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  Wie ethische Gefühle verfälscht werden und wie sie dennoch nützlich sein können
  Der Preis von Habsucht, Ehrgeiz und der Jagd nach Reichtum, Macht und Vorrang
       
 
Als der König von Epirus seinem Günstling alle Eroberungen, die er zu machen gedachte, in ihrer richtigen Ordnung aufgezählt hatte und bereits bei der letzten von ihnen angelangt war, fragte ihn dieser: „Und was gedenken Euere Majestät dann zu tun?“ „Ich gedenke - sagte der König - mich dann mit meinen Freunden zu unterhalten und bei einer Flasche Weins mit ihnen fröhlich zu sein.“ „Und was hindert Euere Majestät - erwiderte der Günstling - dies gleich jetzt zu tun?“
 
    Plutarchein antiker Schriftsteller und Verfasser vieler biographischer Schriften    
       
 
Wie wenig braucht es, um die Notwendigkeiten der Natur zu befriedigen. Und was das Vergnügen anbelangt, welcher Vergleich zwischen den nicht gekauften Freuden der Unterhaltung, der Gesellschaft, des Studiums, sogar der Gesundheit und der gewöhnlichen Schönheiten der Natur, vor allem aber des Friedens bei dem Nachdenken über das eigene Verhalten; welcher Vergleich, sage ich, zwischen diesen und den fieberhaften, leeren Vergnügungen des Luxus und Aufwands. Diese natürlichen Freuden sind wahrlich ohne Preis, denn so wie sie durch nichts erkauft werden können, so ist ihr Genuss über jeden Preis erhaben.
 
    David Humegroßer schottischer Philosoph, Historiker und Ökonom    
 
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen, Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen. Man ist bei jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr, an die Buntheit der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen.
 
    Sigmund Freudeiner der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, gilt als Begründer der Psychoanalyse    

Alles spricht dafür, dass die Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz so alt ist wie die Menschheit selbst. Vor gar nicht allzu langer Zeit, jedenfalls kaum früher als vor drei Jahrtausenden, haben die Menschen die Ethik oder Moralphilosophie entwickelt, die sich mit dieser Problematik auf eine systematische - man könnte auch sagen eine professionelle - Weise beschäftige. Man kann verallgemeinernd sagen, dass seit dieser Zeit zwei moralphilosophische Ansätze - natürlich in verschiedensten Varianten - vorherrschend waren, die sich zugleich unversöhnlich gegenüber standen. Nach einem von ihnen sollte der Mensch bestrebt sein, das Wahre, das Gute und das Schöne zu suchen und zu genießen; nach dem anderen sollte die Glückseeligkeit durch den Genuss von äußeren Dingen kommen, durch Konsum von materiellen Gütern, durch Ruhm und durch Verfügung (Macht) über andere Menschen. Diese beiden verschiedenen Ansätze bzw. durch sie ausgetretene Pfade der Ethik beschreibt Smith wie folgt:

„Der eine [Weg] führt durch das Streben nach Weisheit und die Betätigung der Tugend; der andere durch den Erwerb von Reichtum und Vornehmheit. Zwei verschiedene Gesinnungsarten bieten sich uns zur Nacheiferung dar: stolzer Ehrgeiz und prahlerische Habgier auf der einen Seite, demütige Bescheidenheit und billige Gerechtigkeit auf der anderen. Zwei verschiedene Musterbilder, zwei verschiedene Gemälde breiten sich vor uns aus; das eine schimmernder und glänzender in seiner Färbung, das andere richtiger und von erlesenerer Schönheit in seinen Umrissen; das eine drängt sich der Beachtung eines jeden planlos umherschweifenden Auges auf, das andere zieht kaum die Aufmerksamkeit irgendeines anderen Menschen auf sich, als die eines besonders eifrigen und sorgsamen Beobachters.“ ... >

Wenn man aber bedenkt, dass Smith seine Konzeption der Marktwirtschaft auf die Vermehrung des Wohlstands angelegt hat, also auf die steigende Produktion von hauptsächlich materiellen Gütern, ist man ein bisschen verwirrt. Man kann sich in der Tat nicht so richtig vorstellen, dass gerade der Begründer der Marktwirtschaft ein konsequenter Anhänger der „Weisheit und Tugend“ sein sollte. Das war er aber zweifellos. Dazu haben wir schon einiges gesagt, in den nächsten Beiträgen wird sich noch bestätigen, dass Smith sogar als Ökonom im Grunde ein Moralphilosoph geblieben ist. Seine marktwirtschaftliche Ordnung war das Kind seiner Anthropologie und Moralphilosophie, die ihrerseits bestens in die Anthropologie und Moralphilosophie der Moderne passten. Hier kann gleich auch Schumpeter erwähnt werden, der in seinem monumentalen Werk Geschichte der ökonomischen Analyse richtig feststellt, dass schon in der Theorie der ethischen Gefühle „auch die Philosophie des Reichtums und Wirtschaftstätigkeit von A. Smith enthalten ist - nicht aber in Wealth of Nations.“ Dafür, dass Smith ein Moralphilosoph mit Leib und Seele war und immer geblieben ist, spricht auch eine einfache Tatsache: Bekanntlich hat er sich in seinen letzten Lebensjahren, nachdem er als Ökonom berühmt geworden war und sich im überschwänglichen Lobessang und Ruhm unbekümmert sonnen konnte, fast ausschließlich mit der Umarbeitung und Ergänzung seiner Theorie der ethischen Gefühle beschäftigt hat. Das Buch, mit dem er seine wissenschaftliche Laufbahn eröffnete, war nun in einem gewissen Sinne auch zu seinem Alterswerk geworden, in dem er die reifsten Früchte seines Denkens niederlegte.

Um Smith als Ökonomen, als Schöpfer der Konzeption der Marktwirtschaft, richtig zu verstehen, können wir also den Moralphilosophen in ihm nicht außen vor lassen. Für unseren Zweck ist es natürlich nicht nötig, die Moralphilosophie von Smith in ihrem ganzen Umfang zu berücksichtigen, sondern nur bestimmte Aspekte. Den Großteil davon, was für das Verstehen der Idee der Marktwirtschaft nötig ist, haben wir bereits erörtert. Was noch dazugehört, werden wir in der Fortsetzung dieses Beitrags abhandeln, um uns dann der ökonomischen Problematik zu widmen. Was jetzt noch folgt, lässt uns zugleich Smith als Menschen, mit seinen persönlichen moralischen Überzeugungen und Wertvorstellungen, besser kennen lernen. Dazu sind längere Zitate gut geeignet. Mit ihnen wollen wir dem Leser auch die Flüssigkeit und Eleganz des literarischen Stils von Smith, sowie seine Feinfühligkeit und Verstandesschärfe vor Augen zu führen. Das ist auch etwas, was seine Leser an ihm schon immer zu schätzen und zu genießen wussten.

Wie viel äußere Güter braucht der Mensch wirklich für seine würdige Existenz?

Die Frage, ob es wirklich so schlimm wäre, bescheiden oder gar arm zu sein, oder anders ausgedrückt, ob „all die Mühseligkeit und all die lärmende Geschäftigkeit dieser Welt“, um zu Wohlstand oder gar Reichtum zu gelangen, einen richtigen Sinn hätte, ist so alt wie die Ethik selbst. Auch Smith stellt sich diese uralte Frage:

„Was ist der Endzweck von Habsucht und Ehrgeiz und der Jagd nach Reichtum, Macht und Vorrang? Ist es der, den natürlichen Bedürfnissen Genüge zu tun?“

Seine Antwort fällt überraschen deutlich aus:

„Der Lohn des geringsten Arbeiters reicht aus, um diese [natürlichen Bedürfnisse] zu befriedigen. ... Was ist aber dann an unserer Abneigung gegenüber seiner Lage schuld, und warum würden diejenigen, die in den besseren Lebensständen aufgewachsen sind, ihr Schicksal für schlechter halten als den Tod, wenn es sie in solche Verhältnisse versetzte, daß sie - sei es auch ohne arbeiten zu müssen - von derselben einfachen Kost leben, unter demselben niedrigen Dach wohnen und in denselben geringen Anzug sich kleiden sollten wie er? Bilden sie sich ein, daß in einem Palast ihr Magen besser oder ihr Schlaf gesünder sei, als in einer Hütte? Das Gegenteil ist so oft bemerkt worden und ist tatsächlich so überaus offenkundig, daß auch, wenn es niemals bemerkt worden wäre, doch niemand in Unkenntnis darüber sein könnte. Woher entsteht dann also jener Wetteifer, der sich durch alle die verschiedenen Stände der Menschen hindurchzieht, und welches sind die Vorteile, die wir bei jenem großen Endziel menschlichen Lebens, daß wir „Verbesserung unserer Verhältnisse“ nennen, im Sinne haben?
Wenn wir indessen näher untersuchen, warum der Zuschauer die Verhältnisse der Reichen und Großen mit so viel Bewunderung auszeichnet, dann werden wir finden, daß dies nicht wegen der größeren Behaglichkeit oder des größeren Vergnügens geschieht. .... Der Zuschauer bildet sich nicht einmal ein, daß sie wirklich glücklicher sind als andere Leute: aber er meint, daß sie mehr Mittel zur Glückseligkeit besitzen.“ ... >

Man hat schon längst vor Smith herausgefunden und beklagt, dass sich das Begehren nach Reichtum nicht rational erklären und rechtfertigen lässt. Diese Klagen kamen aber nicht nur von den rationalistischen Moralphilosophen, die meinten in der Weisheit und der Tugend etwas gefunden zu haben, was angeblich an sich viel wertvoller als alles andere sei, sondern auch von manchen anderen Denkern und Schriftstellern. Da fällt uns etwa das vor mehreren tausend Jahren verfasste Buch des Predigers aus dem Alten Testament ein. In diesem Buch wird mit düsteren Worten „Vergänglichkeit“, „Flüchtigkeit“, „Unbeständigkeit“, „Vergeblichkeit“ und „Sinnlosigkeit“ von all dem beklagt, was der Mensch durch seine Mühe und seinen Arbeitseifer hervorbringt: „Als ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand gemacht hatte, und die Mühe, die ich gehabt hatte, siehe, da war es alles eitel und Haschen nach dem Wind und kein Gewinn unter der Sonne.“ Nicht unähnlich auch bei Smith:

„Es ist nicht das Wohlergehen oder das Vergnügen, welchem der Ehrgeizige tatsächlich nachjagt, sondern immer die Ehre, eine Ehre dieser oder jener Art, wenngleich häufig eine recht übel verstandene Ehre.
Es ist die Eitelkeit, nicht das Wohlbefinden oder das Vergnügen, was uns daran anzieht. Eitelkeit aber beruht immer auf der Überzeugung, daß wir der Gegenstand der Aufmerksamkeit und Billigung sind. Der reiche Mann rühmt sich seines Reichtums, weil er fühlt, daß dieser naturgemäß die Aufmerksamkeit der Welt auf ihn lenkt, und daß die Menschen geneigt sind, an all jenen angenehmen Gemütsbewegungen gerne teilzunehmen, welche die Vorteile seiner Situation ihm so leicht einflößen müssen.
In den glänzendsten und erhabensten Lagen, die unsere eitle Phantasie uns vorzuspiegeln vermag, sind [aber] die Freuden, aus welchen wir unsere wahre Glückseligkeit zu schöpfen gedenken, beinahe immer die gleichen wie diejenigen, die uns schon in unserer gegenwärtigen niedrigen Stellung allzeit zur Verfügung stehen und zur Hand sind. Wenn wir von den nichtigen Freuden der Eitelkeit und des hohen Ranges absehen, so können wir in der niedrigsten Lebensstellung, sofern sich in ihr nur persönliche Freiheit findet, ganz die gleichen Freuden antreffen, wie sie uns die erhabenste Stellung gewähren kann; und die Freuden der Eitelkeit und des hohen Ranges sind selten mit vollkommener Seelenruhe verträglich, die doch die Grundlage und Voraussetzung jedes wahren und befriedigenden Genusses bilden. Und es ist keineswegs immer sicher, daß wir in der glänzenden Lebenslage, nach welcher wir streben, uns jener wahren und befriedigenden Vergnügen mit der gleichen Sicherheit und Ruhe werden erfreuen können wie in der niedrigen Lage, die aufzugeben wir so überaus begierig sind. Prüfet die Berichterstattung der Geschichte, sammelt alle Ereignisse, die sich im Umkreise euerer eigenen Erfahrung zugetragen haben, überleget mit Aufmerksamkeit, welches das Betragen fast aller Menschen gewesen ist, die im privaten oder öffentlichen Leben besonders unglücklich gewesen sind, und von denen ihr gelesen oder gehört habt, oder an die ihr euch erinnert, und ihr werdet finden, daß das Unglück der überwiegenden Mehrzahl derselben daher entstanden ist, daß sie nicht wußten, wann es ihnen wohl erging und wann es für sie richtig und schicklich war, stille zu sitzen und zufrieden zu sein.“ ... >

Wie erklärt man aber das fast sinnlose „Haschen nach dem Wind“ bei so vielen Menschen? Smith bedient sich dazu seines Prinzips der Sympathie (Empathie). Wie wir bereits gesehen haben,mehr versteht er unter Sympathie (Empathie) sozusagen ein eingeborenes Werkzeug eines jeden Menschen, seine Fähigkeit zum Nachempfinden und zur Anteilnahme. Es ist aber ein Werkzeug, das - laut Smith - nicht immer zuverlässig funktioniert. Es kann ethische Gefühle sogar sehr verfälschen. Die abgöttische Bewunderung des Reichtums, wie wir es im vorigen Beitrag gesehen haben, bedeutet auch eine solche Verfälschung der ethischen Gefühle. Worauf sich diese Verfälschung beim Drang nach Reichtum zurückführen lässt, ist gar nicht schwer herauszufinden. War nämlich jemand selbst nie reich , kann er nur vermuten, was der wahre Nutzen des Reichtums ist, so dass er sich dabei auch sehr täuschen kann. Smith spricht auch von einer falschen Einschätzung der Mittel bzw. von einem Missverhältnis zwischen Mitteln und Zweck.

„Die Hauptquelle des Elends und der Zerrüttungen des menschlichen Lebens scheint aus einer Überschätzung des Unterschiedes zwischen einer dauernden Lebenslage und einer anderen zu entspringen. Habgier überschätzt den Unterschied zwischen Armut und Reichtum; Ehrgeiz den Unterschied zwischen Privatleben und öffentlicher Stellung; Ruhmsucht den Unterschied zwischen Unbekanntheit und ausgebreitetem Ansehen. Ein Mensch, der unter dem Einflüsse einer jener maßlosen Affekte steht, ist nicht nur in seiner gegenwärtigen Lebenslage elend, sondern er wird oft auch geneigt sein, den Frieden der Gesellschaft zu stören, um jene andere Lage zu erreichen, die er so töricht bewundert. Und doch könnte ihm die geringste Beobachtung des menschlichen Lebens zur Genüge zeigen, daß ein gebildeter Geist in all den gewöhnlichen Lebenslagen gleich ruhig, gleich heiter und gleich zufrieden sein kann. Manche von diesen Lebenslagen mögen es zweifellos wert sein, daß wir sie anderen vorziehen: keine von ihnen könnte es dagegen wert sein, daß wir ihr mit jenem leidenschaftlichen Eifer nachjagen, der uns antreibt, die Regeln der Klugheit oder die Regeln der Gerechtigkeit zu verletzen - oder unsere Seelenruhe für alle Zukunft zu zerstören.“ ... >

Die individuell falsche Einschätzung, also die Überschätzung des Unterschieds zwischen Armut und Reichtum, würde nach Smith sogar Menschen dazu beringen, „den Frieden der Gesellschaft zu stören“. Das wollen wir uns jetzt näher anschauen.

Wie „der armen Leute Kind“ bzw. die Mittelschicht den sozialen Frieden stört

Als Smith lebte, hatte sich die empirische Methode in den Wissenschaften noch nicht überall durchgesetzt und in den bislang wenig erfolgreichen Wissenschaften, nämlich den Geistes- und vor allem den Wirtschaftswissenschaft bis heute immer noch nicht. Was die letztere betrifft kann man sagen, dass sie den empirischen Weg eigentlich verlassen hat. Damals, bei Smith und den klassischen Ökonomen, war die Wirtschaftswissenschaft noch eine empirische Wissenschaft. Auch als Moralphilosoph war Smith ein empirischer Forscher und damit ein seriöser Wissenschaftler. Seine Sympathie (Empathie) ist ein empirisches Werkzeug oder anders gesagt ein Prinzip bzw. eine Methode. Für ihn konnten daher nur Tatsachen darüber entscheiden, was ethisch richtig oder falsch ist - genauer gesagt die praktischen Folgen oder Ergebnisse der betrachteten Gefühle. Damit war auch die Rolle der Vernunft in seiner Ethik klar umrissen. Mit der Vernunft an sich, und auch mit all dem, was die Vernunft ohne Berücksichtigung der Tatsachen hervorbringt, konnte Smith nie etwas anfangen. Er lehnte also den abstrakten oder metaphysischen Rationalismus der Vormoderne entschieden ab. Insoweit wäre für Smith zum Beispiel die Pflichtethik von Kant nicht denkbar. Diese Ethik ist somit im echten Sinne des Wortes ein intellektueller Verrat an der Moderne - dazu werden wir später noch etwas sagen. Für Smith sind „überlegener Verstand und hervorragende Vernunft“ deshalb nützlich, weil sie  

„uns befähigen, auch die entfernteren Folgen aller unserer Handlungen zu erkennen und die Vorteile oder Schäden vorauszusehen, die vermutlich aus ihnen entstehen werden, und zweitens Selbstbeherrschung, die uns befähigt, uns gegenwärtiger Lust zu enthalten oder gegenwärtigen Schmerz zu ertragen, um in einem künftigen Zeitpunkte eine größere Lust zu erlangen oder einem größeren Schmerz zu entgehen. In der Verbindung dieser zwei Eigenschaften besteht die Tugend der Klugheit und das ist von allen Tugenden diejenige, die für den einzelnen am nützlichsten ist.“ ... >

Um Habsucht, Ehrgeiz und die Jagd nach Reichtum, Macht und Vorrang moralisch zu beurteilen, muss man also die Tatsachen bewerten, die dadurch entstehen. Was sind also die empirischen Folgen, also die Ergebnisse dieser so verbreiteten Neigung der Menschen? Wie bereits gesehen, haben schon viele vor Smith  herausgefunden, dass der Reichtum, wenn er eine bestimmte Grenze überschreitet, an sich ziemlich nutzlos ist. Die bestätigenden Tatsachen dafür zu finden ist nicht besonders schwierig.  

„Wie viele Leute richten sich dadurch zugrunde, daß sie für Tand, der den unbedeutendsten Nutzwert besitzt, Geld ausgeben! ... Alle ihre Taschen sind mit kleinen Gegenständen vollgestopft, die der Bequemlichkeit dienen sollen. Sie erfinden neue Taschen, die in den Kleidern anderer Leute nicht zu finden sind, um eine noch größere Anzahl davon bei sich tragen zu können. Sie gehen herum, beladen mit einer Menge von Tand, der an Gewicht und manchmal auch an Wert hinter einem richtigen Judenkram nicht zurückbleibt ... dessen Nützlichkeit sicherlich nicht die Mühe verlohnt, daß man eine solche Last mit sich schleppe.“ ... >

Man kann dies zugespitzt wie folgt ausdrücken: Die Menschen kaufen für das Geld, das sie eigentlich nicht haben, Sachen, die sie eigentlich nicht brauchen, um diejenigen zu beeindrucken, die sie eigentlich nicht schätzen. Und damit kommen wir zu einem anderen, sehr wichtigen Aspekt des Problems: Der Reichtum lohnt sich nicht, weil sein Nutzen in einem krassen Missverhältnis zu der Mühe steht, der er seine Existenz verdankt. Aber so allgemein lässt sich das doch nicht behaupten. Man muss differenzieren. Es gibt nämlich in jeder Gesellschaft Reiche, die wenig oder gar nichts leisten müssen, um sich äußere Güter zu besorgen. Das sind Eigentümer, grob ausgedrückt Boden- und Kapitalbesitzer. Nebenbei gesagt, an manchen Stellen im Wohlstand erfahren wir von Smith, dass die Reichen gar nichts leisten, dass sie Parasiten sind, die auf Kosten der anderen leben - aber mehr darüber später. In der Theorie beschäftigt sich Smith noch nicht mit der Verteilung des Reichtums in der Gesellschaft. Er geht der Frage nach, ob jemand sein Leben sinnvoll verbringt, wenn er sich für die Jagd nach Reichtum, Macht und Vorrang entschieden hat. Seine allgemeine Schlussfolgerung ist in etwa diese:

„Aber in jener Ermattung und Müdigkeit, wie sie Krankheit und Alter mit sich bringen, da verschwindet das Vergnügen, das die eitlen und leeren Vorzüge des Reichtums und hohen Ranges bereiten. Wenn sich ein Mensch einmal in dieser Lage befindet, dann sind diese Vorzüge nicht mehr imstande, ihm jene mühevollen Anstrengungen erträglich erscheinen zu lassen, in die sie ihn früher verstrickt hatten. Er flucht nun in seinem Herzen dem Ehrgeiz und bedauert vergebens, daß er die Ruhe und die Sorglosigkeit seiner Jugend-freuden, die nun für immer entflohen sind - törichterweise für etwas aufgeopfert hat, das ihm, nachdem er es endlich erlangt hat, keine wirkliche Befriedigung gewähren kann. In diesem erbärmlichen Licht erscheinen Reichtum und hoher Rang jedem, sobald er durch Verdrossenheit oder Krankheit dahin gebracht wurde, seine eigene Lage mit Aufmerksamkeit zu beobachten und zu überlegen, was es ist, das ihm tatsächlich zur Glückseligkeit fehlt.“ ... >

Um dies näher zu begründen, greift Smith nach einem extremen Beispiel, das aber in der Realität gar keine seltene Erscheinung ist. Er beschreibt das Schicksal „des armen Leute Kindes“, das vom Reichtum, Macht und Vorrang verblendet ist und alles in seinem Leben dem Ziel unterordnet, selbst reich, mächtig und angesehen zu werden.

„Ein Mann, der armer Leute Kind ist, den jedoch der Himmel in seinem Zorn mit Ehrgeiz heimgesucht hat, wird, wenn er anfängt um sich zu blicken, die Verhältnisse des Reichen bewundern. Er wird die ärmliche Behausung seines Vaters für seine Bequemlichkeitsansprüche zu klein finden und sich vorstellen, um wieviel besser und angenehmer er in einem Palaste untergebracht wäre. Es ärgert ihn, daß er zu Fuß gehen oder die Anstrengung des Reitens ertragen muß; er sieht, wie höher stehende Personen sich in Wagen herumfahren lassen, und stellt sich vor, wie auch er in einem solchen mit weit geringerer Unbequemlichkeit reisen könnte. Er fühlt, daß er von Natur träge ist ... und sein Urteil geht dahin, daß ein zahlreiches Gefolge von Dienern ihn eines großen Teils seiner Mühe überheben würde. Hätte er einmal all das erreicht, so denkt er, dann würde er zufrieden stillsitzen, würde innerlich ruhig sein und sich an der Betrachtung der Glückseligkeit und Ruhe seiner Lebenslage erfreuen. Er ist ganz bezaubert von diesem Bilde einer in weiter Ferne liegenden, künftigen Glückseligkeit. In seiner Phantasie scheint es ihm wie das Leben irgendeiner höheren Art von Wesen und um dieses Ziel zu erreichen, weiht er sich für immer dem Streben nach Reichtum und Größe.
Um die Bequemlichkeiten zu erlangen, die diese gewähren, unterwirft er sich allein im ersten Jahr, ja schon im ersten Monat seiner Bemühungen, größeren körperlichen Anstrengungen und größeren seelischen Beschwerden, als er sein ganzes Leben hindurch infolge des Mangels jener Bequemlichkeiten hätte erdulden können. Er trachtet, sich in einer mühevollen Beschäftigung hervorzutun. Mit äußerstem, unnachgiebigem Fleiß arbeitet er Tag und Nacht, um Talente zu erwerben, die diejenigen all seiner Mitbewerber übertreffen sollen. Dann trachtet er zunächst, jene Talente an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen, und mit gleicher Beharrlichkeit bewirbt er sich um jede Gelegenheit, diese Talente zu beschäftigen. Zu diesem Zweck macht er aller Welt den Hof; er erweist denjenigen Dienste, die er haßt, und ist denjenigen gegenüber unterwürfig, die er verachtet. Sein ganzes Leben hindurch jagt er hinter dem Bilde einer gewissen künstlichen und vornehmen Ruhe her, die er vielleicht niemals erreichen wird, und der er eine wirkliche Seelenruhe opfert, die zu erwerben jederzeit in seiner Macht steht. Und sollte er im höchsten Greisenalter jene Ruhe endlich erlangen, dann wird er finden, daß sie in keiner Hinsicht der Sorglosigkeit und Zufriedenheit jener niedrigen Lebenslage vorzuziehen war, die er um ihretwillen preisgegeben hatte.
Dann erst, wenn er bei dem Bodensatz des Lebens angelangt, wenn sein Körper von den Mühen der Arbeit und von Krankheiten zerstört, sein Gemüt durch die Erinnerung an tausend Beleidigungen und Enttäuschungen aufgerieben und verärgert ist, Beleidigungen, die er seiner Meinung nach von der Ungerechtigkeit seiner Feinde oder von der Treulosigkeit und Undankbarkeit seiner Freunde erlitten hat, dann erst fängt er an, zu bemerken, daß Reichtum und Größe bloßer Tand sind, daß ihr Nutzen lächerlich gering ist, daß sie nicht ... geeignet sind, die Gesundheit des Körpers oder die Ruhe der Seele ihm zu verschaffen ... und daß sie ... mehr Beschwerlichkeit bereiten, als sie ihm Vorteile und Bequemlichkeit bieten können.“ ... >

In den vormodernen Gesellschaften konnte „der armen Leute Kind“ seine Ambitionen mehr oder weniger nur auf dem Hofe der Herrscher verwirklichen. Je mehr sich aber der Kapitalismus entwickelte, desto mehr Möglichkeiten hatte „der armen Leute Kind“ sein Glück in der Privatwirtschaft zu versuchen. Hier entstand eine neue soziale Gruppe, die man seit Anfang der Moderne als Kleinbürgertum bezeichnete. Dazu gehören Handwerker, Einzelhändler, Kleingewerbetreibende und alle Besserverdienenden in den größeren Firmen, die meistens höhere Bildung und Qualifikationen hatten. Heute spricht man von der Mittelschicht. In vielerlei Hinsicht ist die Mittelschicht nicht homogen - auch deshalb wird meistens von Mittelschichten gesprochen -, aber man kann einen ähnlichen sozialen Status und ähnliche ökonomische Interessen durchaus feststellen. Deshalb ist es zu erwarten, dass sich in dieser Gruppe auch ähnliche Gefühle und Sichtweisen bilden: In der Soziologie spricht man von Kollektiv- oder Gruppenbewusstsein.

Nicht die Freiheit war das ursprüngliche Versprechen des Liberalismus, sondern der Wohlstand, konkreter gesprochen: die Überwindung der früheren Zweiklassengesellschaft durch eine Gesellschaft mit einer immer breiterer Mittelschicht. Diese sollte dem Kapitalismus Legitimation verschaffen. Folglich hat man die Mittelschicht schon immer mit Lob überschüttet. Diejenigen, die dazugehörten, wären nicht nur die treibende Kraft der materiellen Produktion, sondern auch des moralischen und geistigen Fortschritts. Wie oft wurde dies in allen nur denkbaren Variationen behauptet. Erwähnen wir nebenbei, dass es keine langfristige Tendenz der feien Marktwirtschaft zur Mittelschichtengesellschaft gibt, was aber nicht bedeutet, wie es Marx behauptete, dass der Kapitalismus langfristig die Mittelschicht vollständig auflösen würde. Jetzt geht es uns aber nicht darum, dies zu klären - das gehört vornehmlich zur ökonomischen Problematik -, sondern darum, wie die Mittelschicht und der moralische und geistige Fortschritt zueinander stehen.

Für Smith war es klar. „Der armen Leute Kind“ ist für ihn alles andere als ein Vorbild für das Leben nach Vernunft und Tugend, eher das Gegenteil. Es ist raffgierig, rücksichtslos und verschlagen, sowie all diejenigen, die ihren Reichtum vermehren oder zumindest bewahren wollen. Diese Verhaltensweise würde nach Smith Meinung für immer so bleiben müssen, weil der Mensch ein moralisch und rational beschränktes Wesen ist. Aber wir dürfen auch davon ausgehen, dass Smith sich täuschen konnte. Übrigens war er schon tot, als der Kapitalismus richtig gesiegt hat und eine dazugehörige Mittelschicht entstanden ist. Deren Verhalten und Gesinnung ist von den Historikern gut erforscht, so dass wir uns ein Bild machen können. Fangen wir mit der Gegenwart an.

Wer sind diejenigen, die seit Jahren und Jahrzehnten die Unterschicht, die Armen und Arbeitslosen, am heftigsten verleumden und herabsetzen? Es sind die Angehörigen der Mittelschicht. Sie verschwenden unglaublich viel Kraft und Aufmerksamkeit darauf, sich vehement von der Unterschicht abzugrenzen, vor allem indem sie sie schlecht machten. Einer dieser Helden, der sich besonders dabei hervorgetan hat, gegen die Unterschichten mit blutigen Augen und Schaum vor dem Mund zu pöbeln, ist Thilo Sarrazin, der Ex-Bundesbankchef und ehemalige Finanzsenator Berlins, außerdem ein Mitglied der SPD. Runter mit den Löhnen, runter mit den Sozialausgaben, runter mit den Renten, so seine universelle Medizin, alle gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme zu lösen. Und die Mittelschicht jubelt und klatscht. Sarrazin findet heraus, dass bei gestiegenen Energiekosten 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur völlig ausreichend seien, wenn der Bedürftige nicht so denkfaul und bequem wäre und sich einfach einen warmen Pulli anziehen würde. Die Mittelschicht jubelt und klatscht. Mit spitzem Bleistift rechnet Sarrazin die Sozialhilfen durch und findet heraus, dass schon 4,25 € pro Tag genügten, um sich „sehr ausgewogen zu ernähren“. Die Mittelschicht jubelt und klatscht. Als Hobbygenetiker zieht Thilo - in bester sozialdarwinistischer Manier - „wissenschaftliche Beweise“ aus der Schublade, dass die Armen einfach aus dem schlechteren genetischen Material zusammengestückelt seien. Sie seienfolglich von Natur aus „Versager“ und „Sozialschmarotzer“, für die es keine Gnade geben darf. Sie seien nämlich diejenigen, die die Zukunft von uns allen gefährden. Die Kosten, die sie verursachen, fehlten nämlich unserer Wirtschaft für die Preissenkung auf dem globalen Markt, die dazu genutzt werden könne, die anderen Wirtschaften niederzukonkurrieren. Deshalb darf man in dem Armen keinen Menschen sehen, dem eine Würde gebührt, sondern nur ein Hassobjekt, mit dem man machen kann, was man will. Eine ganz traurige und fatale Sache sei, dass sich die Unterschichten am schnellsten vermehren, so dass unter den Kindern der Anteil der genetisch Minderwertigen steigen würde, die als Erwachsene zu den „Versagern“ und „Sozialschmarotzern“ gehören würden. Und natürlich jubelt und klatscht die Mittelschicht auch hier. Zu den angeblich genetisch minderwertigen Kindern der Unterschicht und den „hochwertigen“ der Mittelschicht werden wir noch etwas sagen.

Man mag sich nun fragen, ob diese elitäre und sozialdarwinistische Gesinnung und die asozialen Affekte und Triebe neue, postmoderne Erscheinungen sind? Die Soziologen haben das Verhalten der Mittelschicht auch während der Großen Depression untersucht und sind zu dem Ergebnis gelangt, dass der damals in ganz Westeuropa verbreitete Faschismus eigentlich ein „Extremismus der Mitte“ war.

„Die These, der Faschismus sei im wesentlichen eine Bewegung des Mittelstandes und stelle einen Protest sowohl gegen den Kapitalismus als auch gegen den Sozialismus, gegen die Großindustrie und gegen die großen Gewerkschaften dar, ... ist von vielen Gelehrten vertreten worden, und zwar seit der Zeit, als Faschisten und Nationalsozialisten zum erstenmal auftauchten. ... Der amerikanische Nationalökonom David Saposs schrieb: 'Der Faschismus ist die extremistische Ausdrucksform der Mittelstandspolitik oder des Populismus. ... Die grundlegende Ideologie des Mittelstands ist der Populismus'.
Im Jahre 1932 war der idealtypische Wähler der Nationalsozialistischen Partei ein selbständiger protestantischer Angehöriger des Mittelstandes, der entweder auf einem Hof oder in einer kleinen Ortschaft lebte und der früher für eine Partei der politischen Mitte oder für eine regionale Partei gestimmt hatte, die sich der Macht und dem Einfluß von Großindustrie und Gewerkschaften widersetzte.“ ... >
„Vor dem politischen Durchbruch der NSDAP am 14. September 1930 gab es in der NSDAP 33.944 Arbeiter und 3586 Freiberufler, aber 52.044 Angehörige des alten und neuen Mittelstandes (Handwerker, kleine Gewerbetreibende, Angestellte). Zwei Jahre nach der Machtübernahme (1935) liegen die Arbeiter mit 32,1 % in der NSDAP noch erheblich unter ihrem Anteil von 46,3 % an der erwerbstätigen Bevölkerung. ... Dennoch dominiert 1935 eindeutig die Mittelschicht (Angestellte, Selbständige und Beamte einschließlich Lehrer): Obschon ihr Anteil an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen nur 26,8 % beträgt, stellen sie 53,8 % der NSDAP-Mitglieder und 59,7 % der Politischen Leiter.“ ... >

Übrigens stimmt es aber trotzdem nicht, dass es die stumpfen Massen waren, die einem teuflischen Menschen auf den Leim gegangen sind. Hitler wäre durch die „Massen“ nie an die Macht gekommen. Es ist auch nicht richtig, dass sich Hitler zur Macht durchgeputscht hat, sondern er hat sie von den damaligen deutschen „Eliten“ entgegengenommen - nachdem diese sich mit seinen Bedingungen einverstanden erklärt hatten. Erst danach ist es ihm gelungen, seine Macht mit den Stimmzetteln zu legitimieren. Es ist aber völlig richtig, dass für Hitler kaum etwas so wenig bedeutete wie die Freiheit, das Mantra des Kleinbürgertums bzw. der Mittelschicht. Daraus könnte man folgern, dass der Faschismus antiliberal war und kaum etwas mit der Mittelschicht zu tun haben konnte. Die Ablehnung der Freiheit und des Individuums ist aber eine Besonderheit des deutschen Faschismus, des Nazismus, und zwar erst seitdem sich Hitler an die Spitze der Bewegung setzte, früher nicht:

„Die sozialen Merkmale der nationalsozialistischen Wähler in Deutschland und Österreich vor Hitlers Zeiten waren denen der Liberalen viel ähnlicher als denen der Konservativen.“ ... >

Die neoliberale Gesinnung der deutschen Faschisten verrät auch der zu negativer Berühmtheit gelangte Schriftzug „Arbeit macht frei“ über dem Haupttor des Konzentrationslagers Auschwitz. In anderen faschistischen Bewegungen waren die Freiheit und das Individuum die höchsten Güter. Etwa beim Begründer des Faschismus, Mussolini:

„Gebt den Weg frei den elementaren Kräften der Individuen, denn außer dem Individuum gibt es keine menschliche Realität.“ ... >
„Wir haben alle geoffenbarten Wahrheiten zerfetzt, wir haben auf alle Dogmen gespuckt, wir haben alle Paradiese abgelehnt und über alle Scharlatane - die weißen, die roten und die schwarzen - gespottet, die mit Wunderdrogen hausieren, die der Menschheit das Glück bringen sollen. Wir glauben nicht an Programme, an Pläne, an Heilige, an Apostel; wir glauben erst recht nicht an das Glück, an das Heil, an das gelobte Land ... Wir kehren zurück zum Individuum.“ ... >

Wie gut sich die neoliberalen und faschistischen Ideologen verstanden haben, bezeugt am besten Mises, der Leuchtturm des damaligen europäischen, moralisch degenerierten Liberalismus. Er schrieb damals:

„Es kann nicht geleugnet werden, daß der Faszismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und daß ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.“ ... >

Oh klägliches Geschlecht! Dieser große Kämpfer für die Freiheit will nicht gesehen haben, was zur gleichen Zeit der Sozialist Filippo Turati beschrieben hat: „Der Faschismus ist der ständig drohende Krieg. ... In Wahrheit ist nur eine Ordnung im heutigen Italien wiederhergestellt, die Ordnung der Zuchthäuser und der Friedhöfe“. Könnte es aber gerade das sein, was Mises bei den Faschisten so gut fand? Sein abgrundtiefer Hass gegen die Arbeiterschaft spricht dafür. Mises machte sogar den Psychologen, insbesondere „Freud, dem großen Meister der Seelenforschung“ schwere Vorwürfe, dass dieser diese ausgelaugten, entwurzelten und verzweifelten Kreaturen nicht für psychisch krank erklärt hatte. Es handele sich bei ihnen um eine „schwere Erkrankung des Nervensystems“, um eine akute Paranoia aus Neid und Gier. Mises hat für sie sogar einen passenden klinischen Namen vorgeschlagen: Fourier-Komplex.... > Ist es also nur eine Unterstellung, die Vordenker der unbeschränkten individuellen Freiheit unter den Generalverdacht eines gezielten akademischen Schwindels zu stellen - eine Liebesdienerei bei den Reichen? Die Demokratie, so fand es schon Marx heraus, ist die politische Form des Kapitalismus, wenn er sich vor dem Proletariat nicht fürchtet, die Diktatur, wenn er sich fürchtet (18. Brumaire des Louis Bonaparte, 1852).

Erwähnen wir noch die bekannte Tatsache, dass viele, die ihre Kariere in der Nazizeit begannen, diese danach fortgesetzt haben. Die Forschungen haben ergeben, dass mindestens 26 spätere deutsche Bundesminister und ein Bundeskanzler vor 1945 Mitglieder der NSDAP oder anderer NS-Organisationen wie SA, SS oder Gestapo gewesen sind. Bemerkenswert ist aber, dass unter ihnen auch Hans-Dietrich Genscher zu finden ist, die herausragende Persönlichkeit der deutschen liberalen Partei FDP. Wenn man also heute feststellt, dass die Fraktion im Europäischen Parlament, die sich Europa der Freiheit und der Demokratie (EFD) nennt, die nationalkonservativen und rechtspopulistischen Parteien umfasst, kann man von der zeitgenössischen Form des alten Bündnisses zwischen dem schon längst moralisch degenerierten Liberalismus und dem Faschismus sprechen.

Was bei diesem Verhalten der Mittelschicht gleich ins Auge sticht, ist die Realitätsfremdheit oder besser gesagt die Geschichtsvergessenheit. Schon Marx hat richtig beobachtet, dass die Mittelschicht, die sich während des Aufschwungs mühsam herausbildet, bei der nächsten periodischen Wirtschaftskrise wie Schnee im Frühling dahinschmilzt. Die kurzfristige Tendenz zur gleichmäßigeren Verteilung des Einkommens und des Eigentums kehrt sich dann um: Einige wenige reißen sich die wertvollsten Stücke aus den Trümmern der am Boden zerschellten Wirtschaft unter den Nagel. Meistens sind es die traditionell reichen Familien, weil die auch bei sehr großen Erschütterungen immer noch festen Boden unter den Füßen haben. Wir beobachten gerade eine solche Entwicklung, seit die Krise im Herbst 2008 begonnen hat. Für die Unterschicht bedeutet sie „nur“, den Gürtel noch enger zu schnallen, bei der Mittelschicht bricht die Welt zusammen. Es geschieht auf einmal etwas, was bis vor kurzem außerhalb ihrer Vorstellung lag, etwas was unmöglich schien. Die neuen Leistungsträger, um die man sich während des kurzen Aufschwungs gerissen hat, für die es selbstverständlich war, dass sie unersetzlich sind, erleben auf einmal, dass ihnen überall die Tür vor der Nase zugeschlagen wird. Man ist auf einmal draußen, zwischen denjenigen, über die man sich noch vor kurzem in den Fernsehauftritten, Feuilletons, Leserbriefen und Foren, in den Freundeskreisen und am Stammtischen bis aufs Blut ärgerte: über deren Trägheit und Faulheit, über deren opulent gestaltete Sozialhilfen und die üppig gepolsterte soziale Hängematte. Wie einfach ging ihnen dies alles über die Lippen. Und nun ist man über Nacht selbst dort. Der oberflächliche Bildungsbürger, dieser in Lohnarbeit stehende Kleinbürger, diese lächerliche Kopie der Reichen, dieser Buckler nach oben und Treter nach unten, dieser eingebildete Herrenmensch, über dessen Oberflächlichkeit, Zynismus und Heuchelei man sich kaum eine Vorstellung machen kann, mit der moralischen Ausrüstung eines KZ-Wächters, verfällt auf einmal in Angststarre und blickt zitternd in die Zukunft.

Bei diesem Verhalten und dieser Gesinnung der Mittelschicht, man könnte auch vom Gruppen- oder Klassenbewusstsein der Mittelschicht sprechen, sollte man die Überschätzung der eigenen Leistung und den Hass auf die Unterschicht voneinander getrennt betrachten. Das eine ist der Stolz auf das persönlich Erreichte. Auch wenn dieser Stolz weit übertrieben und unberechtigt ist, lässt er sich trotzdem gut verstehen: Es war schon immer so, dass die erfolgreichen Menschen sich überschätzt haben. Das kann leicht zu Größenwahn führen. Smith führt dazu Beispiele an:

„Alexander der Große scheint nicht nur gewünscht zu haben, daß ihn andere Menschen für einen Gott hielten, sondern scheint schließlich selbst sehr geneigt gewesen zu sein, sich einzubilden, daß er ein Gott sei. ...Inmitten der ehrerbietigen Bewunderung seiner Anhänger und Schüller, inmitten des allgemeinen Beifalls der Öffentlichkeit und, nachdem das Orakel, das wahrscheinlich der stimme jenes Beifalls folgte, ihn für den weisesten der Menschen erklärt hatte, war selbst die große Weisheit eines Sokrates - obwohl sie es nicht zuließ, daß er sich selbst für einen Gott gehalten hätte - doch nicht groß genug, um ihn an der Einbildung zu verhindern, er empfange häufig insgeheim gewisse Winke von eine unsichtbaren, göttlichen Wesen. Der gesunde Verstand eines Cäsar war doch nicht so vollkommen gesund, daß er ihn daran gehindert hätte, an seiner göttlichen Abstammung von der Göttin Venus großen Gefallen zu finden.“ ... >

Auch später, als Ökonom, im Wohlstand, geht Smith nicht davon aus, dass sich daran etwas ändern wird und kann. Er stellt nur mahnend fest:

„Der übertriebene Begriff der meisten Menschen von irreren Fähigkeiten ist ein altes Übel, auf das von den Denkern und Sittenlehrern aller Zeiten hingewiesen wird.“ ... >

Der Stolz auf eigene Erfolge, auch wenn er übermenschliche Phantasien weckt, ist aber ein anderes Gefühl als das Bedürfnis die Unterschicht zu verunglimpfen und zu hassen. Einen vernünftigen Grund, warum jemand, der sich einem anderen wirklich überlegen wähnt, ein Bedürfnis haben sollte diesen zu erniedrigen und zu beleidigen, gibt es nicht. Wie hätte der Überlegene seine moralischen Qualitäten besser unter Beweis stellen können als durch Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft dem anderen gegenüber? Deshalb ist es nicht einfach zu verstehen, warum die Mittelschichten in der Zeit, als ihnen gut ging, wütend auf die Unterschicht waren. Dies ist umso erstaunlicher, wenn es vor dem Hintergrund einer verdrängten Realität steht. Man fragt, wie es der Mittelschicht vor dem Ausbruch der Krise im Herbst 2008 entgehen konnte, dass es nicht die perfiden Armen gewesen sind, die die Gesellschaft ausgebeutet und sich ein gutes Leben auf Kosten der Allgemeinheit gemacht haben. Es war nämlich kein Geheimnis, dass in all den Jahren zuvor die Produktivitätszuwächse nur der Oberschicht zugeflossen sind und eine Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat, in einem Ausmaß wie man es in der Geschichte selten erlebt hat. Es gab so viele statistische Befunde darüber, und ausgerechnet der Mittelschicht sollte dies verborgen geblieben sein? Ausgerechnet ihr sollte dies nicht begreiflich sein? Zu der Mittelschicht gehören doch diejenigen, die erfolgreicher als die anderen sind, die als solche scharfsinniger und kundiger als die anderen sein müssten. Schließlich sind sie im Durchschnitt auch besser ausgebildet, was gewissermaßen auch für ihre Intelligenz spricht. Versuchen wir die völlig irrationale Haltung der Mittelschicht der Unterschicht gegenüber mit dem zu erklären, was uns in der Ethik und Anthropologie von Smith zur Verfügung steht.

„Der Arme schämt sich seiner Armut“, stellt Smith fest. Er trägt sie nicht nach außen, sondern versucht sie wo es überhaupt geht zu verschleiern. In der Tat, wenn in den Medien unsere Armen und Arbeitslosen zur Schau gestellt werden, sehen wir da Menschen, die ganz normal aussehen und angezogen sind; in ihrer Wohnung befinden sich alle nötigen oder gar üblichen Gegenstände des tagtäglichen Gebrauchs, sie lachen und sehen fröhlich aus. Zeit haben sie im Überfluss. Sie schlagen ihre Zeit auf vielerlei Weise tot, aber sie nützen sie auch für ein geselliges Leben. Die Streber und Aufsteiger, die von Habsucht und Ehrgeiz getrieben jeden Morgen früh zur Arbeit hetzen und am späten Abend müde ins Bett fallen, haben dagegen keine Zeit. Sie sammeln Mittel, um irgendwann in der Zukunft, von der sie nicht wissen, wann sie kommen wird, das Leben in vollen Zügen zu genießen, wobei sie keine Vorstellung davon haben, was das konkret bedeuten soll. Zu ihren völlig verschwommenen Vorstellungen gehört auch die Sehnsucht nach Ruhe, Sorglosigkeit und Zufriedenheit. Das ist etwas, was freie Zeit voraussetzt, und eben die meint man bei den „Versagern“ und „Sozialschmarotzen“ festzustellen. Der Streber und Aufsteiger - das „Kind der armen Leute“ - kennt diese „Ruhe, Sorglosigkeit und Zufriedenheit jener niedrigen Lebenslage“ aus der eigenen Vergangenheit. Er wollte damals, als er den Weg des vermeintlichen Erfolgs und Glücks betreten hat auch nur das, jedoch auf einem gehobenen Niveau, in einem Überfluss von Reichtum, Macht und Achtung. Er hat aber zuerst alles verloren und in der Folge nichts gewonnen. Was er sich erhoffte, schwebt ihm immer noch in weiter Ferne vor, irgendwo am Ende des Horizonts. Das dieser Zustand beunruhigt, verunsichert und quält, ist menschlich leicht zu verstehen. Wäre es dann etwa schwer zu verstehen, dass dies auch Neid, Feindschaft und Wut weckt?

Man hat schon des Öfteren bemerkt, dass die Mittelschicht eigentlich sich selbst hasst, wenn sie die Unterschicht verunglimpft und drangsaliert. Das sollte man aber nicht buchstäblich verstehen: Ein Mensch kann im Grunde sich selbst nicht hassen. Er kann aber durchaus in einen Zustand der Verzweiflung, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit verfallen. Deshalb sollten wir uns eine vorsichtigere Frage stellen: Könnte es sein, dass die Mittelschicht tief in ihrem Herzen unzufrieden mit ihrem Leben ist?

Wie „der armen Leute Kind“ bzw. die Mittelschicht ihr privates Leben zerrüttet

Smith erforscht als Moralphilosoph auch, wie sich der Erfolg „des armen Leute Kindes“ auf seine unmittelbare soziale Umgebung, also seine Familie, Freunde und Bekannten auswirkt. Die Befunde und Schlussfolgerungen von Smith sind betrüblich bis erschütternd.

„Der Mann, der durch irgendeinen plötzlichen Umschwung des Schicksals ganz mit einem Schlage in Lebensverhältnisse emporgehoben wird, hoch über jenen, in denen er früher lebte, kann dessen sicher sein, daß von den Glückwünschen seiner besten Freunde nicht alle vollständig aufrichtig sein werden. Ein Emporkömmling - wenn auch von höchstem sittlichem Wert - ist uns im allgemeinen unangenehm und ein Gefühl des Neides hindert uns gewöhnlich, mit seiner Freude von ganzem Herzen zu sympathisieren. Wenn er nur ein wenig Scharfsinn besitzt, so wird er dessen bald inne werden und anstatt den Anschein zu erwecken, als sei er begeistert über sein Glück, wird er sich, so sehr er kann, bemühen, seine Freude zu dämpfen und jene gehobene Stimmung zu unterdrücken, die ihm seine neuen Verhältnisse naturgemäß einflößen. Mit Bedacht zeigt er die gleiche Einfachheit der Kleidung, die gleiche Bescheidenheit des Benehmens, wie sie sich für ihn in seiner früheren Stellung geziemte. Er verdoppelt seine Aufmerksamkeit gegen seine alten Freunde und bestrebt sich mehr denn je, unterwürfig, geschäftig und gefällig zu sein. Und dies ist das Betragen, das wir in seiner Situation am meisten billigen; denn wir erwarten, wie es scheint, daß er mehr Sympathie mit unserem Neid und unserer Abneigung gegenüber seinem Glück haben solle, als wir Sympathie für sein Glück empfinden. Aber selten erreicht er mit all dem seinen Zweck. Wir bezweifeln die Aufrichtigkeit seiner Unterwürfigkeit und er wird schließlich dieser Zurückhaltung müde. In kurzer Zeit kehrt er darum meistens all seinen alten Freunden den Rücken, ausgenommen einige von den geringsten unter ihnen, die nun vielleicht dazu herabsinken, seine Vasallen zu werden. Auch gelingt es ihm nicht immer, neue Freunde zu erwerben; der Stolz seiner neuen Bekanntschaften wird dadurch so schwer getroffen, daß sie nun in ihm ihresgleichen sehen müssen, wie seine alten Freunde sich dadurch beleidigt gefühlt hatten, daß er nun mehr als sie geworden ist, und es erfordert die hartnäckigste und ausdauerndste Bescheidenheit von seiner Seite, um die beiden Parteien angetane Kränkung wieder gutzumachen. Er wird meistens zu bald müde und fühlt sich durch den finsteren und argwöhnischen Stolz der einen und durch die übermütige Verachtung der anderen herausgefordert, die ersteren mit Geringschätzung, die zweiten mit Keckheit zu behandeln, bis ihm schließlich die Frechheit zur Gewohnheit wird und er sich dadurch die Achtung aller verscherzt.“ ... >

Der Streber und Aufsteiger lebt einsam. Er ist mehr unter den Menschen als die anderen, aber er ist dort einsam und er spürt es. Er muss einsam sein auch deshalb, weil er auf seinem Weg zum Erfolg viele Mitmenschen rücksichtslos beiseite schieben musste. Wenn die Menschen untereinander wirklich so gleich sind, wie es bei näherem Hinsehen aussieht, können die großen Einkommens- und Besitzunterschiede auf keiner persönlichen Leistung beruhen. Folglich muss ein Reicher viele Leichen im Keller haben und er weiß das. Er kann zwar sein Gewissen mit verschiedenen Ausreden beruhigen - erwähnen wir als Beispiele den Sozialdarwinismus sowie verschiedene dialektische Ansätze, wonach das Gute aus dem Bösen entspringt -, aber wie gut es ihm auch gelingt sein Gewissen zu betäuben, von seiner Einsamkeit wird er sich dadurch nicht befreien. Dieser Zustand der Vereinsamung, der zur Flucht aus der Gesellschaft anspornt, kann einiges zur Erklärung beitragen, warum die Mittelschicht eine solche soziale Unempfindlichkeit und Kaltherzigkeit an den Tag legt. Der Sieger wird immer einsamer und er fühlt sich um die verdiente Annerkennung betrogen. Und das kann für ihn selbst fatal sein.

Mit dieser Problematik hat sich später der große Klassiker der Soziologie Émile Durkheim (1858-1917) in seiner berühmten Studie Le suicide (1897) beschäftigt. Die Selbstmorde, so seine Schlussfolgerung, seien die Folge der Anomie, eines Geisteszustandes, der durch Entkoppelung des Menschen von der Gesellschaft und der Nichtanerkennung ihrer moralischen Maßstäbe entsteht. Gerade in der Marktwirtschaft, in der jeder gegen jeden konkurriert, sind die Umstände für die Entwicklung der anomischen Zustände besonders günstig.

„Seit einem Jahrhundert besteht der wirtschaftliche Fortschritt hauptsächlich darin, das Gewerbe von jeder Reglementierung zu befreien. Bis in die jüngste Zeit hatte ein ganzes System moralischer Maximen die Aufgabe, hier Wache zu halten. Zunächst war da die Religion, deren Einfluß die Arbeiter wie die Brotherrn, die Armen wie die Reichen beherrschte. Sie tröstete die einen und lehrte sie, sich mit ihrem Schicksal zufriedenzugeben; sie predigte ... sie mäßigte die anderen und erinnerte sie daran, daß die irdischen Interessen nicht die Hauptsache für den Menschen sind, daß die anderen, höheren Interessen untergeordnet werden müssen und folglich nicht verdienen, ziel- und maßlos verfolgt zu werden.“ ... >

Der konkurrierende Mensch ist auf sich selbst bezogen, fühlt sich niemandem verantwortlich, er mokiert sich über die Werte anderer Menschen, aber eigene hat er nicht. Was er erreichen will, ist der Erfolg an sich: Woher dieser kommen sollte und wozu er gut wäre, darüber macht er sich keine Gedanken. Und er will diesen Erfolg nur für sich selbst, wenn es sein muss auch gegen die ganze Gesellschaft. Gerade dadurch stellt der Marktmensch seine eigene Außerordentlichkeit und Überlegenheit unter Beweis. Er lebt auf der schmalen Linie zwischen einer verlockenden und geheimnisvollen Zukunft und der ausgedienten und abgestoßenen Vergangenheit.

„Vor dem, was die erhitzte Phantasie als realisierbar ansieht, verblaßt jeder Wert der echten Realität. Man löst sich von ihr, und löst sich schließlich auch vom Möglichen, wenn dies einmal Wirklichkeit wird. Es ist da ein Hunger nach neuen Dingen, nach unbekannten Genüssen, nach Freuden ohne Namen, die aber sofort ihren Geschmack verlieren, sobald man sie kennenlernt.
Wenn die ganze Phantasie auf das Neue ausgerichtet ist und nichts sie im Zaum hält, sucht sie das Risiko. Notwendigerweise wachsen mit den Risiken die Rückschläge, und die Krisen häufen sich in dem gleichen Augenblick, wo sie mörderischer werden.“ ... >

Was bleibt aber einem Menschen als Lebensorientierung, der alle allgemeingültigen Normen der Gesellschaft und der Kultur verworfen hat und nichts Besseres als Ersatz findet? Er wird zum Agnostiker und Zyniker. Das einzige, was ihm dann als Zuflucht bleibt, ist die Welt der zahllosen Optionen. Diese gähnende Leere stilisiert er dann zum Ideal der individuellen Freiheit hoch. Das ist die Freiheit des verratenen Liberalismus. Der Psychopath namens Hayek, von dem die meisten falschen Liberalen abstammen, ermahnt also seine Jünger nicht ohne Grund, dass

„eine erfolgreiche Verteidigung der Freiheit dogmatisch sein muß und Zweckmäßigkeitsüberlegungen keine Zugeständnisse machen darf.“ ... >

Diese Freiheit, die sich ihrer eigenen Erklärung und Bestimmung verweigert, will offensichtlich zur Religion werden, die man nicht begreifen, sondern nur glauben muss. Für einen Gläubigen gibt es keine objektive Realität draußen, die ganze Realität ist in seinem Geist. Auch der gläubige Individualist schert sich nicht um die Realität, aber irgendwann holt sie ihn ein. Wenn es um die Mittelschicht geht, dann kommt ihre Stunde der Wahrheit während der Wirtschaftskrise. Was dann diejenigen durchmachen, die sie erwischt, ist grausam.

„Wenn man gar kein anderes Ziel hat, als nur immer über den Punkt hinauszukommen, den man erreicht hat, wie schmerzhaft ist es dann, zurückgeworfen zu werden! .
Wenn dann der kleinste Rückschlag kommt, hat man keine Kraft, ihn auszuhalten. Das Fieber fällt und man erkennt, wie steril dieses ganze Durcheinander war und wie alle diese unendlich übereinandergehäuften neuen Sensationen keine solide Grundlage für ein Glück bilden können, von dem man in den Tagen der Prüfung zehren könnte. Der Weise, der sich am Erreichten freuen kann, ohne ständig nach Ersatz zu suchen, findet darin etwas, woran er sich in der Stunde der Unbill klammern kann. Wer aber immer alles von der Zukunft erwartet hat, wer sein Leben lang die Augen nur auf die Zukunft gerichtet hat, findet in seinem vergangenen Leben nichts, was ihm bei den Mißgeschicken der Gegenwart helfen könnte; denn die Vergangenheit war für ihn nichts als eine Reihe von Etappen, die mit Ungeduld durcheilt wurden. Er konnte sich ständig über sich selbst im Irrtum befinden, weil er immer hoffte, das Glück, das er noch nicht erjagt hatte, in der Zukunft zu finden. Jetzt aber ist sein Streben zu Ende. Es ist weder im Vergangenen noch im Kommenden ein fester Punkt, an den er sich halten könnte. Die Müdigkeit allein kann schon die Entzauberung bringen, denn auf die Dauer muß die Nutzlosigkeit dieser Jagd ohne Ende offenkundig werden.“ ... >

Durkheim kommt zur gleichen Schlussfolgerung wie Smith, ihre Vorgehensweise ist aber unterschiedlich. Smith geht nur von seinen Beobachtungen und Erfahrungswerten aus. Durkheim beginnt in seiner Untersuchungen mit umfangreichen statistischen Daten. Es sind also überprüfte und quantifizierte empirische Tatsachen, aus denen er

„zu der allgemeingültigen Folgerung kommt: Der Selbstmord variiert im umgekehrten Verhältnis zum Grad der Integration der sozialen Gruppen, denen der einzelne angehört.
Exzessiver Individualismus bietet nicht nur ein günstiges Klima für das Entstehen von Ursachen, die den Selbstmord fördern, sondern ist in sich selbst eine solche Ursache. Er räumt nicht nur ein sehr nützliches Hindernis aus vor dem Wunsch, dem Leben ein Ende zu machen, sondern er formt diesen Wunsch aus tausend Bausteinchen und schafft so eine besondere Art des Selbstmordes mit eigener Prägung.“ ... >

Wenn man das private Leben von Strebern und Aufsteigern untersucht, kann man die Verhältnisse in der Familie, auch die zwischen den Eltern und Kindern, nicht weglassen. Darüber hat Smith nichts gesagt, vielleicht auch deshalb nicht, weil er selbst keine Kinder hatte. Versuchen wir, dieses von ihm nicht geschriebene Kapitel im seinen Sinne zu verfertigen. Thilo Sarrazin kann uns als lebendiges Beispiel zum Testen unserer Ergebnisse dienlich sein.

Ein Streber und Aufsteiger hat auch deshalb wenig Zeit, weil er sogar seine freie Zeit für die Pflege seiner „Beziehungen“ opfern muss. Er weiß, dass nichts so sehr über seine „Leistung“, also Karriere, entscheidet wie seine Beziehungen. Er muss ständig die Nähe der Leute suchen, die für ihn nützlich sind, die ihm persönlich aber gar nicht sympathisch sein müssen und schon gar nicht kann es für ihn ein Vergnügen sein, ihnen den Hof zu machen. Die Zeit, die er dadurch verbraucht, steht schließlich der Familie und den Kindern - wenn er sie sich „leisten kann“ - nicht zur Verfügung. Einer der großen englischen Ökonomen des vorigen Jahrhunderts, Alfred Marshall (1842-1924), stellte schon damals fest, dass in den reichen Häusern die Kinder weniger Aufmerksamkeit und Fürsorge genießen als Jagdhunde und Pferde (Principles of Economics). Entweder vernachlässigen die reichen Eltern ihre Kinder oder sie versagen als ihre Erzieher. Woran kann dies liegen?

Es ist die natürlichste Sache der Welt, dass die erfolgreichen Eltern von ihren Kindern erwarten, ihren Weg fortzusetzen. Sie sind überzeugt, dass ihre Kinder dafür bestimmt sind, weil sie die außerordentlichen Begabungen und Fähigkeiten von ihnen vererbt bekommen haben. An den Kindern selbst läge es dann nur, sich anzustrengen und diese Begabungen und Fähigkeiten zu entdecken und fortzuentwickeln. Die Realität sieht aber anders aus. Die Kinder der Reichen haben keine außerordentlichen Begabungen und Fähigkeiten, nicht zuletzt deshalb, weil es diese auch bei ihren Eltern nie gab. Schließlich waren die Eltern nicht durch ihre außerordentlichen Begabungen und Fähigkeiten erfolgreich, sondern das Entscheidende waren günstige Umstände: Zufall und Glück. Die Eltern wollen aber davon nichts wissen, denn die angeblichen außerordentlichen Begabungen und Fähigkeiten sind ihre wichtigste Lebenslüge, und dann machen sie sehr leicht alles falsch. Wenn Interessen, Verhalten und Leistungen der Kinder nicht ihren Vorstellungen entsprechen, sind die Eltern enttäuscht und fühlen sich von ihren Kindern verraten und beleidigt. Dann kann zweierlei passieren: Den Eltern gelingt es, den Willen des Kindes zu brechen. Das Kind lässt sich durch eine private  „Elite“schule bzw. Hochschule schleppen, wo jeder Strohkopf für Geld alle möglichen Abschlüsse, auch die höchsten akademischen Titel bekommen kann. Durch den guten Ruf, den diese Ausbildung in einschlägigen Kreisen hat, fällt es den Eltern leicht, ihren Kindern durch Beziehungen lukrative Posten in der privaten Wirtschaft besorgen. Es kann aber auch anders kommen. Wenn sich das Kind nicht zähmen lässt,  nimmt das familiäre Drama seinen unvermeidlichen Lauf. Ob sich auch in der Familie Sarrazin so etwas feststellen lässt?

Richard, der Sohn des erfolgreichen Vaters Thilo, hatte ständig überzogene Verbote erlebt und stand unter einer übertriebenen Aufsicht. Die Mutter Ursula hat ihn bevormundet und bewacht - der Sohn sollte doch zum Leistungsträger werden. Dank der Journalisten der Boulevardzeitschrift „Bunte“ wurde bekannt, dass Sarrazins Sohn in Berlin von Hartz 4 lebt und Ein-Euro-Jobber ist. „Das ist eine so unfassliche Pointe - schreibt die allgemein als seriös bekannte Wochenzeitung Die Zeit -, dass man sich scheuen würde, so etwas zu erfinden. Irgendwie zu platt, die schnöde Wirklichkeit.“ Daniel Bax stellt die richtige Frage: „Und wie verroht muss man sein, mit Thesen hausieren zu gehen, die dem eigenen Sohn wie blanker Hohn vorkommen müssen?“ Könnte es sein, dass Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab, diese umfassende Sammlung von Vorurteilen und Schmähungen der Mittigen gegen die Benachteiligten in Form eines Sachbuches, eine persönliche Abrechnung mit dem eigenem Sohn Richard ist, der die Erwartungen enttäuschte? Eigentlich hätte er als ein Sohn eines deutschen Akademikers ein Erfolgsmensch werden müssen, wie es sein Vater Thilo in seinem Buch „wissenschaftlich“ nachgewiesen hat. Stattdessen wurde er zum „schwarzen Schaf“ der Familie. Sollte der Hass des Vaters gegen die Verlierer der Gesellschaft nur vorgeschoben sein? Für den enttäuschten Vater konnte es klar sein, dass ein offener Rachefeldzug gegen den eigenen Sohn nicht auf das Verständnis der Öffentlichkeit stoßen würde, eher auf strikte Ablehnung. Wenn man aber zum Schlag gegen die ganze Unterschicht, zu der auch der Sohn gehört, ausholen würde, wäre mit der Unterstützung aus der sozialen Mittelschicht zu rechnen, und sie kam tatsächlich mit großer Begeisterung. Der Hass gegen die Schwächsten der Gesellschaft scheint bei Sarrazin aus seiner persönlichen Verzweiflung zu resultieren, als Reaktion um eigenes Versagen zu verschleiern. Sein Sohn sagte dem Journalisten der „Bunten“ noch etwas: „Es ist eigentlich ganz gut, einfach nur arbeitslos zu sein und nicht gebraucht zu werden, weil man dann sein Leben selbst bestimmen kann“, wird er zitiert. Hatte er etwa in den Jahren, die er in der Familie verbrachte, etwa den Eindruck bekommen, sein Vater würde sein Leben nicht selbst bestimmen?

Die Einblicke ins Leben der Familie Sarrazin lassen die Erinnerungen von Walter Kohl, dem Sohn des Exkanzlers Helmut Kohl, die vor einiger Zeit die Medien sehr beschäftigten, fast harmlos wirken. Hier war es gewissermaßen umgekehrt: Der Sohn hat in seinem Buch Leben oder gelebt werden mit seinem Vater, mit dem es ihm nie gelungen ist zu reden abgerechnet, nachdem „alle Versuche scheiterten und in einem Kreislauf aus Streit, Missverständnissen und neuem Schmerz endeten“.

Was lässt sich nun aus allem, was wir über die Gesinnung und das Schicksal des „Kindes der armen Leute“, dem Musterbeispiel für Karrieren in und aus der Mittelschicht, verallgemeinernd folgen? Auf jeden Fall ist es eine Bestätigung der Erkenntnisse, zu denen die besten Denker schon am Anfang der Moderne gekommen sind. Zugespitzt ausgedrückt: Man muss den Menschen vor sich selbst schützen. Sonst zerstören seine Affekte und Triebe die Gesellschaft und damit auch seine eigene Existenz.

„Der Mensch würde nicht einer Beschränkung seiner Begierden zustimmen, wenn er sich berechtigt glaubte, die ihm gesetzten Grenzen zu überschreiten. Nur könnte er sich diesen Rechtsgrundsatz ... nicht selber diktieren. Eine Autorität muß sie ihm vorschreiben, die er respektiert und vor der er sich spontan verneigt. Nur die Gesellschaft ist in der Lage, diese mäßigende Rolle zu spielen, sei es direkt und als Ganzheit oder vermittels eines ihrer Organe. Denn sie ist die einzige dem einzelnen übergeordnete moralische Kraft, deren Überordnung er auch anerkennt. Sie hat als einzige die nötige Autorität, Recht zu sprechen und den Begierden Schranken zu setzen, über die hinauszugehen nicht erlaubt ist. Sie hat auch als einzige die Fähigkeit abzuschätzen, welche Prämie sie zum Besten des gemeinsamen Interesses für jedes Mitglied vorsehen soll.
Es stimmt also nicht, daß die Handlungsfreiheit des Menschen unbeschränkt sein könne. Ein solches Privileg gibt es für nichts und niemanden auf Erden. Denn jedes Wesen, das Teil des Universums ist, steht in Beziehung zu den anderen Wesen dieses Universums; seine Natur und die Art, wie es ihr Ausdruck verleiht, hängen nicht allein von ihm ab, sondern auch von den anderen Wesen, die es infolgedessen in Schranken halten und Regeln unterwerfen. In dieser Beziehung gibt es zwischen Steinen und denkenden Wesen nur Unterschiede in Grad und Form. Für den Menschen allein ist charakteristisch, daß die Beschränkungen, die ihm auferlegt werden, nicht physisch, sondern moralisch, das heißt sozial sind.“ ... >

So etwas hätten die besten Denker der Moderne sagen können, auch Smith, es war diesmal aber noch einmal Durkheim. Die individuelle Freiheit kann nicht die Grundlage einer gerechten und guten Gesellschaft sein, wenn die Individuen moralisch und rational beschränkte Wesen sind. Eine solche kann nur auf Regeln beruhen, die laut Smith als „Gebote und Gesetze der Gottheit angesehen werden müssen“. Wie sich das allgemeine Prinzip der Regelung auf das politische Leben anwenden lässt, hat Spinoza gezeigt, Smith hat herausgefunden, wie sich mit ihm eine effiziente ökonomische Ordnung realisieren lässt. Damit werden wir uns in den folgenden Beiträgen beschäftigen. Abschließend hören wir uns noch an, wie wir nach Smith auch dann noch in unserem Leben glücklich sein könnten, wenn das Glück nicht auf unserer Seite steht:

„Wenn die menschliche Glückseligkeit in erster Linie aus dem Bewußtsein, geliebt zu werden, entsteht - wie es meiner Ansicht nach der Fall ist - dann wird solch plötzlicher Wechsel des Schicksals selten viel zur Glückseligkeit beitragen können. Der ist der Glücklichste, der mehr allmählich zur Größe fortschreitet, den seine Mitbürger schon lange zu jeder neuen Stufe seines Aufstieges vorausbestimmt hatten, ehe er sie erreicht, so daß sein Vorrücken - wenn er wieder eine neue Stufe errungen hat - weder in ihm selbst eine maßlose Freude erregen kann, noch irgendwie geeignet sein könnte, in denen, die er einholt, Eifersucht oder in denen, die er hinter sich zurückläßt, Neid zu entfachen.
Die Menschen sympathisieren jedoch leichter mit jenen kleineren Freuden, die aus weniger bedeutenden Ursachen fließen. Es ziemt sich, inmitten großen Wohlstandes bescheiden zu sein; aber wir können kaum zu viel Genugtuung ausdrücken über all die kleinen Begebenheiten des gewöhnlichen Lebens, über die Gesellschaft, mit der wir den letzten Abend zubrachten, über die Bewirtung, die uns vorgesetzt wurde, über alles, was gesprochen und was getan wurde, über all die kleinen Zwischenfälle der gegenwärtigen Unterhaltung und über all die geringfügigen Nichtigkeiten, die die Leere des menschlichen Lebens ausfüllen. Nichts ist anmutiger als jene zur Gewohnheit gewordene Heiterkeit, die stets auf einer besonderen Empfänglichkeit für all die kleinen Vergnügungen beruht, welche die Begebenheiten des täglichen Lebens darbieten. Es fällt uns leicht, mit ihr Sympathie zu empfinden; sie erfüllt uns mit derselben Freude und läßt uns jede Kleinigkeit in demselben angenehmen Licht erscheinen, in dem sie sich eben demjenigen darstellt, der mit jener glücklichen Veranlagung begabt ist. Daher kommt es, daß die Jugend, das Lebensalter der Fröhlichkeit, so leicht unsere Neigungen gefangen nimmt. Jene Lebensfreude, welche die blühende Jugend und Schönheit belebt und ihr aus den Augen sprüht, versetzt sogar den Bejahrten in eine freudigere Stimmung als gewöhnlich, und zwar auch dann, wenn er sie an einer Person des gleichen Geschlechts bemerkt.“ ... >
 
 
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