter dem zaristischen Rußland zurück, in dem trotz technischer Rückständigkeit epochale Entdeckungen gemacht worden sind“.... > Die von den Kommunisten eingerichteten neuen Tempel des akademischen Wissens waren nicht einmal im Stande, die von kapitalistischen Wirtschaften legal oder auch per Industriespionage (catch up) gewonnenen technischen Kenntnisse praktisch erfolgreich umzusetzen.

Wenn man Djilas heute liest, wundert man sich, dass später viele und zum Teil hoch geachtete Ökonomen und Soziologen der kommunistischen Technostruktur so viel Lob gespendet und dafür empfängliche Leser gefunden haben. Die Tatsachen haben zweifellos nie darauf hingedeutet, dass Schulwissen allein kontinuierlich und spontan neue wissenschaftliche Kenntnisse und neue industrielle Technologien liefert, dass also gute Bildung völlig automatisch für den technischen Fortschritt sorgt. Der Erkenntnisvorgang lässt sich eben nicht automatisieren. Und schon gar nicht lässt sich behaupten, dass gute Ausbildung eine treibende Kraft für eine humanere Gesellschaft ist.

Technostruktur und ihre Ethik

Als Galbraith den Monopolwirtschaften überschwänglich das Wort redete und siegesbewusst erklärte, „wir haben gesehen, worin die Rettung liegen kann“, meinte er bei Weitem nicht, dass die Technostruktur der Monopole nur das technische Wissen erfolgreich produziert. Die „neue industrielle Gesellschaft“ sollte nicht nur ökonomisch eine völlig neue und andere sein als die alte liberale, sie sollte zugleich für die Verwirklichung aller aufklärerischen Ideale sorgen: für den sozialen, moralischen und ästhetischen Fortschritt der Gesellschaft. „Im Gegensatz zu seinen Vorläufern in der Wirtschaft“, schreibt Galbraith, „stellt das Industriesystem intellektuelle Ansprüche. Es schafft sich für die eigenen intellektuellen und wissenschaftlichen Bedürfnisse die Gruppe von Menschen, die - hoffentlich - das Monopol des Industriesystems auf eine soziale Zielsetzung zurückweisen wird.“... > Ein besseres Kompliment hätten sich die Gutausgebildeten wirklich nicht wünschen können. Kein Wunder, dass die technokratische Vision der Zukunft auf dem akademischen Campus einen Sieg nach dem anderen feierte, und dass sich auch die Soziologen diesem neuen Trend mit großen Ankündigungen angeschlossen haben. „Vor unseren Augen entstehen Gesellschaften eines neuen Typs“, schreibt Alain Touraine. „Man wird sie postindustrielle Gesellschaften nennen, wenn man die Entfernung kennzeichnen möchte, die sie von den Industriegesellschaften trennt, die ihnen vorausgegangen sind und sich noch heute sowohl in ihrer kapitalistischen wie in ihrer sozialistischen Form mit ihnen vermischen. Man wird sie technokratische Gesellschaften nennen, wenn man ihnen den Namen der Macht geben möchte, die sie beherrscht. Man wird sie programmierte Gesellschaften nennen, wenn man versucht, sie zunächst durch die Natur ihrer Produktionsweise und ihrer Wirtschaftsorganisation zu definieren.“... > Im Gegensatz zu den überholten gesellschaftlichen Ordnungen, deren soziale Klassen entweder erstarrt-stupide (zum Beispiel das Proletariat) oder dekadent-utilitaristisch (zum Beispiel die Kapitalisten) waren, so der übliche Tenor der expertokratischen Visionen, verfolgen die Spezialisten oder die „Intelligenzija“ konsequent höhere moralische und ästhetische Ziele: „Die Neue Klasse ist die progressivste Kraft der modernen Gesellschaft ... sie ist sowohl emanzipatorisch als auch elitär. Sie untergräbt alle festgefügten gesellschaftlichen Institutionen, alle sozialen Schranken und Privilegein, ihre eigenen eingeschlossen. Die Neue Klasse ist Träger einer Kultur kritischer und gewählter Sprache; diese stellt eine historische emanzipatorische Rationalität dar.“... > Dass die Gutausgebildeten alles mehr oder weniger im eigenen Interesse täten, wurde zwar hinter vorgehaltener Hand zugegeben, aber unabhängig davon wurde immer nachdrücklich hinzugefügt, sie würden trotzdem die ganze Gesellschaft in Richtung auf eine höhere Kultur und Moral trimmen. Diese Klasse „produziert die wissenschaftliche Zivilisation nicht nur als Technik, sondern notwendigerweise in viel umfassenderem Maße dauernd auch als ,Gesellschaft‘ und als ,Seele‘“,... > glaubt der Soziologe Helmut Schelsky es genau zu wissen. Und man soll angeblich schon gar nicht meinen, dass es dabei um eine neue politische Herrschaftsform geht, wie es Burnham als selbstverständlich angenommen hatte. Dank der Wertneutralität der Wissenschaft, „,herrscht‘ gar niemand mehr, sondern hier läuft eine Apparatur, die sachgemäß bedient sein will. Gerade weil es keine ,Herrschaft der Techniker‘ gibt, können die alten ,Herrschenden‘ ruhig bleiben, wo sie sind, und werden durch keine neue herrschende Klasse ersetzt.“... > Die „Herrschaft der Techniker“ als eine universelle postindustrielle Zivilisationsform hätte dann auch ein Ende der Ideologie (Daniel Bell, Alain Touraine) bedeuten müssen, einen Rückzug aller falschen und egoistischen Überzeugungen der Einzelnen und der Gruppen vor der objektiven und neutralen Wahrheit. „Die Gemeinschaft der Wissenschaft stellt innerhalb der Zivilisation eine ebenso ungewöhnliche wie einzigartige Institution dar: Sie kennt keine Ideologie, d. h. postuliert keine offiziellen Glaubenssätze, hat aber durchaus ein Ethos.“... >

Um die wahre Macht der Manager und der Technokraten aus den großen administrativen Einheiten der Monopole nicht wahrhaben zu müssen, kam Galbraith der ökonomische Umstand sehr gelegen, dass Manager keine (typischen) Kapitalbesitzer sind. Es ist in der Tat ein großer Vorteil für Mächtige und Herrschende, nicht offiziell und juristisch zu den Besitzenden zu gehören, und dessen sind sie sich schon seit Langem bewusst. Erinnern wir uns daran, dass die herrschenden Philosophenkönige in Platos idealem Staat formal auch kein Eigentum besaßen; die feudalen Bodenaristokraten des blauen Blutes auch nicht - sie gaben immer an, dass sie lediglich ihnen von Gott anvertrautes Eigentum verwalten würden. Die Kommunisten waren also nicht die ersten, die begriffen haben, welche ideologischen Vorteile die formale und juristische Trennung der tatsächlichen Macht vom Besitz bringt.

Das Eigentum in der modernen monopolistischen Wirtschaft, so diese neue technokratische Erklärung, verschwindet deshalb, weil das Privateigentum auf eine immer größere Zahl von Aktionären übergeht: Die „ehemaligen Rechte werden kollektiviert“, und die übrig gebliebene Macht der Manager und der Technokraten zerfällt angeblich „in Richtung eines Systems von mehr oder weniger kontrollierter Macht“, schreibt damals Adolf Berle (1959). Mögen uns diese kollektiven Rechte der kleinen Eigentümer manchmal verkümmert erscheinen, räumt er zugleich ein, so seien die Aktionäre immerhin noch im Stande, „genügend dieser verkümmerten Rechte zusammenzubringen und genug Macht zu entwickeln, um die Verwaltung zu stürzen“. Deshalb lasse sich die Herrschaft der Manager von ihrem endgültigen Ergebnis her „,Kollektivismus‘ oder  nicht-dirigistischer Sozialismus‘ oder ,Volkskapitalismus‘ nennen“.... > Die „Macht ohne Eigentum“ ist angeblich auch deshalb ungefährlich, so eine der weiteren wichtigen Erklärungen, die man sich von den Liberalen ausgeliehen hat, weil das private Unternehmen den Konsumenten untergeordnet ist.

Nachdem man sich auf diese Weise in der Frage des Verschwindens von Eigentum und Macht weitgehend geeinigt hatte, folgerten sogar manche, dass zwischen der totalen kommunistischen Planwirtschaft und der privatmonopolistischen Marktwirtschaft nur graduelle Unterschiede übrig geblieben seien (Jan Tinbergen, Walt Rostow). Die Systeme würden konvergieren. Nicht nur in der ökonomischen Theorie, sondern auch in der Politologie und in der Soziologie wurde diese nach dem Sputnik-Schock entstandene sogenannte Konvergenzthese sehr populär. Dem Eindruck, der bürokratische Kommunismus und der technokratische Monopolkapitalismus würden letztendlich - jeder auf eigene Weise und aus verschiedenen Richtungen - zu einer gleichen Zivilisationsform gelangen, konnte sich auch mancher liberale Soziologe, wie etwa Raymond Aron, nicht entziehen. Für die westlichen Marxisten war der damalige weitgreifende Konsens, der „Industrialismus [sei] dem Kapitalismus und dem Sozialismus gemeinsam“,... > ein willkommener Anlass, Marx von links zu überholen, Abschied vom Proletariat zu nehmen und sich auf den Weg ins Paradies ohne Proletariat zu begeben (André Gorz).

Die angeblichen Ansprüche der Manager und Technokraten auf ästhetische und moralische Werte entpuppten sich aber sehr bald nur als billige Ideologie. Nachdem die Technokraten das neue Informationszeitalter angekündigt hatten, wurde immer deutlicher, dass Bildungseliten nicht unbedingt höhere humanistische Ansprüche haben. Manager und Technokraten sind, wenn man sie an ästhetischen und moralischen Kriterien misst, in der Mehrzahl auch nur durchschnittlich. Wenn man den historischen Tatsachen mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte, wäre man eigentlich nicht in Versuchung gekommen, zu glauben, dass Gutausgebildete ein neues Ethos fördern, dass also Wissen gleich Tugend ist. Die Biografien berühmter Männer aus Geisteswissenschaft, Kultur und Politik sprechen seit eh und je dagegen, und bei den Naturwissenschaften ist es auch nicht anders. Nur weiß man über die Letzteren im Allgemeinen weniger. Deshalb illustrieren wir diesen Sachverhalt mit einem Beispiel. Newton mag als Wissenschaftler wohl als Personifizierung von Vernunft und Wissen gelten, als Privatmann kann man ihn allerdings kaum schätzen. Gegen den deutschen Philosophen Gottfried W. Leibniz, der die Differenzialrechnung, wie man weiß, völlig unabhängig von ihm entdeckt und veröffentlicht hatte, führte Newton über die Frage der Priorität eine langjährige schmutzige Kampagne. Nach Leibniz Tod erklärte Newton, er empfinde eine tiefe Befriedigung, das Herz seines Gegners gebrochen zu haben.

Moralisch gesehen beeindruckt die Arroganz und Schamlosigkeit, politisch die Klarheit der Interessen und Ansprüche, mit welchen heute die Bildungseliten ihre privilegierte Lage offen darlegen und diese wie selbstverständlich für ihr eigenes Verdienst halten. Sie sind so stolz auf ihre immateriellen Leistungen und geistigen Werte - sie kennen in der Tat große Mengen von Daten auswendig, können gut reden und sind besonders schlagfertig - trachten dafür aber im großen Stil nach materiellen Werten. Die sogenannten neuen „Eliten“ sind nicht anders als alle anderen privilegierten Gruppen in der Geschichte davor; einige Forschungen lassen sogar darauf schließen, dass sie noch raffgieriger und rücksichtsloser sind. Betrachtet man etwa die Bereitschaft der Bildungseliten mildtätig zu handeln, was traditionell zum Ethos der amerikanischen Reichen gehört, so die Untersuchungen, bilden sie das Schlusslicht. Sind sie doch einmal bereit, von ihrem Reichtum etwas freiwillig abzugeben, so tun sie dies nach dem gleichen Prinzip, nach dem sie ihr Geld auch für andere Zwecke zusammenlegen: um die Lebensqualität für sich selbst und ihresgleichen zu verbessern. Ihre „Schenkungen gehen nicht hauptsächlich an Sozialeinrichtungen für die weniger begünstigten Glieder der Gesellschaft, das heißt, wo sie für bessere Schulen, kommunale Gesundheitsfürsorge oder Erholungsstätten für bedürftige Familien eingesetzt werden. Vielmehr gehen die Spenden der Reichen Amerikas an Stätten, von denen sich vor allem reiche Leute unterhalten, inspirieren, heilen oder bilden lassen: Kunstmuseen, Opernhäuser, Theater, Symphonieorchester, Balletts, Privatkliniken (deren Patienten, im Gegensatz zu den Armen, fast alle krankenversichert sind) und Eliteuniversitäten ... [wo ihre] Kinder und Enkel höchstwahrscheinlich auch einmal studieren werden.“... >

 
 
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