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  Der Ursprung des Preises (Tauschwertes) und seine Erklärungen bzw. Konzeptionen
  Was kann der Tauschwert bzw. (Geld-)Preis in einer Wirtschaft überhaupt sein?
       
 
Die Ideen der Nationalökonomen und der politischen Philosophen, gleichgültig, ob sie nun richtig oder falsch sind, sind von weit größerem Einfluss, als man gemeinhin annimmt. … Ich bin überzeugt, dass die Macht erworbener Rechte im Vergleich zum allmählichen Durchdringen von Ideen übertrieben ist. Diese wirken aber nicht immer sofort ... Aber früher oder später sind es Ideen, und nicht erworbe Rechte, von denen die Gefahr kommt, sei es zum Guten oder zum Bösen.
 
    John M. Keynese,  der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts    
       
 
Es gibt nur zwei Mächte in der Welt: das Schwert und den Geist. Auf die Dauer wird das Schwert immer durch den Geist besiegt.
 
    Napoleon Bonaparteein grosser Feldherr und politischer Reformator    

Schon Aristoteles unterscheidet in seinen ökonomischen Überlegungen - wenn man sie als ökonomisch bezeichnen darf - zwischen dem Gebrauchswert und dem Tauschwert eines jeden Gegenstandes. Unter dem Gebrauchswert versteht er natürliche Eigenschaften und praktische Anwendungsmöglichkeiten des Gegenstandes, unter dem Tauschwert die Fähigkeit oder Kraft des Gegenstandes, andere Gegenstände zu erwerben. Wenn man den Tauschwert in einer allgemein akzeptierten Werteinheit ausdrückt, nennt man ihn Preis. Aristoteles erklärt den Unterschied zwischen Gebrauchswert und Tauschwert am Beispiel der Sandalen.

„Denn zweifach ist die Verwendung jedes Guts ... Die eine hängt wesentlich vom Gegenstand selbst ab, die andere nicht, wie Sandalen, die getragen werden, auch getauscht werden können. Beide sind Verwendungen der Sandalen, denn auch derjenige, der die Sandalen gegen Geld oder gegen Nahrungsmittel austauscht, die er benötigt, gebraucht die Sandalen als Sandalen, jedoch nicht auf ihre natürliche Art. Denn Sandalen wurden nicht dazu hergestellt, dass sie getauscht werden.“ ... >

Fügen wir gleich hinzu, dass Adam Smith denselben Sachverhalt im Prinzip gleich formulierte.

„Man sollte festhalten, dass das Wort Wert zwei unterschiedliche Bedeutungen besitzt. Manchmal drückt es die Nützlichkeit eines bestimmten Gegenstandes aus, und manchmal seine Kraft, andere Güter zu erwerben. Die erste Bedeutung kann man ‚Gebrauchswert’ nennen, die zweite ‚Tauschwert’.“ ... >

Heute kann es auf uns befremdlich wirken, wenn Aristoteles den Tausch der Sandalen als eine „nicht natürliche“ Anwendung bezeichnet. Das sagt uns, dass in seiner Zeit nur kleine Mengen von Gütern auf dem Markt getauscht wurden. Die Problematik des Tausches war nicht von großer Wichtigkeit, so dass man sich auch wenig Gedanken über die Tauschwerte bzw. Preise machte. Erst im späten Mittelalter, als die Städte gewachsen und in ihnen immer mehr Handwerke und Manufakturen entstanden sind, die mit ihren Gütern in zunehmendem Maße auch völlig fremde Kunden in den neuen Kolonien in Übersee versorgt haben, begann man sich für den Tausch bzw. über den „richtigen“ und „gerechten“ Preis der getauschten Güter zu interessieren. Die Frage, welche Aristoteles und die Philosophen fast zwei Jahrtausende nach ihm vernachlässigten, beschäftigte immer mehr die Geister der neuen Zeit.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Frage, was der Preis ist, wesentlich zur Entstehung der Wirtschaftswissenschaft beigetragen hat. Bevor wir etwas mehr über die konkreten Antworten auf diese Frage vorlegen, ist es angebracht, die Problematik des Preises von einem ganz allgemeinen Standpunkt aus zu erörtern.

Die Suche nach dem „objektiven“ Wert und die so genannte individuelle Leistung

Jeder hat verschiedene Ausdrücke kennen gelernt und selbst viel mal benutzt, in denen Preis (Tauschwert) und Wert in einer engen Beziehung stehen, wie etwa:

Man kann dort gute Waren preiswert kaufen.
Das war nicht seinen Preis wert.
usw.

Wenn wir so sprechen, nehmen wir als selbstverständlich an, dass die Güter so etwas wie einen Wert haben. Folglich erwarten wir, dass der Preis bzw. das für diese Güter bezahlte Geld diesem  Wert entsprechen. Es kann sein, dass wir uns dessen nicht einmal bewusst sind. Wenn wir aber so sprechen, stellen wir uns den Wert als eine dem Gut innewohnende Substanz vor. Aber gibt es eine dem Wert entsprechende Substanz überhaupt?

Da fällt uns gleich auf, dass Aristoteles über den Wert nicht gesprochen hat. Er ging offensichtlich nicht davon aus, dass es so etwas gibt. In den nächsten zwei Jahrtausenden haben die Philosophen auch nicht über den Wert im Zusammenhang mit dem Preis gesprochen. Für die ersten Ökonomen am Anfang der Moderne war es schon noch selbstverständlich, so wie bei den Laien, dass die Güter deshalb etwas kosten, weil sie einen Wert haben. Marx hat diese Auffassung auf den Punkt gebracht: „Würden die Waren sprechen, sie würden sagen: Was uns dinglich zukommt, ist unser Wert.“ Der Wert sollte also etwas sein, das „dinglich“ ist.

Es gibt zwei prinzipiell unterschiedliche Möglichkeiten, wie man den Wert „dinglich“, also als eine objektive Substanz verstehen kann. Eine Möglichkeit haben wir bereits angedeutet, nämlich ihn aus dem Gebrauchswert abzuleiten. Wäre zum Beispiel der Wert eines Stückes  Fleisch gleich seinem Kaloriengehalt, dann wäre ein so verstandner Wert eine objektive Größe. Der Laie hat üblicherweise eine solche Vorstellung vom Wert; er versteht unter dem Wert bestimmte Eigenschaften eines Gutes. Diese Eigenschaften müssten auf die eine oder andere Weise die Bedürfnisse des Käufers befriedigen, sie müssten also nützlich für ihn sein. Sonst wäre er nicht bereit, für sie etwas zu bezahlen - sie hätten dann keinen Preis. So betrachtet hat es durchaus einen Sinn zu sagen, dass der Wert dem Nutzen eines Gutes entspreche. Die älteren Ökonomen haben sich auch mit dieser Auffassung ernsthaft beschäftigt. Es ist ihnen aber nie gelungen, sie überzeugend zu vermitteln, vor allem aus einem einfachen Grund: Es hat sich schnell herausgestellt, dass sehr nützliche Güter manchmal einen niedrigen oder gar keinen Preis haben können, wie etwa Wasser, und nutzlose, wie etwa Diamanten, einen sehr großen. Später bezeichnete man dies als klassisches Wertparadox oder auch als Wasser-Diamanten-Paradox. Aus diesem Grund hat auch Smith die Nutzwert-Theorie für eindeutig falsch erklärt und sie endgültig abgelehnt.

Bemerken wir dazu gleich, dass das klassische Wertparadox trotzdem nicht so eindeutig gegen die Nutzwert-Theorie spricht wie es scheint. Sogar bei dem ungünstigsten Fall des Wassers und des Diamanten ist nicht alles so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Nur in einer extremen Situation, wenn ein Mensch am Verdursten ist, kann man vom großen Wert des Wassers und vom geringen bzw. fehlenden des Diamanten sprechen. Das ist aber nicht die  normale Situation der Menschen. Aber wie dem auch sei, Ausnahmen reichen nicht schon an sich aus, eine Theorie abzulehnen. Wenn eine richtige Theorie immer und unter allen umständen gelten sollte, gäbe es nicht eine einzige Theorie, die man als richtig bezeichnen könnte.

Auch etwas Anderes sprach vorerst gegen die Nutzwert-Theorie. Bei den Werttheorien wurde stillschweigend angenommen, dass der Wert eines Gutes dem Gut gehören sollte - dass er dem Gut irgendwie innewohnen sollte. Diese Bedingung erfüllt der Nutzen als Wert nicht ganz, meistens sogar nur sehr beschränkt. Die menschlichen Bedürfnisse sind vor allem etwas, was mit unserem Organismus und unserer Natur zu tun hat. Sie sind subjektiv, so dass auch der Nutzen der Güter subjektiv sein muss. „Die Dinge haben nur den Wert, den man ihnen gibt“ - so hat es schon Molière klargestellt. Im diesen Sinne verspottete Marx diese subjektiven Werttheorien des Preises als platte Tautologie:

„Eine Ware hat deshalb einen Preis, weil ihr ein Wert innewohnt, und dass ihr ein Wert innewohnt, beweist die Tatsache, dass sie auf dem Markt einen Preis hat.“

Der Weg zum Wert über den Nutzen schien vorerst versperrt zu sein. Wenn aber die nützlichen Eigenschaften des Gutes den Wert nicht ausmachen können, und dieser doch objektiv sein sollte, was dann? Es gibt in der Tat noch eine Möglichkeit den Wert als „dinglich“ zu deuten, die schon den ältesten Ökonomen eingefallen ist. Sie ist das Ergebnis der folgenden Überlegungen:

Der Mensch gehört zur Tierwelt und diese unterscheidet sich deutlich von der Welt der Pflanzen. Eines der auffälligsten Merkmale der Pflanzen ist darin zu sehen, dass sie alles, was sie zu ihrer Existenz benötigen, in ihrer unmittelbaren Umgebung finden: Sie brauchen sozusagen nichts mehr zu tun, als sich zu bedienen. Bei den Tieren ist dies normalerweise nicht der Fall, bei den höheren Arten erst recht nicht und beim Menschen ist dies so gut wie ausgeschlossen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ - steht bereits in der Bibel. Für den Menschen ist es unmöglich, alleine und direkt aus der Natur zu leben. Sogar bei den primitivsten Stämmen, die in einer blühenden Natur leben, ist das Sammeln von Essbarem und das Jagen eine aufwändige und anstrengende Tätigkeit, außerdem müssen Werkzeuge für das Sammeln und für die Jagd hergestellt werden. Es verwundert also nicht, dass man schon früh auf den Gedanken kam, dass ein Mensch einen persönlichen Anspruch auf das erheben kann, was das Ergebnis des eigenen Verdienstes bzw. der Leistung ist. Diese Auffassung war schon vor langer Zeit in der Ethik als das Prinzip der Gerechtigkeit heimisch:

„Jedem das Seine, lateinisch  suum cuique, ist seit antiken philosophischen Theorien der Moral und Politik ein für die Fassung von Begriffen des Rechts und der Gerechtigkeit, insb. der Verteilungsgerechtigkeit, vielfach ins Spiel gebrachtes Prinzip, das abstrakt besagt, dass jedem Bürger eines Gemeinwesens das zugeteilt wird (bzw. werden soll), was ihm gebührt, durch gerechte Güterverteilung etwa. Je nach praktischer bzw. politischer Theorie werden unterschiedliche Präzisierungen vorgeschlagen und wird der Status eines solchen Prinzips unterschiedlich bewertet.“ ... >

Als die Wirtschaftswissenschaft entstanden ist, haben also die Ökonomen diese philosophische bzw. ethische Auffassung übernommen. Sie haben sie nur genauer formuliert: In jedem Gut würde die Leistung stecken, die nötig war dieses Gut herzustellten, diese sollte seinen Wert ausmachen, also die geheimnisvolle Substanz sein, welche den Preis bestimmen soll. Aber was gehört zu dieser Leistung?

Ohne menschliche Arbeit geht nichts, daran läst sich nicht zweifeln, sie allein kann jedoch nichts bewirken, keine Güter herstellen. Die Produktion ist eine Interaktion zwischen Mensch und Natur. „Die Arbeit sei der Vater, die Erde die Mutter des Reichtums“, so William Petty (1623-1687), ein Ökonom, Wissenschaftler und Philosoph, der als Begründer der englischen Nationalökonomie gilt. Damit hat er die produzierten Güter auf zwei Ursachen zurückgeführt: Arbeit und Boden. Diese Auffassung von zwei Produktionsfaktoren war damals sehr verbreitet. „Im gewissen Sinne existieren nur zwei Produktionsfaktoren, die Natur und der Mensch“ - schrieb auch noch viel später einer der bekanntesten englischen Ökonomen Alfred Marshall (1842-1924) in seinen sehr berühmten Principles of Economics.

François Quesnay (1694-1774), ein französischer Arzt und Ökonom, der als Begründer der damals einflussreichen und berühmten physiokratischen Schule der Ökonomie gilt, meinte, dass die Erde oder der Boden eine sogar noch wichtigere Quelle oder Ursache des Reichtums sei als die Arbeit. Er meinte das im makroökonomischen Sinn, mit seiner berühmten Tableau Economique, endgültig bewiesen zu haben. Petty war anderer Meinung. Er hat der Arbeit, weil sie aktiver ist, exklusive Verdienste bei der Schaffung des „Reichtums“ eingeräumt. Deshalb bestimmt sie den Preis. So schreibt er:

„Wenn durch die Entdeckung von näheren, leichter zugänglichen ergiebigeren Minen ein Mann nun 40 Unzen Silber produzieren kann, so leicht wie früher 20, ... dann werden 2 Unzen Silber nicht mehr wert sein, als ... früher 1 Unze.“

Das klingt einleuchtend, aber auch Petty war sich trotzdem nicht ganz sicher, ob man den Boden nicht doch als einen Erschaffer der (produzierten) Güter ansehen sollte, so dass man verallgemeinernd sagen kann, die ältesten Ökonomen haben den Reichtum mit zwei Ursachen oder Quellen erklärt: Boden und Arbeit. Smith hat dem ein Ende gesetzt. Er hat mit unmissverständlicher Deutlichkeit den Boden beiseite geschoben und die Arbeit zur einzigen „Ursache und Quelle des Reichtums“ erklärt. Erwähnen wir zugleich, dass er der Arbeit jede denkbare Ehre erwiesen hat, und sie mit Lob überschüttet, was später für  unzählige Missverständnisse gesorgt hat: So bezeichnete er die Arbeit als „Wert“, als „wirklichen oder realen Preis“, als „tatsächliches Maß für den Tauschwert aller Güter“, etc. Wir werden jedoch zeigen, dass er trotz dieser sprachlichen Verwirrung nicht der Meinung war, dass der Preis eines Gutes, der für dessen Produktion benötigten Arbeitsmenge entsprechen sollte. Es waren  andere, die später diese Auffassung vertreten haben. Unter ihnen sind auch zwei der bekanntesten und wichtigsten Ökonomen des 19. Jahrhunderts, David Ricardo (1872-1823) und Karl Marx (1818-1883). So schreibt der Letztere:

„Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder anderen Ware, wie die zur Produktion der einen notwendigen Arbeitszeit zu der für die Produktion der anderen notwendigen Arbeitszeit.“ ... >

Sollte der Wert eines Gutes der Arbeit gleich sein, die für die Produktion dieses Gutes benötigt wurde, und sein Preis diesem Wert entsprechen, dann würde das Einkommen der Produzenten ihrer individuellen Leistung entsprechen. Das scheint dem Prinzip Jedem das Seine vorbildlich zu entsprechen. Somit wurde die Arbeitswerttheorie im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Inbegriff der ökonomischen und sozialen Gerechtigkeit. Das hat der Arbeitswertlehre eine enorme Ausstrahlung und Anziehungskraft verleihen. Es schien vorerst, dass es den Ökonomen gelungen war, ein Jahrtausende altes Problem der Ethik zu lösen - zumindest im Bereich der Produktion. Die Vertreter der Nutzentheorie sind dadurch in eine äußerst ungünstige Lage geraten. Es blieb ihnen schließlich nichts anderes übrig als zu versuchen, auch den Nutzen zur individuellen Leistung umzuinterpretieren. So entstand die so genannte „reale Grenzproduktivitätstheorie“ als eine „Weiterentwicklung“ der alten Nutzen-Werttheorie.

Wie es aber oft der Fall ist, kann sich ein Weg, der am Anfang vielversprechend aussieht, bald als  Sackgasse erweisen. Trotz aller Bemühungen haben die Ökonomen bis heute keine praktisch taugliche Methode für die Messung der individuellen Leistung gefunden. Alle ihre Versuche sind nur Hirngespinste der anmaßenden Metaphysiker oder Tricksereien der verschlagenen Ideologen. Das gilt sowohl für die von Marx vertretene Arbeitswertlehre als auch für die neoliberale Theorie der realen Grenzproduktivität.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass die Tauschwert- bzw. Preistheorien, die auf dem Wert beruhen, ein großer Irrtum waren. Man kann beide Worte hervorheben. „Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig - so einer der wichtigsten Philosophen und Erkenntnistheoretiker des 20. Jahrhunderts, Ludwig Wittgenstein (Tractatus logico-philosophicus, 4.003). Die Suche nach dem Wert, der eine dem Gut innewohnende Substanz sein soll, was auch immer das sein mag, war eine der unsinnigsten Bemühungen der Ökonomen. Das werden wir uns noch genauer anschauen. Doch zunächst wollen wir kurz die Alternative zu dieser Auffassung besprechen.

Smiths paradigmatischer Wechsel zur ergebnis- bzw. wohlstandsorientierten Gerechtigkeit

Das uralte moralische Prinzip oder Imperativ Jedem das Seine (suum cuique) bedeutet konkret, dass jeder von der Gesellschaft das zurückbekommt, was er ihr gegeben hat. Den gerade besprochenen Werttheorien lag die Auffassung zugrunde, dieses moralische Prinzip praktisch durch „gerechte“ Preise realisieren zu wollen. Solche Preise sind aber nicht die einzige Möglichkeit für eine Gesellschaft, das moralische Prinzip Jedem das Seine praktisch umzusetzen. Vorausgesetzt die Arbeit lässt sich messen, gibt es auch einen indirekten Weg, der zum gleichen Ergebnis führt. Wenn nämlich nicht schon die Preise allein den Leistungen entsprechen, kann man zusätzlich umverteilen, um dem Prinzip der individuellen Leistung zu genügen. Diese nachträgliche Einkommensverteilung bezeichnen die Ökonomen als sekundär, die durch Preise als primär.

Smith benutzte die Begriffe primäre und sekundäre Einkommensverteilung zwar nicht, aber dass  letzterer bei ihm große Bedeutung hatte, lässt sich einwandfrei aus seinen Aussagen entnehmen. Er ging nie davon aus, dass eine gerechte Verteilung von dem, was eine Wirtschaft produziert, sich durch Preise realisieren lässt und schon gar nicht hätte er es für möglich halten, dass der Markt spontan zur Bildung solcher Preise führen könnte. Wie wir noch sehen werden, ging er nicht davon aus, dass sich die individuelle Leistung empirisch bestimmen und messen lässt. Ein anderer Grund hatte für ihn noch viel größeres Gewicht. Wenn man eine effiziente Wirtschaft mit den Menschen realisieren will, die beschränkt rational und beschränkt moralisch sind, so seine Überzeugung, könnte man das erwirtschaftete Einkommen nicht gemäß der individuellen Leistung verteilen - sogar dann nicht, wenn man wüsste, wie man das machen könnte. Dass der Markt für Smith keine Einrichtung ist, welche für eine Einkommensverteilung nach der individuellen Leistung sorgen würde, lässt sich schon aus dem Untertitel seines epochalen Buches, Der Wohlstand der Nationen, erahnen. Smith pflegte  nämlich mit längeren Untertiteln die Absicht seiner Bücher kurz zu erfassen, und zu diesem Buch schreibt er:

Von den Ursachen der Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit und von den Regeln,
nach welchen ihr Ertrag sich naturgemäß unter die verschiedenen Volksklassen verteilt.

Smith spricht also von den Regeln, die den Ertrag der Marktwirtschaft nicht individuell gerecht, sondern „naturgemäß“ aufteilen, also von solchen Regeln, die mit der menschlichen Natur vereinbar sind. Als frühmoderner Denker ging Smith natürlich von der „negativen“ menschlichen Natur aus. Bei einem solchen Menschenbild muss man sich entscheiden, ob die „Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit“, also des Wohlstandes, wünschenswert ist. Wenn dies der Fall ist, dann muss man auf das Prinzip oder Imperativ der Verteilung nach der individuellen Leistung verzichten. Warum sollte es aber nach Smith wünschenswert sein, den Wohlstand zu mehren? Als frühmoderner Aufklärer und Humanist ging es ihm immer um die Menschenwürde, die nicht zu realisieren sei, solange man Armut, Krankheiten und Dummheit nicht besiegt hätte, und zwar für jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft. Damit wäre in Kürze beschrieben, was Adam Smith als Mensch, als Moralphilosoph und als Ökonom war.

John S. Mill (1806-1873), der wie kein anderer als Fortsetzer der Gedanken von Adam Smith verstanden werden kann, hat später die Auffassung, die Regeln der Marktordnung würden für effizientes Wirtschaften sorgen, aber nicht zugleich auch für eine gerechte Einkommensverteilung, wie folgt zusammengefasst:

„Die Gesetze und Bedingungen der Produktion von Vermögen zeigen den Charakter physikalischer Wahrheiten; hier gibt es nichts Wahl- und Willkürliches. Alles von Menschenhand Produzierte muß in der Art und Weise und unter den Bedingungen produziert werden, die durch das Wesen der äußeren Dinge ... gegeben sind. ... Anders verhält es sich mit der Verteilung des Vermögens. Diese ist eine rein menschliche Einrichtung. ... Die Gesetze, durch welche sie bestimmt ist, sind so, wie die Ansichten und Gefühle des herrschenden Teiles der Gemeinschaft sie gestalten, und sie sind in verschiedenen Zeiten und Ländern sehr verschieden; sie würden es noch mehr sein, wenn die Menschheit es wollte.“ ... >

Man kann nur staunen, wie erkenntnistheoretisch fortschrittlich Smith mit seiner Preistheorie war. Am Ende des dunklen Mittelalters, als man mehr an herumspukende Geister und verborgene „eigentliche“ Dinge (Essenzen, Wesenheiten) als an die empirischen Tatsachen glaubte, ist Smith fast zur Schlussfolgerung gelangt, dass die Preise, wie sie sich auf dem Markt bilden, keinen echten Wert abbilden, dass sie keinerlei substanzähnliche Eigenschaften haben. Leider hat er sich nicht ganz klar ausgedrückt, was vielleicht der wichtigste Gründ war, warum seine Auffassung über den Preis dermaßen missverstanden wurde. Um seine Auffassungen später einfacher zu erklären, ist es angebracht etwas über sie aus einem allgemeinen erkenntnistheoretischen Blickwinkel zu sagen. Es geht nämlich um die Frage, was der Preis überhaupt sein kann, wenn er nicht so etwas wie eine Substanz wäre. Damit diese erkenntnistheoretische Überlegung nicht zu abstrakt ist, behelfen wir uns jetzt mit einem konkreten Beispiel aus der Physik bzw. der klassischen Mechanik:

Die klassische Mechanik untersucht bekanntlich die Bewegung der Körper, genauer gesagt der Massen. Die Masse ist die einzige Größe in der klassischen Physik, die als  selbstständig existierende Substanz betrachtet wird. Raum und Zeit sollten auch existieren - Kant war da aber  anderer Meinung - aber wie dem auch sei, für sie kann man bestimmt nicht sagen, dass sie Substanzen sind. Die restlichen Größen im System der klassischen Mechanik existieren nur zusammen mit der Masse, wie etwa Energie, Kraft, Geschwindigkeit und Beschleunigung. Weil dem so ist, kann man die Frage stellen, ob diese Größen nicht etwas sind, was der Masse gehört, ihr irgendwie innewohnt? So etwas zu behaupten hätte aber keinen Sinn. Man kann nämlich jeder Masse beliebige Mengen an Energie, Kraft, Geschwindigkeit und Beschleunigung zuordnen, so dass es keine Berechtigung hätte, die Größen als konstitutive Elemente der Massen zu verstehen. Daraus können wir folgern, dass es sogar im einfachen mechanischen System keinen Sinn hat, das Ganze in seine „Bestandteile“ zu zerlegen und diese einzeln zu untersuchen. Erwähnen wir dazu auch noch, dass es in der klassischen Physik sogar unmöglich ist, eine einzige Masse zu bestimmen; es müssen immer zumindest zwei Massen (Körper) im System vorhanden sein, die sich gegenseitig bestimmen. Wenn man aber über die Teile des Systems nichts wissen kann, was ist dann das Wissen der klassischen Mechanik überhaupt?

Es ist das Wissen darüber, wie sich die Körper in einem (geschlossenen) System, unter der Wirkung der bestimmten (bekannten) Kräfte, bewegen. Die Mechaniker können, wenn die Struktur des mechanischen Systems bekannt ist, seine zukünftigen Zustände sehr genau ausrechnen - sozusagen voraussagen -, und zwar in beiden Fällen: (1) wenn etwas ohne menschliches Zutun geschieht und (2) wenn es durch den Menschen verursacht wird. Das ist das Wissen der klassischen Mechanik, mit dem sie sich damals den Ruhm erwarb, die erfolgreichste aller Wissenschaften zu sein.

Nebenbei bemerkt, eine Wissenschaft, die so etwas nicht kann, ist keine Wissenschaft. Es eine Verhöhnung, wenn jemand etwas Anderes behauptet und das ist bei Ökonomen nicht selten der Fall. So argumentierte der neoliberale Ökonom und Nobelpreisträger Robert Lucas, dass die Krise im Herbst 2008 deshalb nicht prognostiziert wurde, weil die ökonomische  Theorie besagt, dass solche Ereignisse eben nicht prognostiziert werden können. Es steht also alles zum Besten mit seiner Theorie. Die anderen neoliberalen Ökonomen, die Monetaristen, die an die so genannte Effizienzmarkthypothese glauben, haben sich etwas Anderes ausgedacht. Die Krise kam angeblich, weil die meisten Investitionen von Managern getätigt wurden, die nicht glaubten, dass die Märkte effizient seien. Zynischer und dreister kann es doch nicht gehen.

Als Smith seine Theorie der Marktwirtschaft entworfen hatte, galt die klassische Mechanik schon längst als Königin der Wissenschaften. Sie hatte sich diese Auszeichnung verdient, weil sie zukünftige Zustände vorhersagen konnte, weil sie die Welt, wie sie sich empirisch unseren Sinnen zeigt, richtig gedeutet hat. An dieses Kriterium für das wissenschaftliche Wissen hat sich auch Smith - und die Frühliberalen allgemein - gehalten. Die Wirtschaft nach den Mustern der klassischen Mechanik zu deuten war Smith aber völlig fremd. Das war erst das Werk seiner falschen Nachfolger am Ende des 19. Jahrhunderts, der Neoklassiker oder Neoliberalen.dorthin Sie haben die Denkweise der klassischen Mechanik zum Erklärungsmuster der Funktionsweise der Marktwirtschaft erhoben, und zwar in einer Zeit, als die Physiker kurz davor standen, diese Denkweise als falsch aus der Physik zu verabschieden. Diese Denkweise ist die Grundlage des heutigen ökonomischen Mainstreams, der in seinem Geist immer noch in den längst vergangenen Zeiten der Postkutsche und der Dampflok lebt. Die Markttheorie bei Smith fußt zwar vollständig und ausschließlich auf ethischen und anthropologischen Überlegungen, aber das muss uns trotzdem nicht daran hindern, die mechanische Welt als Sinnbild oder Gleichnis zu benutzen, um die Preisauffassung von Smith zu verdeutlichen.

Kann man die Güter in der Wirtschaft als materielle Körper der klassischen Mechanik betrachten? Auf jeden Fall kann man sie sich so veranschaulichen. Kann der Wert als eine den Gütern innewohnende Substanz, analog der Masse der materiellen Körper, verstanden werden? Das ist die Auffassung jeder Werttheorie. Es ist aber nicht die Auffassung von Smith. Analog zur mechanischen Welt kann man seine Preistheorie wie folgt verstehen:

Die Bewegungen in der mechanischen Welt - kinetische Energie, Geschwindigkeit und Beschleunigung der materiellen Körper - werden durch Kräfte verursacht und bestimmt. Was würde diesen Kräften in der Welt der Wirtschaft entsprechen? Die Antwort von Smith ist: die Regeln. Die wichtigste Regel ist die der freien Konkurrenz bzw. des nachfragebestimmten Preises. Man kann diese neue Auffassung über die Preise auf Hobbes zurückführen, aber erst Smith hat sie ökonomisch durchdacht und ist zur marktwirtschaftlichern Ordnung gelangt. Es war eine paradigmatische Wende in der Betrachtung des ökonomischen Lebens. Smith hat sich also nicht vorgenommen, Antworten auf die alten Fragen zu finden, sondern er hat herausgefunden, wie man über die Probleme der Produktion des Wohlstands auf eine völlig neue Weise nachdenken kann: Er hat die „gedanklichen Zusammenhänge der Prob1eme“ anders als seine Vorgänger gestaltet. Dass dies der wahre Weg des wissenschaftlichen Fortschritts ist, hat schon Max Weber, der bekannteste deutsche Soziologe des 20. Jahrhunderts, festgestellt:

„Nicht die „sachlichen“ Zusammenhänge der „Dinge“, sondern die gedanklichen Zusammenhänge der Prob1eme liegen den Arbeitsgebieten der Wissenschaften zugrunde. Wo mit neuer Methode einem neuen Problem nachgegangen wird und dadurch Wahrheiten entdeckt werden, welche neue bedeutsame Gesichtspunkte eröffnen, da entsteht eine neue Wissenschaft.“ ... >

Heute würden wir sagen, Smith hat eine paradigmatische Wende in der Denkweise über die ökonomischen Probleme eingeleitet. Als einem, der in eine völlig neue gedankliche Welt eingedrungen ist, müssen wir ihm nachsehen, wenn es ihm nicht gelungen ist, alles völlig klar zu sehen und richtig einzuordnen. Das kann aber nur zum Teil erklären, warum manche seiner Nachfolger falsche Wege eingeschlagen haben. Sie haben nur seine Sprache übernommen, aber seine Denkweise nicht. Schon die Suche nach dem Wert, nach einer universellen Substanz in der Welt der Produktion, war ein Rückfall ins vormoderne Denkmuster, ein Abrutschen in dunkle Keller der Metaphysik, die seit Platon das wahre Ding an sich unterhalb der sinnlichen Wahrnehmungen sucht. Wir rekapitulieren jetzt in einem kurzen Überblick die wichtigsten dieser Versuche, um den Unterschied zur Smithschen Auffassung über den Preis und

 
 
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