zu weiteren gefundenen Beiträgen
 
  Der Ursprung des Preises (Tauschwertes) und seine Erklärungen bzw. Konzeptionen
  Der Wert als Leistung: ein metaphysisches Hirngespinst und ideologischer Schwindel
       
 
Je weiter eine hohle Theorie von der Beobachtung ... sich entfernt und in abstrakten Begriffsspielereien und dilettantischen Konstruktionen sich ergeht, desto wertloser werden ihre Erzeugnisse.
 
    Gustav Schmollerein deutscher Ökonom, einer der Hauptvertreter der jüngeren historischen Schule    
 
Manche Vertreter des „Nutzprinzips“ haben Ernst mit ihrer Auffassung gemacht, indem sie die Folgerung gezogen haben, daß die Nationalökonomie zu einer allgemeinen „Genußlehre“ auszubauen sei. Der erste, der diesen Gedanken gefaßt hat, ist wohl der geniale Idiot Hermann Gossen gewesen, dessen Werk über „Die Gesetze des menschlichen Verkehrs“ die Veranlassung zu allem möglichen Unfug geworden ist.
 
    Werner Sombartein deutscher Nationalökonom, Soziologe und Historiker    
 
Machtgruppen gewinnen dadurch wesentlich an Gewicht und Einfluß, daß sich ihnen Intellektuelle zur Verfügung stellen und Ideologien ausarbeiten. Die gesamte Geistesgeschichte der Menschheit ist von Versuchen erfüllt, Machtansprüche ideologisch zu sichern oder im Angriff zu unterstützen.
 
    Walter Euckenein deutscher Ökonom, Begründer der Freiburger Schule des Ordoliberalismus    

Adam Smith war nie der Auffassung, die Marktwirtschaft sei eine ökonomische Ordnung, in der die Verteilung des gesamtwirtschaftlichen Einkommens der individuellen Leistung entsprechen würde. Er ging also nie davon aus, dass sich in der Wirtschaft durch richtige Preise das alte ethische Prinzip der Gerechtigkeit Jedem das seine realisieren ließe. Die soziale Gerechtigkeit sollte ihm zufolge anders realisiert werden, und zwar nachträglich - darüber aber später. Trotz des gewaltigen Erfolgs und des nachhaltigen Einflusses seines Buches Der Wohlstand der Nationen, konnte die Suche nach den „leistungsgerechten“ Preisen, also nach dem „Wert“ leider nicht aus der Welt geschafft werden. Die ging weiter, vielleicht sogar mit noch mehr Begeisterung und Verbissenheit. Die Systematik, welche das epochale Werk von Smith zum ersten Mal ins ökonomische Denken brachte, hat nämlich eher den Ehrgeiz gewisser Menschen beflügelt und neue Hoffnungen geweckt. Viele, sogar die bedeutendsten und wichtigsten Ökonomen, haben nicht aufgehört von einer ökonomischen Ordnung zu träumen, in der die Einkommens- und Besitzverteilung sich sozusagen automatisch nach der individuellen Leistung richten würde. Man kann dabei zwei große Lager unterscheiden. In einem hat man sich vorgenommen, einen Nachweis vorzubringen, dass schon die Marktwirtschaft bzw. der Kapitalismus, so wie man sie bzw. ihn schon kannte, zu einer solchen Ordnung zumindest tendiert. Im anderen Lager, vornehmlich dem sozialistischen, hat man sich zum Ziel gesetzt, eine solche Ordnung erst zu entwerfen und dann zu realisieren, nachdem man das Wertgeheimnis endlich gelüftet hat.

Wir haben über den Wert und Werttheorien schon einiges im allgemeinen Sinne gesagt, jetzt wollen wir die konkreten Theorien kurz erläutern und vor allem zeigen, wie sie gescheitert sind. Wie gerade angedeutet, lassen sich die wichtigsten dieser Theorien zwei Gruppen zuordnen. In einer wird der Wert auf die Arbeit, in der anderen auf den Nutzen zurückgeführt.

Die Arbeitswertlehre: Die Illusion von der Messbarkeit der geleisteten Arbeitsmenge

Wenn es um die Arbeitswerttheorien geht, kann man sich fast vollständig auf die von Marx beschränken. Die ist im echten Sinne des Wortes die bekannteste. Wenn man alles zusammentragen würde, was Anhänger und Kritiker über diese Arbeitswertlehre geschrieben haben, würde man viele große Bibliotheken füllen können. Trotzdem stand Marx am Ende einer langen Debatte darüber, ob und warum der Preis (Tauschwert) bzw. der Wert durch Arbeit bestimmt sein sollte. Marx selbst hat dies selbst nie bestritten, er betrachtete David Ricardo (1772-1823) als seinen Vorgänger. Schon dieser war in der Tat ein entschlossener Verteidiger der Arbeitswerttheorie. In aller Deutlichkeit schreibt er:

„Der Wert einer Ware oder die Quantität einer anderen Ware, gegen die sie ausgetauscht wird, hängt ab von der verhältnismäßigen Menge an Arbeit, die zu ihrer Produktion notwendig ist.“ ... >

Das einzig Originelle an der Marx’schen Version der Arbeitswerte ist seine heroische Vereinfachung des Begriffs Arbeit, sozusagen die „Erfindung“ einer Methode, wie man die Arbeitsmenge messen können soll, nämlich in Zeiteinheiten: etwa in Arbeitsstunden oder Arbeitstagen. Bei dieser Lösung kann man stutzig werden. Marx warf den bürgerlichen Ökonomen bekanntlich so oft vor, sie würden die Lehre von Smith vulgarisieren, gemeint ist simplifizieren oder vereinfachen, aber was wäre seine Arbeitswerttheorie Anderes? Wie oft hat man nämlich schon lange vor Marx darüber gesprochen, dass eine Arbeit nicht wie die andere ist. Trotzdem dürfen wir nicht schon deshalb diese Theorie für falsch erklären. Die heroische Vereinfachung, was die Entlohnung der Arbeit betrifft, lässt sich zumindest ethisch rechtfertigen, als eine Entscheidung für Einkommensgleichheit. Das ist ein durchaus legitimes Ziel, das sich ein Ökonom stellen kann. Es stimmt natürlich, dass die Einkommensverteilung in der Wirtschat zweifellos eine ökonomische Größe ist. Trotzdem muss nicht alles, was für die Wirtschaft relevant ist, ökonomischen Kriterien genügen. Wenn dies nicht der Fall ist, muss die ökonomische Theorie, in ihrem ökonomischen Bereich, wissenschaftlich richtig sein, also zwei Kriterien genügen: Zum einen muss sie empirisch relevante ökonomische Tatsachen erklären und vorhersagen können, zum anderen muss sie in sich schlüssig sein. Nach diesen zwei Kriterien und in dieser Reihenfolge wollen wir die Arbeitswerttheorie prüfen und beurteilen, danach auch die (Grenz-)Nutzentheorie.
 

Das empirische Versagen der Arbeitswerttheorie

Es gibt in der Tat Güter, die ihre Existenz nicht der Arbeit verdanken. Den Preis dieser Güter kann die Arbeitswertlehre selbstverständlich nicht erklären, das hat sie auch nie behauptet. Ihr vorzuwerfen, sie könne kein Maß des Wertes und Tauschwerts sein, weil sie dies nicht kann, weil sie also keine universale Erklärung der Preise ist, entbehrt jeder Berechtigung. Nur ganz abstrakte Aussagen können universal sein, sind dafür aber leer. Seriöse wissenschaftliche Theorien müssen konkrete Aussagen bzw. Ergebnisse liefern und diese sind immer nur für einen beschränkten empirischen Bereich gültig. Die Ausnahmen an sich widerlegen keine wissenschaftliche Theorie, das so genannte Falsifizierungsprinzip von Popper ist Unfug.mehr

Ein anderer Einwand gegen die Arbeitswertlehre ist ungleich schwerwiegender. Wenn die Arbeit der Wert wäre, müsste sie irgendwie messbar sein. Wie bereits besprochen, Marx meinte dieser Maßstab wäre die Zeit bzw. Arbeitszeit. Sie ist bestimmt eine messbare gemeinsame Eigenschaft aller ökonomischen Tätigkeiten, aber sie reicht bei weitem nicht aus, die Vielfältigkeit der Arbeit zu erfassen. Arbeiten unterschieden sich sehr. Arbeit kann körperlich oder geistig sein, leicht oder schwer, gefährlich oder ungefährlich, sauber oder schmutzig, interessant oder langweilig, ansehnlich oder erniedrigend. Die Arbeit des Lehrers ist eine andere als die des Bauers, die des Schlossers eine andere als die des Fließbandarbeiters, die der Kauffrau eine andere als die des Lokführers, die des Ingenieurs eine andere als die des Finanzberaters, usw. Wie kann man diese völlig verschiedenen Qualitäten mit einem universellen Maßstab messen? Das alles wollte Marx aber nicht wahrnehmen, er hat die Arbeitsmenge nur auf die Arbeitszeit reduziert, so dass es für ihn folgerichtig war, dass sich die Arbeitsmenge auch ohne Angebot und Nachfrage bzw. Markt bestimmen ließe, den man in der nachkapitalistischen Wirtschaft nicht haben sollte. Es stimmt natürlich, dass sich die Zeit technisch sehr genau messen lässt. Wie wissen heute aber, wohin dies in der Praxis geführt hat.

Nach der kommunistischen Revolution wurde sehr schnell klar, wie naiv diese Auffassung war. Die gleichen Stundenlöhne für jede Art von Arbeit hat all diejenigen demotiviert, die keinen attraktiven Beruf ergreifen konnten. Was tun? Es blieb nichts anderes übrig, als die nicht attraktiven Berufe, die keiner ausüben wollte - was man doch wieder nur aus Angebot und Nachfrage erfahren konnte -, besser zu entlohen. So hat man es auch getan, aber das hat nicht viel geholfen. Nicht jede, sondern ausschließlich eine nützliche Arbeit ist ökonomisch sinnvoll und kann als Wert betrachtet werden, Marx sagte: „die gesellschaftlich notwendige“. Das hört sich gut an, aber Marx sagte gar nichts dazu, was und wer bestimmen sollte, was „gesellschaftlich notwendig“ für jeden Beruf und für jeden Arbeitsplatz konkret bedeuten könnte. Die einzig übrig gebliebene Möglichkeit war, es der Administration zu überlassen, die Arbeitsnormen zu bestimmen. Das Problem ließ sich aber dadurch nicht lösen. Zwei Gründe waren ausschlaggebend:

Was man gewissermaßen gut normieren kann, sind die manuellen Arbeiten, wo sich alles auf optisch gleiche Weise regelmäßig wiederholt. Für andere Tätigkeiten, vor allem dort, wo eine nicht sichtbare geistige - also intellektuelle und kreative -Leistung verlangt wird, sind Normen unmöglich. Die älteren Ökonomen und Marx nannten solche Tätigkeiten bzw. Arbeiten unproduktiv. All diejenigen, die sie ausübten, konnten sich vor der „echten“ Arbeit gut drücken. Das hatte schwere Folgen, weil gerade die wichtigsten Tätigkeiten, wie etwa die der Technologen, Organisatoren und Wissenschaftler nicht kontrollierbar waren. Natürlich hat die allmächtige Kommunistische Partei dies richtig erkannt, was der Grund dafür war, dass Kampagnen gegen die Bürokratie ständig auf der Tagesordnung waren. Dabei stand der Gedanke dahinter: Diejenigen, die „produktive“ Arbeit ausübten, sollten diejenigen besser kontrollieren, die „unproduktiv“ beschäftigt waren. Für die Partei war es zwar einfach, diese „unproduktiven“ Berufe pauschal zu bestrafen, etwa durch Senkung ihrer Vergütungen. Aber das war auch keine Lösung: Alle, die dort tätig waren, wussten, dass man ihnen nie so wenig bezahlen konnte, wie es ihren Möglichkeiten entsprochen hätte, Arbeit zu vermeiden. Wen wundert dann, dass der Sozialismus von der „Intelligenzija“ am bittersten bekämpft wurde. Seltsamerweise waren es diejenigen, denen der Staat die Kosten für das Studium abgenommen und ihnen auch noch Arbeitsplätze gesichert hat. Sie hat sie dafür aber später - sogar im Verhältnis zu den „produktiven“ Berufen - miserabel bezahlt.

Aber das Problem der Bestimmung und Messung der „gesellschaftlich notwendigen“ Arbeitszeit ist bei weitem nicht nur ein technisches, dass sich nämlich die „unproduktiven“ Arbeiten schlecht oder gar nicht messen lassen. Ein noch größeres Problem kann man mit der bekannten Frage erfassen: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Warum sollten die Ausschüsse für die Bestimmung der Arbeitsnormen und Arbeitszeiten motiviert sein, gut und gewissenhaft zu arbeiten? Jedem Ausschuss einen weiteren überzuordnen, wäre zwar nicht ganz unmöglich, aber der Aufwand dafür enorm gewesen. Weil eine effektive Kontrolle nicht auf Dauer möglich war, konnten diese Ausschüsse dann bequem ihren partialen Interessen nachgehen. Im Laufe der Zeit haben die Kontrolleure und die Kontrollierten immer mehr gemeinsame Interessen gefunden und Seilschaften gebildet, zum Nachteil der Effizienz der Wirtschaft. Als dann Fahrlässigkeit, Schlendrian und Kungelei auf den Kosten des „gesellschaftlichen“ Kapitals alle Schichten und Bereiche des Systems durchgedrungen hatte, brach der „real existierende Sozialismus“ zusammen.  

Nach einem gewissen Zeitabstand könnte es amüsant vorkommen, wenn man liest, was Marx als Philosoph über die Arbeit geschrieben hat. Im ersten Band des Kapitals hatte er noch für selbstverständlich gehalten, dass nach der Aufhebung des Privateigentums zugleich jedes Motivationsproblem aus den Produktionshallen verschwunden würde. Die Arbeit würde das erste Menschenbedürfnis sein, so dass jeder freiwillig und begeistert das Beste von sich geben würde. Allmählich würde man sogar die Arbeitsteilung aufheben, so dass keiner schlechte Berufe auf Dauer ausüben müsste.mehr  Diese egalitäre Vision findet man auch bei Lenin, in seinem Buch Staat und Revolution, das er kurz vor der Oktoberrevolution geschrieben hat. In der Räterepublik, gleich nach der Revolution, hatte man sich ernsthaft vorgenommen, sie zu realisieren (Rätesystem), sie hat sich jedoch nach kürzester Zeit als ökonomische Katastrophe erwiesen. Ob Lenin wusste, dass Marx im Dritten Band des Kapitals von solchen romantischen Phantasien nichts mehr wissen wollte? Dort stellt dieser nämlich ganz nüchtern fest, dass die Arbeit doch dem „Reich der Notwendigkeit“ angehöre und dass das Ziel der Arbeit die Freizeit sei - wie es schon Aristoteles meinte. Diese Marx’sche Wende wird noch skurriler, denn sein Schwiegersohn Paul Lafargue verfasste das berühmte Buch Das Recht auf Faulheit.

Es ist erstaunlich, dass Marx so gut wie nie vorgeworfen wurde, dass seine Werttheorie deshalb nichts taugt, weil sich der von ihm angeblich entdeckte Wert, also die Größe Arbeit, praktisch kaum messen lässt. Der Arbeitswert ist eine empirisch nicht taugliche Größe. Dies müsste einer der stärksten Vorwürfe gegen die kommunistische Utopie sein. Dass dies nie der Fall war, kann man nur damit erklären, dass auch die Grenznutzentheorie keinen empirischen Bezug zur Realität hat. Man hütet sich davor, der Arbeitswertlehre etwas vorzuwerfen, was wie ein Bumerang zurückkäme.

Das theoretische Versagen der Arbeitswerttheorie

Hätte sich der Marxsche Beitrag zur Arbeitswertlehre nur darin erschöpft, die Arbeit als Wert auf ihre Dauer (Zeit) zu reduzieren, wäre Marx als Ökonom schon längst vergessen: als bedeutungsloser Ricardianer. Seine Berühmtheit hat er sich anders erworben, natürlich auch als Philosoph, aber bestimmt noch mehr als Ökonom mit seiner Analyse der Funktionsweise des Kapitalismus. Diese beruht gänzlich auf dem Wert. Mit dem Wert bzw. dem Arbeitswert meinte er, nicht nur die Funktionsweise der Wirtschaft erklären zu können, sondern sogar den Schlüssel zur Voraussicht der langfristigen „Entwicklungstendenzen“ des Kapitalismus gefunden zu haben. Zwei seiner solchen sozusagen rein analytischen Ergebnisse sind bei Weitem die wichtigsten und zugleich falsch im formal-logischen Sinne.

Das Problem mit dem Profit (Transformationsproblem):

Es ist zweifellos richtig anzunehmen, dass die Arbeit in allen hergestellten Waren steckt, auch wenn wir sie nicht genau messen können. Theoretisch wäre es aber erlaubt anzunehmen, wir wüssten die Arbeitsmengen, um von dieser Annahme aus die Analyse weiter fortzusetzen. So lässt sich rein theoretisch prüfen, ob die Preise unter den Bedingungen, die der Marktwirtschaft entsprechen, den Arbeitskosten gleich wären. Zu diesen Bedingungen, unter welchen sich die Preise in der Marktwirtschaft bilden, gehört die Existenz einer Einkommensart, die als Profit bezeichnet wird. Die klassischen Ökonomen haben nie bezweifelt, dass es den Profit gibt und dieser schafft der Arbeitswertlehre Problem: Er deformiert die Arbeitspreise. Wenn man den Arbeitswert vertritt, kann nämlich der Profit nur ein Teil dessen sein, was der Arbeiter mit seiner Arbeit in die Produktion gesteckt hat: der Mehrwert (surplus). Nun ist es so, das war den ältesten Ökonomen auch bekannt, dass das Verhältnis Arbeit und Kapital bei den konkreten Unternehmen unterschiedlich ist. Wenn jemand dort investiert, wo der Faktor Arbeit einen größeren Anteil der Investition ausmacht, wo es also mehr Arbeiter und damit auch mehr Mehrwert gibt, könnte dort bei gleicher Ausbeutungsrate schließlich der Profit größer ausfallen. Aber in einer Wirtschaft, wo jedem frei steht, wo er investiert, könnte dieser Zustand nicht von Dauer sein. Alle würden dann in die arbeitsintensive Produktionen investieren und die Konkurrenz würde den Profit auf ein durchschnittliches Maß für die ganze Wirtschaft herabsetzen. Das würde natürlich die Arbeitspreise deformieren, was schon Ricardo vorgeworfen wurde und was dieser (später) auch gestanden hat. Sein Schüler Marx glaubte eine Lösung gefunden zu haben. Er gab zu, dass wegen des Profits die Preise auf dem freien Markt („Produktionspreise“) tatsächlich vom Wert abweichen, aber die Summe aller Abweichungen sei angeblich Null. Kurz ausgedrückt: Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist die Summe der (Geld-)Preise identisch der Summe der (Arbeits-)Werte. Dies wäre ein indirekter Beweis, dass nur die Arbeit den ganzen Wert in einer Wirtschaft schafft. Diese Schlussfolgerung von Marx, die sogenannte Lösung des „Transformationsproblems“, ist aber falsch. Sie ist eine mathematisch falsche Aussage. Das haben wir schon genauer erörtert.mehr

Die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals:

Abgesehen davon, wessen ökonomische Interessen die Marxsche angebliche Lösung des Transformationsproblems praktisch dient, ist sie nur ein rein logisches (mathematisches) Argument zugunsten der Arbeitswertlehre. Wir sind also hier wirklich nur innerhalb einer Theorie, die keine empirischen Implikationen nach sich zieht. Eine andere theoretische Schlussfolgerung der Marxschen Analyse ist aber praktisch relevant und lässt sich auch gut empirisch prüfen: Die Tendenz von der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals. Daraus hat er den angeblichen tendenziellen Fall der Profitrate abgeleitet, die dann zur Selbstzerstörung des Kapitalismus führen würde. Das meinte Marx mit seinen berühmten Reproduktionsschemata bewiesen zu haben. Wir verdeutlichen jetzt nur kurz, worum es geht.

Die Marxschen Reproduktionsschemata sind an sich zweifellos eine große Errungenschaft. Sie sind der erste Versuch in der Geschichte der ökonomischen Theorie, das Wachstum quantitativ zu modellieren. Das wurde von vielen anerkannt und geschätzt, auch von solchen, die gar nichts von seinen ökonomischen Auffassungen hielten. Marx wagte in seine Analyse des Wachstums sogar die Produktivitätssteigerung einzubeziehen und kommt zur Schlussfolgerung, dass beim Produktivitätswachstum das (reale) Kapital pro Arbeitsplatz tendenziell steigt. Diese falsche Auffassung finden wir schon bei Adam Smith und anderen früheren Ökonomen. Marx hat also die „Richtigkeit“ eines Irrtums nachgewiesen. Die empirischen Forschungen, die man später durchführte, sagen aber eindeutig, dass es nicht stimmt, dass die Kapitalmenge pro Arbeiter tendenziell steigt. Die falschen Ergebnisse sind die Folge dessen, dass er in seinen Schemata etwas weggelassen hat, was wichtig ist. Wir haben auch das schon genauer untersucht.mehr

Die angebliche Bedingtheit der Produktivität durch die Kapitalakkumulation wäre in der Tat ein Beweis, dass die Arbeit, also der von den Arbeitern geschaffene Wert (im akkumulierten Kapital) für die Produktivitätssteigerung sorgt. Die individuelle Leistung der Arbeiter wäre also die Ursache des immer weiter steigenden Wohlstands. Auch darüber hat die Erfahrung mit den kommunistischen Wirtschaften ihr Urteil gesprochen. Als diese Wirtschaften noch arm waren und als solche unterkapitalisiert, hat die Kapitalakkumulation eine beschleunigte Industrialisierung bewirkt, später hat sich herausgestellt, dass sich die Produktivitätssteigerung mit einer weiteren Akkumulation nicht bewerkstelligen lässt. Weil es sich dabei aber um einen großen Irrtum der ganzen klassischen ökonomischen Theorien handelt, werden wir uns diese Problematik bei Smith noch genauer anschauen.

Fügen wir noch hinzu, dass die Auffassung, das ökonomische Wachstum benötige immer mehr akkumuliertes Kapital, ausgerechnet Ricardo, als einer der wenigen, für falsch hielt. Schon damals konnte man mit einem der größten Irrtümer der klassischen Ökonomie aufräumen. Dieser hat Ricardo jedoch überlebt, nicht nur bei seinem berühmtesten Schüler Marx, sondern er ist auch ein fester und wichtiger Bestandteil der ganzen neoliberalen Theorie. Sie hat aber auch ihre sozusagen originellen Irrtümer, die wir uns jetzt anschauen.

Der Wert in der ideologischen Zwangsjacke der realen Ertragskurve (Produktivitätskurve)

Heben wir noch einmal hervor, dass Smith in der Arbeit die einzige Ursache oder Quelle des Reichtums sah, aber trotzdem nichts von einem Zusammenhang von marktwirtschaftlichen Preisen und Arbeitsmengen wissen wollte. Es war Ricardo, der berühmteste Ökonom aus der ersten Generation nach Smith, der plötzlich die Arbeit zum Wert, also zum „unveränderlichen Maßstab“ für die Preise erklärte. Marx hat die Arbeitswerttheorie berühmt gemacht, aber damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen ihm und Ricardo. Für Marx war Ricardo ein Vertreter der Interessen des Kapitals, was zweifellos stimmt, aber er war das nicht nur im politischen und praktischen Sinne. Er hatte sich zugleich auch große Verdienste für die Entwicklung der späteren marginalistischen Analyse und der neoklassischen, besser gesagt neoliberalen Theorie erworben. So wurde Ricardo der Stammvater der zwei siegreichen Richtungen in der angebotsorientierten ökonomischen Theorie: des Marxismus und des Neoliberalismus.

Seitdem aber deutlich wurde, was Marx „angerichtet“ hat, ist auch Ricardo den „bürgerlichen“ Ökonomen suspekt geworden. Einige, wie etwa Schumpeter, haben sich besonders viel Mühe gegeben, ihn zu einem drittklassigen Ökonomen und Denker herabzusetzen, bei dem man wenig Originelles findet. Seine Werke, also die Ideen, sprechen aber für Ricardo. Er war seinerzeit ganz bestimmt nicht ohne Grund sehr angesehen und geschätzt. Keynes schrieb:

„Ricardo hat England so vollständig erobert wie die Heilige Inquisition Spanien. Nicht nur wurde seine Theorie von der City, von Staatsmännern und von der akademischen Welt angenommen, sondern der wissenschaftliche Streit nahm ein Ende; der andere Standpunkt verschwand vollkommen; man hörte auf, ihn zu erörtern.“ ... >

Ricardo kann wegen seiner Analyse der Einkommensverteilung bzw. der Erklärung der differenzialen Bodenrente als Wegbereiter der späteren neoliberalen Theorie betrachtet werden. Sie bietet ein logisches Muster für die „reale Grenzproduktivitätstheorie“, deshalb verdient sie unsere besondere Aufmerksamkeit. Um die Idee so einfach wie möglich darzustellen, bedienen wir uns einer bildlichen Darstellung. Ein Bild hat bekanntlich die besondere Eigenschaft, es möglich zu machen, eine Problematik mit einem Blick erfassen zu können. Außerdem zwingt eine graphische Darstellung unerbittlich dazu, sich über die logische Schlüssigkeit einer Vorstellung bis ins Letzte klar zu werden. Wenn eine Vorstellung noch vage und unklar ist, kann man sie noch nicht zeichnerisch richtig darstellen, während man beim verbalen Ausdruck mit beliebiger Unschärfe über die Schwierigkeiten hinweggleiten kann.

   

Auf der Abszisse steht Boden, in der Maßeinheit Hektar [ha], und zwar in der Reihenfolge: Das fruchtbarste Hektar aller Bodenflächen steht an der ersten Stelle, dann das zweitbeste und so weiter. Die Balken stellen den Ertrag der entsprechenden Flächen dar. Wenn man es ganz einfach haben will, kann man diesen Ertrag natural messen, etwa in Tonnen [t] der erzielten Ernte: Es kann zum Beispiel Weizen sein. Der erste Balken ist natürlich der größte, die ihm folgenden sind immer kleiner. Diesen abnehmenden realen Ertrag des Bodens kann man zweifellos als eine empirische Realität betrachten. Eine solche fallende Ertragskurve oder anders gesagt fallende Produktivitätskurve lässt sich aus den überprüfbaren Tatsachen einwandfrei entnehmen. Man bezeichnet diese Tatsache als Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag, wobei man sich fragen muss, ob das Wort Gesetz hier eine Berechtigung hat. Es wird damit nichts anderes gemeint, als dass der Boden nicht immer gleich fruchtbar ist. Als angebliche Entdecker dieses „Gesetzes“ werden oft die Ökonomen Turgot und Thünen benannt, aber man fragt sich sofort, wo denn die Bauern geblieben sind, die immer und überall gewusst hatten, dass der Boden mehr und weniger fruchtbar sein kann. Aber das braucht uns im Folgenden nicht zu interessieren.

Nehmen wir an, dass jeder Hektar des Bodens die gleiche Menge an Arbeit benötigt, um etwa Weizen anzubauen. Dann würde es bedeuten, das die horizontale Axe (Abszisse) zuglich die Beschäftigung darstellt - so werden wir sie später wahrnehmen. Des weiteren nehmen wir an, dass jeder Bauer gleichen Lohn bezieht. Die entsprechenden Lohnkosten pro Hektar sind dann überall gleich, so dass "Löhne" in unserem Bild eine Gerade darstellen, die paralell zur horizontalen Axe verläuft. Bemerken wir noch, dass die Bauern in Ricardos Zeiten in Großbritannien keine Leibeigenen sind, sondern Landarbeiter, die als freie Tagelöhner arbeiten. Der Einfachheit halber kann man annehmen, dass diese Landarbeiter mit Weizen bezahlt werden, aber auch wenn man Löhne und Bodenertrag in Geld umrechnet, würde sich an unseren Schlussfolgerungen nichts ändern. Man kann dann die Maßeinheit  t  etwa als ein Kürzel für Taler verstehen - wenn man es will. Wie man es aus dem Bild enthemen kann, die Fläche n+1 ist etwas Besonderes. Hier würde der Bodenbesitzer den ganzen Ertrag für die Löhne ausgeben müssen, so dass er logischerweise diesen Boden bzw. das Hektar - sowie all die ihm folgenden, die noch weniger fruchtbar sind - nicht verpachtet. Die Produktivität dieser Bodenfläche n+1 hat man später als reale Grenzproduktivität bezeichnet. Diese Grenze bestimmt, welche Menge von einem Produktionsfaktor in der Wirtschaft benutzt wird: Bei uns sind es n Flächen bzw. Hektar - womit zugleich auch die Zahl der Beschäftigten bestimmt wird. Ein anderes Wort für Grenze ist Margine, so dass diese Analyse auch als marginalistisch benannt wird. Aus dem Bild ist offensichtlich, dass sich dieser Grenz- oder Marginalertrag verschiebt, wenn die Ertragskurve (Produktivitätskurve) steilen oder flacher verlaufen würde - im ersten Fall nach links und im zweiten Fall nach rechts..

Diese Ricardosche Analyse der Einkommensverteilung hat eine ältere ersetzt, die auf dem Prinzip des Existenzminimums basiert. Der Gedanke, der hinter dem Existenzminimum steht, ist einfach. Die älteren Ökonomen sind davon ausgegangen, dass keiner gern arbeitet; die Löhne dürften deshalb nicht allzu hoch sein, weil die Arbeiter weniger arbeiten würden, was für die Wirtschaft von Nachteil wäre. Aber wie viel ist den Arbeitern genug? Sogar einem Sklaven muss man zumindest soviel Einkommen überlassen, dass er sich selbst und seine Familie ernähren kann.

„Die Arbeit des gemeinsten erwachsenen Sklaven entspricht im Werte mindestens der Menge an Boden, die der Eigentümer für dessen Nahrung und dessen notwendigste Bedürfnisse verwenden muß, und überdies dem Doppelten jener Menge an Boden, die erforderlich ist, um ein Kind bis zum arbeitsfähigen Alter aufzuziehen, da die Hälfte der Kinder, die geboren werden, vor dem siebzehnten Lebensjahre stirbt.“ ... >

Mehr als ein Sklave sollte auch der Arbeiter nicht bekommen. Das Gesetz darf „dem Arbeiter gerade das noch zum Leben Notwendige zugestehen - so bereits William Petty (1623-1687) - denn wenn man ihm das Doppelte zugesteht, dann arbeitet er nur halb soviel, wie er hätte tun können und andernfalls getan hätte; das bedeutet für die Gesellschaft einen Verlust des Ergebnisses von soviel Arbeit“. Den Lohn in dieser Höhe bezeichnete man als Existenzminimum. In Bild 2 wird mit der gestrichelten Linie dieses auf das Existenzminimum herabgesetzte Einkommen der Arbeiter dargestellt - zugleich werden die Balken als unerheblich weggelassen.

Marx hat die Bodenrente von Ricardo mit diesem zusätzlichen Prinzip erweitert. Der Bodenbesitzer, so seine Auffassung, bekommt schließlich immer mehr als die Differentialrente. Er ist nämlich ein Monopolist, der Landarbeiter erpressen und ihnen nur Löhne zahlen kann, die gerade noch für ihr Überleben reichen. Der große deutsche Philosoph Schopenhauer hat dies auf den Punkt gebracht:

„Zwischen Leibeigenschaft, wie in Rußland, und Grundbesitz, wie in England, und überhaupt zwischen dem Leibeigenen und dem Pächter, Einsassen, Hypothekenschuldner u. dgl. m., liegt der Unterschied mehr in der Form, als in der Sache“. „Ob mir der Bauer gehört, oder das Land, von welchem er sich nähren muss; der Vogel oder sein Futter; die Frucht oder der Baum; ist im Wesentlichen wenig verschieden“. „Armuth und Sklaverei sind also nur zwei Formen, fast möchte man sagen zwei Namen, derselben Sache, deren Wesen darin besteht, daß die Kräfte eines Menschen großentheils nicht für ihn selbst, sondern für Andere verwendet werden.“ ... >

Die zweite Bodenrente, die durch das Existenzminimum bestimmt wird, die zwischen den horizontalen Linien in  Bild 2 liegt, nennt Marx absolute Bodenrente. Zusammengenommen entsprechen diese zwei Bodenrenten dem, was Quesnay (1694-1774) als produit net genannt hat. In seinem Kreislaufmodell, dem ersten und authentischen Modell der ökonomischen Theorie, meinte Quesnay bewiesen zu haben, das die Bodenrente (produit net) ein Verdienst des Bodens sei, so dass er nicht den Bauern gehören könnte. Doch sogar wenn dem so wäre, warum sollte sie dann dem Bodenbesitzer gehören?

Als die Kirche noch das Deutungsmonopol für die Welt und die Eigentumsverteilung hatte, konnte sie den Bauern einreden, dass Gott den Auserwählten den Boden geschenkt hat, doch nun wurde diese Erklärung immer weniger überzeugend. Außerdem hatte der Begriff Existenzminimum etwas Bedrohliches in sich. Der Arme konnte sich von jeder Hoffnung verabschieden, sein Los je verbessern zu können. Das sollte sich in der freien Marktwirtschaft doch ändern, so das vollmundige Versprechen des Liberalismus. Mit der marginalistischen Analyse konnte man sich dann elegant von diesem Versprechen verabschieden, ohne das gestehen zu müssen. In den folgenden Schritten werden wir kurz zeigen, wie der marginalistischen Analyse dieser perfide Kunstgriff gelungen ist.

Wir haben die Erklärung der Bodenrente noch nicht zu Ende geführt. Ricardo hat nämlich in seiner Analyse der Einkommensverteilung auch noch den Kapitalisten berücksichtigt. Seine Wirtschaft ist eine kapitalistische Wirtschaft, in der - wie bereits erwähnt - freie Arbeiter den Boden bestellen. Diese sind aber nicht von den Bodenbesitzern engagiert, sondern vom Kapitalisten, der den Boden pachtet und seine Bebauung organisiert. Der Kapitalist steht also zwischen dem Bodenbesitzer und den Arbeitern. Für seine Leistung bekommt er Profit. Das letzte Bild ist geeignet, dies darzustellen, man braucht nur andere Beschriftungen. Das ist in Bild 3 dargestellt.

   

Weil der Kapitalist etwas Nützliches tut,  - er finanziert und organisiert die landwirtschaftliche Produktion, und trägt auch das Risiko - kann er nicht böse sein. Der Schurke bei Ricardo ist allein der Bodenbesitzer, weil er ein Monopolist ist. Ricardo war aber kein Sozialist, so dass für ihn die Enteignung des Bodens nicht in Frage kommen konnte. Das Problem mit dem Monopol am Boden, also mit der zu hohen Bodenrente, die den Profit und die Löhne frisst, sollte durch freien internationalen Handel gelöst werden - der für alle beteiligten Wirtschaften nur Vorteile, die brühmten komparativen Vorteile bringen würde. Auch das haben wir anderswo näher erläutert.dorthin

Im nächsten Schritt verlassen wir aber Ricardo und seine Landwirtschaft, um seine marginalistische Denkweise auf eine rein kapitalistische Marktwirtschaft anzuwenden. Wir ersetzen den Boden durch das Kapital - siehe Bild 4. Wir nehmen also einfach an, dass es auch beim Kapital eine fallende reale Produktivitätskurve gibt. Dort wo die Differenzialrente war, könnten wir Profit schreiben, aber wir tun es nicht. Wir lassen den Profit weg - die Gründe dafür besprechen wir nachträglich. Wo bei Ricardo noch Profit stand, setzen wir jetzt Zins ein. Der Grenzertrag bestimmt jetzt die Summe, die sich Zins und Löhne teilen können, wie es sich aus dem Bild unmittelbar entnehmen lässt. Das hat weit reichende Konsequenzen:

Was geschieht nun, wenn die Arbeiter für niedrigere Löhne arbeiten würden? Das ist in Bild 5a dargestellt. Die Zahl der Beschäftigten würde sich erhöhen und auch die Produktion (Output) der Wirtschaft.

   

„Der Grund der Arbeitslosigkeit“, so fasste es seinerzeit Joseph Schumpeter im Namen aller Liberalen zusammen, sich auf den ultraliberalen Gustav Cassels (1865-1945) berufend, „heißt: Mangelhafte Beweglichkeit der Arbeit. ... Wäre Arbeit vollständig beweglich, d. h. könnten die Arbeiter, die in irgendeiner Branche arbeitslos sind, sich ohne weiteres auf andere Verwendungen umstellen, so würde es immer und notwendig eine Nachfrage für ihre Arbeit in anderen Industrien geben.“ Und er folgert daraus triumphierend: „Die Wissenschaft bietet tatsächlich alles, was wir zum grundsätzlichen Verständnis der Erscheinung brauchen.“... >

Man ahnt schon, wie sich die Grenznutzenanalyse gegen die Arbeiter anwenden lässt, wie man sie für ihre Arbeitslosigkeit selbst verantwortlich machen kann: Sie verlangen zu hohe Löhne. Man kommt aber schnell auf den Gedanken, dass auch zu hohe Zinsen daran schuld sein können, dass die Beschäftigung nicht zunimmt. Auch ihre Senkung würde die Beschäftigung erhöhen, wie in Bild 5b dargestellt. Die Neoliberalen können dies aber uminterpretieren und die Zinsen doch noch von jeder Verantwortung für die Arbeitslosigkeit freisprechen. Warum gibt es Zins überhaupt?

Der Zins ist eine Belohnung für das Sparen und das Sparen ist die Voraussetzung für die Investitionen: für die Schaffung von Kapital. Das haben schon die ältesten Ökonomen so gesehen - Marx auch. Das Kapital ist also nicht eine Größe wie Boden, der ein einmaliges Geschenk der Natur ist, das sich nicht mehr ändern lässt, nachdem es die Natur uns einmal überlassen hat. Das Kapital besteht aus Produktionsgütern verschiedener Art, wie etwa Maschinen, Fahrzeuge und Gebäude, die sich im Prinzip in beliebigen Mengen herstellen lassen. Damit sie hergestellt werden können, muss im ersten Schritt jemand bereit sein, für sie zu bezahlen. Diese Menschen, die dafür ihr Einkommen zur Verfügung stellen, nennt man Sparer. Sie würden aber nur dann sparen wollen, wenn man ihnen Zinsen dafür bezahlt. Wenn die Zinsen höher sind, sind die Sparer bereit noch mehr zu sparen und umgekehrt. Was ist aber das, was überhaupt eingespart werden kann?

Hier kommt die fallende reale Produktivitätskurve zum Zug. Gespart werden kann nur das, was der Grenzertrag hergibt, den sich der Arbeiter und der Sparer teilen. Er ist schließlich eine objektiv gegebene Größe, weil dies die reale Produktivitätskurve so bestimmt. Wenn die Löhne steigen, bleibt für die Zinsen weniger übrig. Es kann dann weniger investiert werden, so dass die Arbeiter mit ihren Löhnen das Wachstum erwürgen und damit langfristig für weniger Beschäftigung verantwortlich sind. Wenn die Arbeiter höhere Löhne durchsetzen, haben sie vielleicht kurzfristig mehr ergattert, aber langfristig haben sie der Arbeiterklasse insgesamt geschadet. War bei Ricardo noch der Bodenbesitzer der Schurke im System, ist in der neuen liberalen Theorie allein der Arbeiter der Schurke. Das ist die letzte Konsequenz der neoliberalen Grunznutzenanalyse. Nebenbei bemerkt, bevor die liberalen Ideologen des Kapitalismus die Grenznutzenanalyse entdeckt haben, sprachen sie im gleichen Sinne vom Lohnfonds, also der Lohnsumme, welche nicht überschritten werden kann, mit der gleichen Absicht, die Lohnsteigerung anzuprangern. Die Arbeiter haben es also in der Hand, die Arbeitslosigkeit völlig zu beseitigen, wenn sie ihre Löhne ausreichend senken. Dann würden die Löhne der realen Produktivität des Produktionsfaktors Arbeit und damit genau der individuellen Leistung entsprechen. 

Wir merken schon: Über einen Umweg sind wir mit der marginalistischen Analyse genau dort gelandet, wo alle Werttheorien auch hinwollten. Der Wert sollte das sein, was die individuelle Leistung bestimmt, und die Preise sollten sie spiegeln. Marx meinte dies herausgefunden zu haben. Die Neoliberalen sind derselben Überzeugung. Beide meinen herausgefunden zu haben, was der „wahre“ oder „objektive“ Wert ist. Marx mit Hilfe der Arbeitszeit, die Neoliberalen mit Hilfe der fallenden realen Ertragskurve (Produktivitätskurve). Es ist aber auch so, dass man in der bürgerlichen Ökonomie über den Wert kaum oder gar nicht mehr spricht, seitdem man mit dieser Kurve den Durchbruch erzielen konnte. Aber was bedeutet das? Die neoliberalen Ökonomen haben nur den Wert als Fachausdruck stillschweigend aus dem Verkehr gezogen, um die metaphysischen Grundlagen ihrer Theorie weniger auffällig zu machen bzw. sie zu vertuschen. Das Ziel ist immer dasselbe geblieben, nämlich die Vorstellung über die ökonomisch gerechten Preise, die genau der Summe der individuellen Leistungen entsprechen.

Fügen wir an dieser Stelle noch hinzu, dass bei der „analytisch strengen“ Ausformulierung der marginalistischen Einkommensverteilungstheorie sich der amerikanische Ökonom John. B. Clark (1840-1938) besonders hervorgetan hat. Die Grundidee haben wir erläutert, ins Detail brauchen wir nicht zu gehen. Worum es ihm ging, erklärt er uns selbst am Anfang seines Buches „Distribution of Wealth“. Fast trotzig kündigt er an, es sei sein Ziel zu zeigen, dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital am Einkommen gerade den Wert vergütet erhalten, den sie durch ihre Beteiligung am Produktionsprozess dem Sozialprodukt hinzugefügt haben. Wenn der Markt also dafür sorge, dass in jeder Preiseinheit der Konsumgüter die gleiche Menge von psychischen Intensitäten stecke, dann müsste - so Clark - analog dazu auch in jeder Preiseinheit der Produktionsmittel quantitativ die gleiche Menge von technologischen Wirkungen stecken, die diesem Nutzen quantitativ äquivalent seien. Sollte dies nicht der Fall sein, so wäre die Marktwirtschaft nichts anderes als eine „institutionelle Räuberei“. Und so schwadroniert Clark von den Schlussfolgerungen aus der „realen“ fallenden Ertragskurve, um damit zu beweisen, dass dem objektiv so ist. Der Arbeiter bekommt auf dem Markt was er individuell leistet, der Kapitalist was er individuell leistet. Die marginalistische Analyse sollte demzufolge nicht nur den endgültigen Beweis erbracht haben, dass der Markt nicht nur für das Gleichgewicht, sondern auch für das technische Optimum sorgt und damit jeden Produktionsfaktor nach seinem objektiven Beitrag zur Wertschöpfung entlohnt. Die Reichen aller Couleur können seitdem gelassen ihren Reichtum für sich alleine behalten. Sie müssen ihr Gewissen nicht mehr strapazieren, wenn sie ihren Nachbarn plötzlich bettelnd an der nächsten Straßenecke sitzen sehen. Schluss mit der Sentimentalität, die den Sinn für die Realität beleidigt! Wenn einem das Einkommen nicht für seine Existenz ausreicht, so diese neue liberale Theorie, bedeutet dies lediglich, dass die reale Leistung seiner Arbeit weniger Kalorien produziert, als sein Organismus zum Überleben benötigt.

Das empirische Versagen der „realen Grenzproduktivitäststheorie“

Die Annahme, dass sich jedem Produktionsfaktor eine fallende reale Produktivitätskurve zuordnen lässt, ist für die marginalistische Analyse entscheidend. Deshalb werden wir über diese Annahme etwas mehr sagen müssen, aber wir verschieben das auf später, und zwar aus einem prinzipiellen Grund: Die Annahmen an sich, ihre empirische Gültigkeit, sind bei der Bewertung einer wissenschaftlichen Theorie nicht maßgeblich. Sogar die besten und erfolgreichsten Theorien - die der Naturwissenschaften - haben auch Annahmen, die man an sich empirisch weder beweisen noch widerlegen kann. Für die Richtigkeit einer jeden wissenschaftlichen Theorie ist etwas anderes entscheidend, nämlich ob ihre Aussagen bzw. Schlussfolgerungen der Realität entsprechen. Was sind nun die wichtigsten Aussagen bzw. Schlussfolgerungen der neoliberalen (marginalistischen) Theorie?

Man nennt die neoliberale marginalistische Theorie auch angebotsorientiert, noch besser wäre sie als kostenorientiert zu bezeichnen. Wie aus den letzten zwei Bildern folgt, sind nach dieser Theorie Kosten, vor allem die Lohnkosten, für alles andere entscheidend. Sinken sie (Bild 5a), führt das sowohl direkt als auch indirekt (langfristig) zum Wachstum. Auch Zinsen sind (Produktions-)Kosten, so dass auch ihre Senkung die Wirtschaft kurzfristig in Fahrt bringen würde (Bild 5b). Ihre Senkung wäre jedoch langfristig für das Wachstum von Nachteil. Die Richtigkeit dieser Schlussfolgerungen lässt sich empirisch genau prüfen, weil Löhne und Zinsen gut messbar sind. Und was sagt uns nun die Erfahrung?

1: Es gibt keine inverse (negative) Korrelation zwischen den Löhnen und dem Wachstum, wie es die marginalistische Analyse behauptet, im Gegenteil. Gerade wenn die Wirtschaft wächst, ist die Beschäftigung hoch, es sind auch die Löhne hoch - und umgekehrt. Außerdem wurde noch nie ein empirischer Beweis dafür erbracht, dass eine Lohnsenkung die Arbeitslosigkeit senkt und das Wachstum beschleunigt. Die Weimarer Zeit mit ihren brutalen Lohnsenkungen... > ist das exzellente Beispiel dafür. In der EU wiederholt man dasselbe Experiment seit der ökonomischen Krise Herbst 2008 - das Ergebnis ist gleich.

Wenn man die ganze Geschichte des Kapitalismus in Betracht zieht, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass es kein Land gibt, das sich mit niedrigen Löhnen entwickelt hat und ökonomisch „effizient“ bzw. produktiv wurde. Mit dem Doppelklick auf kommt eine Tabelle, aus der eindeutig sichtbar ist, dass auch dieser bekannte asiatische „kleine Tiger“ nicht so entstanden ist, indem man zuerst gespart und auf den Lohn verzichtet hat. Interessanterweise hat schon Smith beobachtet:

„Nicht die dermalige Größe des Nationalwohlstandes, sondern seine beständige Zunahme bringt ein Steigen des Arbeitslohns hervor. Demnach steht der Arbeitslohn nicht in den reichsten Ländern am höchsten, sondern in den aufblühenden oder am schnellsten reich werdenden. England ist gegenwärtig sicher ein viel reicheres Land, als irgendein Teil von Nordamerika. Der Arbeitslohn steht aber in Nordamerika weit höher, als in irgendeinem Teile Englands.“ ... >

2: Alle empirischen Untersuchungen zeigen, dass auch die Zinsen gerade dann am höchsten sind, wenn die Wirtschaft am schnellsten wächst. Außerdem hat man auch mit Zinssenkungen noch nie Wachstum generiert. In Japan sind seit vielen Jahren die Zinsen praktisch auf Null, trotzdem blieb das Wachstum sehr schwach. Da hilft nicht einmal mehr die Zusicherung, die Zinsen würden nur mittel- und langfristig wirken. Wie lange sollte sich die Wirkung noch verzögern? Zwei, drei, sieben Jahre oder gar um Jahrzehnte? Diese angebliche Langfristigkeit ist offensichtlich nichts mehr als nur eine ziemlich billige Ausrede.mehr

3: In noch einer Hinsicht ist die neoliberale Kostentheorie falsch. Wenn Zinsen eine reale Größe sind, wie es als selbstverständlich angenommen wird, und wenn die Erfahrung zeigt, dass in jeder realen Wirtschaft fast immer gespart wird, dann müsste das Kapital der Volkswirtschaft pro Arbeiter ständig steigen. Wir erinnern uns hier an die Marxsche Auffassung über die „steigende organische Zusammensetzung des Kapitals“, die sich als empirisch falsch erwiesen hat. Wenn die Realität in dieser Hinsicht die Marxsche Theorie des Wachstums Lügen straft, dann straft sie auch die marginalistische Theorie. Wenn der reale Output der Wirtschaft nicht immer mehr Kapital braucht, kann auch das Sparen kein relevanter Faktor des Wachstums sein. Auch dazu lassen sich empirische Beweise schnell finden. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Löhne so schnell gestiegen sind wie nie, so dass die Lohnquote, also der relative Anteil an der „Grenzproduktivität“ am höchsten war, wuchs die Wirtschaft so stark wie nie zuvor. Warum haben die hohen Löhne nicht die Akkumulation gefressen, und zwar in einer Zeit, als die Produktionsstätten und die Infrastruktur noch durch den Krieg sehr beschädigt waren? 

Die einfachste Erklärung, warum Löhne und Zinsen, also Kosten mit dem Wachstum korrelieren, liefert uns das Gesetz von Angebot und Nachfrage, „das erste, größte und universellste Prinzip der politischen Ökonomie“ (Malthus). Dort wo die Nachfrage nach Gütern groß ist, steigen auch die Preise der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, also Löhne und Zinsen und umgekehrt. Soll das jetzt heißen, dass die neoliberale Theorie Angebot und Nachfrage nicht berücksichtig? Dabei ist sie doch gerade darauf stolz. Ja, sie ist eine schlechte Karikatur einer Theorie, die sich auf Angebot und Nachfrage bezieht.

Wenn in den seriösen Wissenschaften eine Theorie mit empirischen Tatsachen nicht zurecht kommt, ist es nahe liegend (noch einmal) zu prüfen, ob sich beim Theorieaufbau unbemerkt formale (mathematische) Fehler eingeschlichen haben. Solche Fehler lassen sich bei Marx finden, die neoliberale Theorie blieb davon von Anfang an verschont - dazu kommen wir noch. Was tut man in einem solchen Fall, wenn die Theorie empirisch versagt, aber keine formalen Fehler hat? Allgemeine Antworten gibt es nicht. Man kann sich aber sicher sein, dass das Problem in der Wahl der Annahmen (axiomatische Basis) liegt. Man sagt dann die Theorie ist paradigmatisch falsch aufgebaut. Diese Feststellung ist wenig hilfreich, weil sich die Annahmen nicht einfach eine nach der anderen (an sich) prüfen lassen, und zwar deswegen, weil jede (einigermaßen komplexe) Theorie ein logisches Ganzes ist. Darüber haben wir schon mehr gesagt.mehr Einige Annahmen lassen sich schon deshalb nicht prüfen, weil sie abstrakt sind: Sie sorgen nur dafür, dass eine Theorie in sich konsistent (schlüssig) ist - sie sind sozusagen nur der Mörtel im Theoriegebäude. Damit eine Theorie empirisch tauglich ist, müssen wenigstens einige Annahmen einen Bezug zur Realität haben. Diesen kann man eventuell empirisch prüfen. Widerspricht eine Annahme der Realität, hat es eine gewisse Berechtigung davon auszugehen, dass sie zum Versagen der Theorie zumindest beigetragen hat. Solche Annahmen sprechen also eindeutig gegen die entsprechende Theorie. Die neoliberale Theorie weist in der Tat manche solcher empirisch untauglichen Annahmen auf. Fangen wir mit der fallenden realen Ertragskurve an, weil sie sozusagen die tragende Säule der ganzen „bürgerlichen“ ökonomischen Theorie nach der „Marginalistischen Revolution“ am Ende des 19. Jahrhunderts ist.

Wie bereits erwähnt, sind verschiedene Böden unterschiedlich fruchtbar, so dass nichts dagegen spricht, sie in eine Reihe so einzuordnen, dass sie eine fallende reale Ertragskurve bilden. Es ist zwar so, dass diese Reihenfolge nicht für alle Anbaukulturen dieselbe wäre, aber diese Abweichungen lassen sich vernachlässigen. Beim Boden kann man also zweifellos von fallenden realen Erträgen ausgehen. Wie sieht es mit dem Faktor Arbeitskraft aus? Die Arbeitnehmer unterscheiden sich natürlich auch voneinander was Stärke, Bildung, Motivation, Denkvermögen, Kreativität, Gesundheit usw. betrifft. Wenn die Beschäftigung steigt, muss sich die Wirtschaft immer mehr mit denen zufrieden geben, die weniger stark, ausgebildet, motiviert etc. sind. Man kann - unter Vorbehalt - doch von einer fallenden realen Ertragskurve auch beim Produktionsfaktor Arbeit sprechen. Aber wie sieht es mit dem Produktionsfaktor Kapital aus? Um das herauszufinden, bedienen wir uns konkreter Beispiele.

Eine Farm hat zwölf Stallanlagen für Kühe: Würde der dreizehnte Stall weniger Fleisch und Milch erbringen? Eine Baufirma hat zwölf Bulldozer: Würde die Produktivität des nächsten, des dreizehnten, niedriger sein? Ein Unternehmen hat zwölf Fließbänder, Maschinen oder Roboter: Würde das nächste, das dreizehnte Stück in der Produktionshalle weniger produktiv sein? So etwas würde kein Mensch im Ernst behaupten. Außerdem ist schon längst bekannt - man erinnert sich an die Stecknadelmanufaktur von Smith -, dass durch Spezialisierung und Massenproduktion die Erträge pro Kapitaleinheit nicht fallen. In der Regel steigen sie sogar (increasing returns to scale). Eine reale fallende Ertragskurve für das Kapital, die der (differentialen) Bodenrente analog wäre, gibt es in der Wirklichkeit nicht. Sie ist eine reine akademische Erfindung. Eine direkte Folge davon haben wir bereits angesprochen. Wir haben gesagt, dass es in der neoliberalen Theorie keinen Profit gibt. Der ideologische Nutzen dieser Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Die gigantischen Reichtümer bei wenigen im real existierenden Kapitalismus können dann schließlich nur aus dem Zinseinkommen stammen, also das Ergebnis großer Sparsamkeit sein. Ferdinand Lassalle (1825-1864), Wortführer der frühen deutschen Arbeiterbewegung und Hauptinitiator und Präsident der ersten sozialdemokratischen Parteiorganisation im deutschen Sprachraum, spottete über eine solche Auffassung genüsslich:

Der Kapitalprofit ist der „Entbehrungslohn“! Glückliches Wort. Die europäischen Millionäre, Asketen, indische Büßer, Säulenheilige, welche auf einem Bein auf einer Säule stehen, mit weit vorgebogenem Arm und Oberleib und blassen Mienen einen Teller ins Volk streckend, um den Lohn ihrer Entbehrung einzusammeln! In ihrer Mitte und hoch über alle seine Mitbüßer hinausragend als Hauptbüßer und Entbehrer das Haus Rothschild! Das ist der Zustand der Gesellschaft! Wie ich denselben nur so verkennen konnte!

Es kann nicht überraschen, dass die neue Klasse der reichen Bürgerlichen und Kapitalbesitzer mit dem Sparen ihr parasitäres Dasein rechtfertigen wollte. Was sonst könnte ihre Macht und Privilegien moralisch und ökonomisch legitimeren? Es ist angebracht an dieser Stelle noch hinzuzufügen, dass später auch der bekannte Soziologe Max Weber (1864-1920), auf dem breiten Strom der falschen ökonomischen Theorien schwimmend, die Entwicklung der abendländischen Wirtschaft und Kultur auf die angeblichen asketischen Neigungen bzw. auf den heldenhaften Konsumverzicht der Reichen zurückführte. Seitdem können sich diejenigen, deren ganzes Dasein aus Jux, Pomp und Verschwendung besteht, als wahre Märtyrer und Wohltäter der Gesellschaft darstellen, als diejenigen, die mit ihrem spartanischen Verzicht für neue Arbeitsplätze und Produktionssteigerung sorgen.

Die marginalistische Analyse hat sich als bestens dafür geeignet erwiesen, das leistungslose Einkommen bzw. die Profite der Reichen zu leugnen und auch den brutalsten und hartherzigsten Umgang der Reichen und Mächtigen mit den Untergebenen moralisch zu rechtfertigen. Die Sache hat aber einen Haken. Streitet man die Existenz der Profite ab, weil es keine fallende reale Kapitalertragskurve gibt, dann bricht die ganze marginalistische Analyse in sich zusammen. Die Kurven schneiden sich nicht, den Grenzwert gibt es nicht. Alles liegt in Trümmern. Was tun?

Würde man die marginalistische Analyse in der Form belassen, wie wir sie vorgestellt haben, also als eine Spielart der Ricardoschen (makroökonomischen) Einkommensverteilung zwischen den Klassen, wäre ihr innerer Widerspruch allzu auffällig. Sie würde kaum jemanden täuschen können. Man musste sich etwas einfallen lassen, den Widerspruch zu vertuschen. Die Rettung kam von Léon Walras (1834-1910), der am Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee kam, das marginalistische Prinzip zu einem mikroökonomisch fundierten Modell der Marktwirtschaft auszubauen. Erst mit seinem Modell des allgemeinen Gleichgewichts begann die neue marginalistische Denkweise ihren Siegeszug. Wir haben dieses Modell des allgemeinen Gleichgewichts im thematischen Bereich Neoliberalismus | für eilige ausführlich behandelt.mehr

Wir haben in unseren Beispielen die Möglichkeit angedeutet, wie sich die angeblich reale fallende Ertragskurve des Kapitals retten lässt: indem die produktive Leistung des Kapitals nicht als Profit verstanden wird, sondern als Zins. So etwas wäre keinem früheren Ökonomen „aufgefallen“. Haben sie alle etwas falsch wahrgenommen? Man kann natürlich nicht bestreiten, dass es zwischen Kapital und Zins einen gewissen Zusammenhang gibt. Kapital beruht nämlich auf  Ersparnissen und ohne Zins würde eine Wirtschaft nie genug Ersparnisse ansammeln können. Damit ist aber nicht gesagt, dass die akkumulierte Kapitalmenge (Kapitalstock) mit dem Zinsfuß in einem direkten Zusammenhang stehen muss. Man kann es sich so vorstellen: Ein See kann sowohl von einem großen Fluss als auch von einem kleinen Bach gespeist werden. Man nimmt aber in der neoliberalen Theorie an, dass die Menschen bei höheren Zinsen mehr sparen, so dass durch höhere Zinsen mehr Kapital akkumuliert wird. Also setzt man die Kapitalmenge mit dem Zinsfuß in Korrelation. Auf diese Weise kommt man zur gewünschten fallenden Ertragskurve des Kapitals, ohne die das Modell von Walras nicht funktionieren würde - das mathematische Gleichungssystem wäre nicht lösbar. So hat man nun den Profit elegant aus der Marktwirtschaft entfernt. Die psychische Bereitschaft zu sparen wird zur Produktivität des Kapitals umgedeutet. Wenn man nicht schon betriebsblind geworden ist, fragt man sich erstaunt: Was hat die Bereitschaft der Menschen zu sparen mit einer „realen“ oder „objektiven“ Produktivität des Kapitals, also mit der technologischen Effizienz der Produktionsmittel zu tun? Nichts. Es wäre gelinde gesagt eine große Verharmlosung zu sagen, im Modell von Walras wird „um die Ecke gedacht“. In Wahrheit wurde getrickst was das Zeug hält. Aristoteles hat einen solchen Argumentationsfehler bei den Sophisten als ignoratio elenchi kritisiert. Es geht darum, dass ein gültiger Beweis für eine Behauptung geliefert, aber dabei unterschlagen wird, dass es sich um eine andere als die ursprünglich zu beweisende Behauptung handelt. Man kann das in moderner Ausdrucksweise auch als Etikettenschwindel bezeichnen.

Man ahnt schon, dass das Modell von Walras, nachdem man die fallende „reale“ Ertragskurve für das Kapital mit den Zinsen gerettet hatte, die gleichen Schlussfolgerungen liefert, wie unsere einfache Überlegung auf Grundlage der Ricardoschen Bodenrente. Allgemein gesprochen: Es sind Kosten, die alles in der Marktwirtschaft bestimmen. Niedrige Kosten sind gut, hohe kosten sind schlecht. Gibt es praktische Probleme in der Marktwirtschaft, werden sie durch hohe Kosten verursacht. Folglich ist ihre Senkung auch die Lösung für jedes praktische Problem. Die Bezeichnung angebotsorientiert passt gut zum Modell des allgemeinen Gleichgewichts, noch treffender wäre es mit kostenorientiert bezeichnet. Hier gehen die Aussagen des Modells nicht über das hinaus, was schon aus der Annahme der fallenden Ertragskurve folgt. Das Modell hat also nur das, was schon in den Annahme steckt, zur Schlussfolgerung gemacht. Wie sinnlos! Alle empirisch falschen Aussagen, was die Kosten betrifft, die wir in den obigen drei Punkten kurz zusammengefasst haben, kann man der Annahme von fallenden realen Erträgen zuschreiben. Aber das Modell hat auch andere, originelle Schlussfolgerungen, die auf anderen Bereichen der Realität einen permanenten Krieg gegen die Tatsachen führen. Erwähnen wir jetzt nur die zwei wichtigsten.

4: Das Modell des allgemeinen Gleichgewichts verdankt seine Berühmtheit dem „Beweis“, dass die Marktwirtschaft angeblich immer von alleine - spontan - zum Gleichgewicht tendiert. Anders gesagt, das Modell ist so konstruiert, dass es keinen Zustand analytisch artikulieren kann, den man als Ungleichgewicht interpretieren könnte. Ein Ungleichgewicht ist in dem Modell logisch - oder besser gesagt: mathematisch - unmöglich. Konkret bedeutet das, dass es im Rahmen des Modells ein Rückgang des Wachstums und der Beschäftigung in der kapitalistischen Marktwirtschaft nicht denkbar ist, zyklische ökonomische Krisen würden erst Recht nie auftreten können. Mit dem Modell von Walras steigert sich die Realitätsblindheit der neoliberalen ökonomischen Theorie ins Absurde. Man ahnt schon, was die Vertreter der neoliberalen Theorie tun, wenn die Wirtschaft strauchelt oder zusammenbricht: Das haben alles die Arbeiter mit ihren überzogenen Lohnansprüchen angerichtet.

5: Aus dem Modell des allgemeinen Gleichgewichts lässt sich (mathematisch) ableiten, dass die Wirtschaft nicht nur zu irgendeinem Gleichgewicht tendiert, sondern zugleich zu dem, das die Produktionsfaktoren optimal nutzt. Um diese „Errungenschaft“ hat sich Wilfredo Pareto (1848-1923) verdient gemacht. Spätestens nach seinem „Beweis“ musste klar sein, welche Botschaft das Modell des allgemeinen Gleichgewichts bringt: Der Kapitalismus schafft die beste aller möglichen Welten. Aber stimmt das wirklich?

Wenn eine Welt, in der die Natur gnadenlos ausgebeutet und die Umwelt verschmutzt wird, in der sich wenige Menschen unermessliche Reichtümer unter dem Nagel reißen, wohingegen viele andere in Elend leben und durch Schikanen am Arbeitsplatz krank werden und viel zu früh sterben, oder sogar durch Arbeitslosigkeit verhungern, wenn die Welt in der die Wirtschaft regelmäßig zusammenbricht und dann in der Regel in Kriege mündet eine Welt sein sollte, die im Gleichgewicht ist und optimal Ressourcen nutzt, dann müsste man sich fragen: Wie sollte um Gottes Willen dann die schlimmste aller möglichen Welten aussehen? Sich das vorzustellen, würde viel Phantasie benötigen. Adorno bemerkte einmal dazu: „Vergleiche zwischen der Schlechtigkeit von Gesellschaften verschiedener Epochen sind prekär; dass keine besser gewesen sein soll als die, welche Auschwitz ausbrütete, fällt mir schwer anzunehmen.“ Wirft man einen Blick zurück in der Geschichte, stellt man schnell fest, dass es immer wieder „große“ Denker gab, die die Welt, in der sie gerade gelebt haben, für die bestmögliche hielten. Man erinnert sich etwa an den bekannten Philosophen Leibniz, der im 17. Jahrhundert verkündete, dass „diese Welt die beste aller möglichen Welten ist“. Das Skurrile an seiner Auffassung ist, dass er mit ihr nicht lange nach dem Dreißigjährigen Krieg daherkommt, der bis dahin die größte durch menschliches Handeln verursachte Katastrophe des Abendlandes war. Eigentlich ist die Welt immer für jemanden so gut wie perfekt. Hinter dem Lob an die Welt, wie sie ist, steht immer eine hinterlistige konservative Ideologie, die Alternativlosigkeit der aktuellen Verhältnisse.

Kehren wir aber zurück zu Pareto. Was hat er mit seinem „Optimum“ eigentlich bewiesen? Er hat im Rahmen des Modells des allgemeinen Gleichgewichts einen rein abstrakten (mathematischen) Beweis hergeleitet, dass die freie Marktwirtschaft den Gesamtnutzen maximiert, woraus dann folgen sollte, dass sie die Produktionsfaktoren optimal nutzt. Da wurde wieder einmal „um die Ecke gedacht“, oder unverblümt gesagt ein weiterer Etikettenschwindel betrieben. Es gibt keine direkte empirische Möglichkeit seinen „Beweis“ zu überprüfen - er ist vom Anfang bis zum Ende eine reine „akademische Übung“. Eine indirekte Prüfung ist jedoch sehr wohl möglich: Wir können - wie schon angedeutet - prüfen, ob die Annahmen des Modells, aus dem das Gleichgewicht und das Optimum abgeleitet werden, empirisch tauglich bzw. zutreffend sind. Zu einer dieser Annahmen gehört natürlich auch die fallende reale Ertragskurve. Über sie haben wir das wichtigste schon gesagt. Es gibt aber auch noch weitere, nicht weniger problematische Annahmen, die sowohl für das Paretosche Optimum als auch das Walrasche Gleichgewicht nötig sind. Diese Annahmen - und die ihnen zugehörigen Begriffe - haben die neuen Liberalen nicht von ihren Vorgängern übernommen. Sie waren originell, aber in welchem Sinne originell? Das ist sehr wichtig zu erörtern, weil man erst dann begreift, was das Modell des allgemeinen Gleichgewichts wirklich ist.

Die Konstrukteure des Modells, Walras und Pareto, waren Ingenieure im Zeitalter der Dampflok und der Postkutsche. Sie haben die mathematischen Grundlagen der klassischen Mechanik gut gekannt und sind auf die Idee gekommen, sie für die Erklärung der Funktionsweise der Marktwirtschaft zu nutzen. Ihnen kam es so vor, dass die Marktwirtschaft, vor allem wenn es um den Tausch der Güter geht, im Grunde nichts anderes ist, als die mechanische Bewegung der freien Körper in Raum und Zeit. Diese ursprünglichen Hintergründe des Modells des allgemeinen Gleichgewichts verschweigt man heute wann immer es geht. Damals, am Ende des 19. Jahrhunderts, war es ganz anders. Die klassische Mechanik galt noch als unangefochtene Königin der Wissenschaften, die man stolz als Vorbild nutzen durfte. Man erinnert sich etwa an die Ökonomen Gossen und Jevons, wie begeistert sie von der Nachahmung der Denkweise der klassischen Mechanik gesprochen haben.

Die Ironie der Geschichte ist, dass das partikel-mechanische Modell der klassischen Physik, in der Zeit als es von Walras und Pareto für die Wirtschaftswissenschaft entdeckt wurde, kurz vor seiner Demontage stand. So haben wir heute die absurde Situation, dass in der Physik schon mehr als ein Jahrhundert lang das partikel-mechanische Modell sozusagen ein geistiges Ausstellungsstück ist, dem ein ehrenhafter Platz im Museum gebührt - neben dem Spinnrad und der bronzenen Axt - doch für die Ökonomen ist dieses Modell ihr ganzer Stolz. Heute findet man keinen Physiker, der glauben würde, die Annahmen der klassischen Mechanik würden die physikalische Welt so wiedergeben, wie sie wirklich ist. Dieses Modell deutet die Welt lediglich so, wie sie sich unseren Sinnen offenbart. Das ist etwas völlig Anderes. Unsere Sinne nehmen nämlich nur Körper wahr, die nicht sehr groß und nicht sehr klein sind, sowie Zeiträume, die nicht sehr lang und nicht sehr kurz sind. In diesem Bereich der Realität war das partikel-mechanische Modell der klassischen Physiker zweifellos ein großartiger Erfolg, aber dass ist nicht die Realität, sondern nur ein kleiner Teil von ihr. Für den Mikrokosmos und den Makrokosmos ist dieses Modell völlig unbrauchbar, bringt also keine brauchbaren Erkenntnisse. Schließlich kann es die Realität nicht so beschreiben, wie sie wirklich ist.

Könnte es aber trotzdem sein, dass dieses Modell, das sich in der Physik als untauglich erwiesen hat und verstoßen werden musste, trotzdem die empirische Realität der Marktwirtschaft gut wiedergibt? Ist die Welt der freien Bewegung der materiellen Körper im Prinzip der Welt der Produktion und des Tausches der Güter wirklich analog? Man muss hier gleich hervorheben, dass Vergleiche immer problematisch sind, weil „es keine Regel gibt, die auf Anhieb zu entscheiden erlaubt, ob eine Analogie gut oder schlecht ist, denn jedes Ding ähnelt jedem anderen unter einem bestimmten Aspekt“.... > Es lässt sich aber trotzdem nicht leugnen, dass eine erhebliche Dosis von Phantasie nötig ist, in dem, was man in der Marktwirtschaft sieht, die freie Bewegung der mechanischen Körper zu sehen. Schon eine kurze Gegenüberstellung der Welt der klassischen Mechanik und der Marktwirtschaft kann gut verdeutlichen, wie absurd es ist, die Welt der klassischen Mechanik zum Muster der Wirtschaft machen zu wollen.

      Annahmen der klassischen Mechanik       (Falsche) Annahmen der marginalistischen Analyse
      •  Masse und Energie sind unendlich (infinitesimal) teilbare Substanzen:

Die Natur macht keine Sprünge, so hat  es der bereits erwähnte Philosoph Leibniz auf den Punkt gebracht. Dem würde Newton, sein Zeitgenosse, zweifellos sofort beipflichten. Aber schon vor längerer Zeit hat sich in der Chemie herausgestellt, dass die Natur sehr wohl Sprünge macht. Die Welt der klassischen Physik war zweifellos analog, die der Chemie ist das gar nicht: Sie ist eindeutig diskret, heute würde man sie vielleicht auch als digital bezeichnen. Aber weder Leibniz noch Newton konnten dies  ahnen. Als nämlich John Dalton, einer der Wegbereiter der Chemie, geboren wurde, waren die beiden schon längst tot. Die der Chemie folgenden organischen Systeme sind auch diskreter Natur. Um die Ironie perfekt zu machen: In der Physik der kleinen Teilchen geschieht auch alles nur durch Sprünge: Die Physiker sagen Quanten. Die klassische Physik ist somit die einzige Welt, in der alles analog oder kontinuierlich ist.

      •  Die ökonomischen Güter sind nicht beliebig teilbar:

Das gilt schon mehr oder weniger für Konsumgüter: Man kann zwar eine Tafel Schokolade teilen wie man es will, aber man kann nicht  ein Viertel einer Kappe und nur einen Schuh tragen, ein Drittel eines Autos fahren, eine Hälfte vom Fernsehen gucken usw. In der Produktion sind die Ganzheiten noch viel kompakter und noch weniger zerlegbar: Will man produzieren, muss man sich eine ganze Maschine, ein ganzes Fließband oder eine ganze Halle besorgen, und man kann sie nur in ihrem ganzen Umfang einsetzen.

      •  Massen, Energien, Kräfte usw. sind absolut homogene Größen:

Ein Kilogramm bleibt ein Kilogramm, und verhält sich immer als ein Kilogramm, unabhängig davon, ob es als Gas, Wasser, Öl, Quecksilber, Kohle, Eisen, Holz, ... existiert. Eine kWh der Atomkraft ist gleich einer kWh der Wind- und Solarkraftenergie. Wenn eine Kraft mit einer bestimmten Intensität wirkt, ist es für den Physiker unerheblich, ob es sich um eine Gravitationskraft, Reibungskraft, magnetische Kraft oder welche auch sonst handelt.

      •  Die ökonomischen Güter sind untereinander sehr unterschiedlich:

 

      •  Massen, Energien, Kräfte usw. lassen sich beliebig kombinieren und austauschen:

Das folgt schon aus der Tatsache, dass sie quantitativ betrachtet absolut homogen sind. Die Heizung kann mit Gas und Öl funktionieren und das Ergebnis ist gleich; der Hausbesitzer verfeuert das, was gerade billiger ist. Wenn bei der Windstille 1 kWh ausfällt, kann man sie problemlos mit 1 kWh aus dem Atomkraftwerk oder Kohlekraftwerk ersetzten. Anstatt „ersetzen“, kann man hier das Fremdwort „substituieren“ verwenden. Bemerken wir noch, dass in der heutigen Physik sogar die Substanzen Masse und Energie untereinander substituierbar sind (E=mc2).

      •   Die ökonomischen Güter lassen sich nicht in beliebeigen Kombinationen konsumieren und vor allem nicht herstellen:

Eine uneingeschränkte Substitution eines Produktionsfaktors durch einen anderen - die sogar kontinuierlich möglich sein soll - ist ein Zerrbild der Wirklichkeit. Schon weil die Güter nicht beliebig teilbar sind, kann man sie nicht in beliebigen Verhältnissen kombinieren. Aber es geht nicht nur darum. In der Produktion werden nicht einzelne Produktionsgüter substituiert, sondern es wird eine komplette Technologie („Produktionsmethode“) durch eine andere ausgetauscht. Wenn man sich dessen bewusst ist, wird einem klar, was für eine Posse das Paretosche Optimum ist. Es ist eine mathematisch richtige Schlussfolgerung, die auf völlig realitätsfremden Annahmen beruht. Man hat diese Problematik im Rahmen des Kreislaufmodells untersucht, in dem man nicht mit diesen realitätsfremden Annahmen arbeiten muss, woraus sich ergab, dass das von Pareto „entdeckte“ Optimum im echten Sinne des Wortes nur ein „Unsinn mit Methode“ ist. Das hat in den sechziger Jahren zu einer Auseinandersetzung geführt, die als „Cambridge-Cambridge-Kontroverse“ bekannt ist, in der die neoliberale Theorie eine bittere Niederlage erlitten hat. Auch darüber haben wir schon mehr gesagt.mehr

      •  Die physikalischen Theorien erfassen Bewegungen in Zeit und Raum:

Man unterscheidet Statik und Dynamik. Das gilt nicht nur für den Bereich der Wirkung der klassischen Kräfte, sondern allgemein. So gibt es zum Beispiel Elektrostatik und Elektrodynamik in der Physik.

      •  Im Model von Walras besteht die Zeit und der Raum höchstens implizit:

Sogar Schumpeter, ein großer Bewunderer des Gleichgewichtsmodells, bezeichnet dieses Modell als statisch. Bemerken wir dazu auch gleich, dass es bis heute - also nach mehr als einem Jahrhundert - keinem gelungen ist, das Walrassche Modell mit der Variable Zeit zu erweitern. Einzig und allein das Kreislaufmodell hat sich dafür als tauglich erwiesen. An einer anderen Stelle haben wir diese beiden Modelle verglichen.mehr

Erwähnen wir noch einmal Marx, der schon damals die Nachfolger von Smith und Ricardo als Vulgärökonomen bezeichnete, die ihre Schlussfolgerungen nur mit einer brutalen Simplifizierung der „klassischen Politischen Ökonomie“ ziehen konnten. Marx konnte aber nicht ahnen, dass das erst ein fast unschuldiger Anfang war. Der marginalistische Ansatz war eine geradezu paranoide Vereinfachung aller theoretischen Annahmen, um zu einer Welt zu gelangen die den im Voraus gefassten Wünschen und Sehnsüchten entspricht. Die Mathematik war die Tarnung für diesen Schwindel. Sie hat sich vornehmlich deshalb dafür als bestens geeignet erwiesen, weil sie von allen Menschen nicht nur geschätzt, sondern auch gefürchtet wird. Man kann also von einem Missbrauch der Mathematik zur intellektuellen Einschüchterung sprechen. Der französische Philosoph André Glucksmann sagt mit Recht, dass die Flucht in monumentale analytische Konstrukte das beliebteste und erfolgreichste Tarnmuster der modernen Dummheit ist. „Gäbe sich die Dummheit nicht den Anstrich von Intelligenz, könnte sie niemanden täuschen“, stellt er fest. Bei seinen Untersuchungen findet er heraus, dass zur Grundlage der Dummheit heute immer eine bis zur logischen Perfektion vervollkommnete Methode dient, „die jedermann handhaben kann und die allen Bedürfnissen gerecht wird. Eine Methode ist Mittel und Zweck in einem. Sie ist ein Weg, der seine Bestimmung vorwegnimmt, und ein Ziel, das den Weg vorzeichnet, der zu ihm führt.“... >

Das theoretische Versagen der „realen Grenzproduktivitätstheorie“

Die neue liberale, auf Grundlage der marginalistischen Methode entstandene Theorie ist an sich nicht originell, weil sie nur eine Nachahmung der damals als vorbildlich geltenden klassischen Physik, genauer gesagt ihres partikel-mechanischen Modells war. Als sich Walras in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorgenommen hat, aus diesem Modell ein Referenzmodell für die freie Marktwirtschaft zu schaffen, war das theoretische System der klassischen Physik schon längst vollendet und von allen Fehlern und Widersprüchen bereinigt. Walras brauchte also nur aufzupassen, dass er nicht etwas falsch abkupfert. Und er hat alles richtig gemacht, auch wenn er mathematisch nicht besonders begabt war. Deshalb können wir uns die Mühe sparen, nach formalen Fehlern und logischen Widersprüchen in der neoliberalen Theorie bzw. in ihrem Referenzmodell zu suchen: Wir werden nichts finden. Will man vom theoretischen Versagen dieses Modells sprechen, dann nur im dem Sinne, dass die Ökonomen sich für ein falsches Modell entschieden haben und bis heute unfähig waren, es mit etwas Besserem zu ersetzen. Woran könnte das liegen?

„Die Volkswirte haben Schönheit, gekleidet in beeindruckende Mathematik, mit der Wahrheit verwechselt“, wiederholt neulich der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman den alten Vorwurf an die Neoklassik. Könnte es also daran liegen, dass bei den Ökonomen der Sinn für die Realität stark unterentwickelt ist? Bei Walras spricht einiges dafür. Er begann ein Ingenieurstudium an der École des Mines erst, als er an der von ihm favorisierten Hochschule (Ecole Polytechnique) nicht angenommen wurde, und zwar wegen mangelnder mathematischer Kenntnisse. Aus Gründen, die sich nicht erforschen lassen, vernachlässigte er sein Studium, und ob er trotzdem einen Abschluss als Ingenieur gemacht hat, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Er beschäftigte sich immer mehr mit Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunst- und Literaturkritik sowie Wirtschaftspolitik und Sozialwissenschaft. Später versuchte er sein Glück als Romancier, aber weit hat er es nicht gebracht. Diese Neigung, von der Realität abzuheben, kann als nicht unwichtiger Teil der Erklärung dienen, warum Walras später kein Problem damit hatte, die Welt der klassischen Mechanik als die Welt der Marktwirtschaft zu sehen.

Der Vater der Kybernetik hatte eine andere Vermutung, warum die Wirtschaftswissenschaft dermaßen resistent gegen die Realität ist:

„Der Erfolg der mathematischen Physik weckte beim Sozialwissenschaftler eine gewisse Eifersucht auf ihre Macht, ohne daß er die Geisteshaltung recht verstehen konnte, die zu diesem Einfluß beigetragen hatte. Die Anwendung mathematischer Formeln hatte die Entwicklung der Naturwissenschaften begleitet und war in der Sozialwissenschaft Mode geworden. Gerade wie die primitiven Völker die westlichen Gepflogenheiten denationalisierter Kleidung und des Parlamentarismus übernehmen aus einem unklaren Gefühl heraus, daß diese magischen Riten und Bekleidungen sie auf die Höhe moderner Kultur und Technik erheben werden, so haben die Volkswirtschaftler die Gewohnheit entwickelt, ihre ziemlich unpräzisen Ideen in die Sprache der Infinitesimalrechnung zu hüllen.“ ... >

Es wäre aber schwer zu glauben, dass eine kleine Gruppe von Phantasten und Ästheten allein durch ihre Blendwerke eine ganze Wissenschaft unterwandern und beherrschen könnte. Jemand müsste handfestes Interesse daran haben, dass sich diese abstrakten Theorien an den Schulen und Universitäten durchsetzen. Wer dies sein könnte, lässt sich unschwer herausfinden. Wir brauchen uns nur die Frage zu stellen: Cui bono - Wem zum Vorteil? Die Antwort liegt auf der Hand. Die ganze neoliberale Theorie ist eine Rechtfertigung der Interessen bzw. des Einkommens der Kapitalisten - der Besitzer der Produktionsmittel. Aber nicht nur ihres Einkommens.

Im Modell von Walras fehlt nicht nur Profit, sondern auch Geld. Das soll nicht so verstanden werden, als ob die neuen Liberalen bestreiten würden, dass es Geld in der Wirklichkeit gibt, sondern nur dass es eine Größe ist, welche die Funktionsweise der Wirtschaft nicht real beeinflusst. Die Geldmenge würde zum Beispiel das Wachstum und die Beschäftigung gar nicht beeinflussen, sondern einzig und allein das Preisniveau bestimmen. Man sagt dazu üblicherweise, dass das Geld neutral ist. Auf den ersten Blick scheint dies eine harmlose, rein theoretische Einstellung zu sein. Dem ist aber nicht so. Die praktischen Folgen der „Geldneutralität“ sind weitreichend. Sie bedeuten ein Verbot für jede Form der Vergrößerung der Geldmenge, spöttisch bezeichnen neoklassische Ökonomen  das als „die Notenpresse anwerfen“. So etwas sei immer sinnlos und schädlich, es würde angeblich nur zur Inflation führen. Dass dies eine empirisch falsche Aussage ist, das interessiert die neoliberale Theorie natürlich nicht. Und wem kann es nützen, wenn die Geldmenge konstant bleibt: Cui bono? Natürlich denjenigen, die das Geld haben. In ihrem Interesse liegt, dass das Geld knapp bleibt, das sie Geldmonopolisten bleiben, weil nur dadurch die Kaufkraft ihres Geldes bewahrt werden kann - möge die Welt auch untergehen. Nebenbei bemerkt, in Deutschland haben 10% der Reichsten etwa zwei Drittel des ganzen Geldvermögens. Mit der Geldneutralität hat sich das neoliberale Referenzmodell auch als Beschützer des Geldmonopols und des leistungslosen Einkommens aus den Zinsen profiliert.

Eine kurze Zusammenfassung und Bewertung

Der wissenschaftliche Fortschritt ist bekanntlich von vielen Rückschlägen begleitet. Sogar die ganz großen Wissenschaftler haben sich immer wieder falsche Aufgaben gestellt. Es ist einfach so, dass es dem bescheidenen Denkvermögen des Menschen unmöglich ist im Voraus zu wissen, welcher der richtige Weg ist und welcher in die Sackgasse führt. Auch die Suche nach dem Wert, nach einer Substanz, die sich hinter dem Preis verbirgt und ihn „objektiv“ bestimmt oder bestimmen sollte, war eine der vielen Sackgassen, in die der menschliche Geist geraten ist. Man kann abschließend konstatieren, dass es sich um ein ganz normales metaphysisches Unternehmen handelte, über das sich im Allgemeinen sagen lässt:

„In der Tat liegt der gerechteste und einleuchtendste Einwand gegen einen beträchtlichen Teil der Metaphysik darin, daß sie nicht eine Wissenschaft sei, sondern entweder entstehe aus den fruchtlosen Bemühungen menschlicher Eitelkeit, die in dem menschlichen Verstande völlig unzugängliche Gegenstände eindringen möchte, oder aus der List gängigen Aberglaubens, der, da er sich auf freiem Felde nicht verteidigen kann, dieses undurchdringliche Gestrüpp züchtet, um seine Schwäche zu verbergen und zu schützen. Aus dem freien Felde verjagt, fliehen diese Räuber in den Wald und liegen auf der Lauer, in jede unbewachte Straße des Geistes einzufallen und ihn durch religiöse Furcht und Vorurteile zu überwältigen.“ ... >

Es ist auffällig, dass jede Suche nach dem Wert, nach einer „objektiven“ Erklärung des Preises, mit dem Begriff der individuellen Leistung verflochten ist. Dann ist es alles andere als abwegig zu fragen, ob die Ökonomen eigentlich unter dem Vorwand, die wahre Natur des Preises zu erklären, nur ihre im Voraus bevorzugte Verteilung zwischen den sozialen Gruppen zu rationalisieren versuchten? Es spricht vieles dafür, aber wie dem auch sei, alle Versuche sind in einem Meer von Worten und mathematischen Gleichungen ertrunken, die sich empirisch nicht nachprüfen lassen.

Adam Smith wollte sich auf diesen unempirischen - metaphysischen und ideologischen - Weg nicht einlassen. Er hat jede Ontologie des Preises abgelehnt. Die Vorstellung, der Preis müsste irgendeine ökonomische Substanz („Realessenz“) haben, war ihm völlig fremd. Nur weil etwas eine Quantität hat, weil es praktisch messbar ist, muss es nicht unbedingt eine Substanz sein. Auch die klassische Mechanik bietet uns Beispiele dafür. Ein Körper hat seine Masse und Geschwindigkeit: Die Masse ist eine Substanz, die Geschwindigkeit ist es nicht. Der Preis nach Smith ist auch keine Substanz, er ist eine Quantität, die durch Regeln bestimmt wird, nach welchen sich der Preis bildet und der schließlich nur durch diese Regeln erklärbar ist. So etwas wie Wert gibt es also für ihn nicht, und schon gar nicht könnte der Preis der individuellen Leistung entsprechen. Durch diesen völlig neunen Ansatz hat Smith die ökonomische Theorie aus den Klauen der Metaphysik und der Ideologie befreit, allerdings leider nur für eine kurze Zeit. Wir schauen uns jetzt diesen großartigen Versuch genauer an.

 
 
zu weiteren gefundenen Beiträgen zu Diskussionsforen