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  Eine auf den defekten Grundlagen aufgebaute ökonomische Theorie
  Ein fauler Zaubertrick zur Umwandlung von Kapital in Produktivität
 
 
Der späte Marx findet alles, was er für den Kommunismus braucht, bereits im Begriff des Kapitals vor: den general intellect, die vollständige Entfesselung aller materiellen und geistigen Produktivkräfte, die Zivilisierung des Menschen, die universelle Bildung, die egalitäre Individualisierung, die neuen, posttraditionalen Formen der Assoziation und der Sozialintegration.
 
  Hauke Brunkhorst  im Kommentar zum Marxschen  Achtzehnten Brumaire       

Wie wollte Marx beweisen, dass die Akkumulation des Kapitals zur Produktivitätssteigerung führt? Die richtige Antwort lautet: Er wollte dies gar nicht beweisen, weil er meinte, dies nicht beweisen zu müssen:

Einerseits hat er das Problem in einem anderen Kontext gesehen und behandelt. Er wollte klären, warum die Profitrate der kapitalistischen Wirtschaft (angeblich) tendenziell fällt. Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Andererseits galt es damals bei fast allen Ökonomen als selbstverständlich, dass bei der Verwendung der produktiveren Technologie mehr Kapital gebraucht wird. Wie bereits erwähnt, führt diese Idee über Adam Smith

„Die Produktivkraft einer gleicher Zahl Arbeiter wiederum kann nur dann zunehmen, wenn mehr oder bessere Maschinen und Werkzeuge ... eingesetzt werden oder wenn Arbeitsteilung und Arbeiteinsatz zweckdienlicher, effizienter, werden. Beides erfordert in der Regel zusätzlich Kapital. ... Wird der Arbeitsprozess aber verzweigter, so benötigt man wesentlich mehr Kapital, um den einzelnen Arbeiter ständig mit einer Aufgabe zu betreuen.“

zu Anne Robert Jacques Turgot (1727-1781) zurück

„Der Sparsinn eines Volkes ist bestrebt, die Summe seiner Kapitalien beständig zu vermehren. ... Der Überfluß an Kapitalien ist es, der alle Unternehmungen belebt.“

Man findet zahlreiche Stellen im Kapital, wo Marx die gleiche Auffassung in verschiedenen Variationen wiederholt:

„Ist das Kapital in einer bestimmten Produktionssphäre niedriger zusammengesetzt als das gesellschaftliche Durchschnittskapital, so ist dies zunächst nur ein andrer Ausdruck dafür, daß die Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit in dieser besondern Produktionssphäre unter dem Durchschnittsniveau steht; denn die erreichte Stufe der Produktivkraft stellt sich dar in dem relativen Übergewicht des konstanten Kapitalteils über den variablen, oder in der beständigen Abnahme des von einem gegebnen Kapital in Arbeitslohn ausgelegten Bestandteils. Ist umgekehrt das Kapital in einer bestimmten Produktionssphäre höher zusammengesetzt, so drückt dies eine über dem Durchschnittsniveau stehende Entwicklung der Produktivkraft aus.“
„Abgesehn von Naturbedingungen ... drückt sich der gesellschaftliche Produktivgrad der Arbeit im relativen Größenumfang der Produktionsmittel aus, welche ein Arbeiter, während gegebner Zeit, mit derselben Anspannung von Arbeitskraft, in Produkt verwandelt. Die Masse der Produktionsmittel, womit er funktioniert, wächst mit der Produktivität seiner Arbeit. ... Ob aber Bedingung oder Folge, der wachsende Größenumfang der Produktionsmittel im Vergleich zu der ihnen einverleibten Arbeitskraft drückt die wachsende Produktivität der Arbeit aus.“

Um dies zu verdeutlichen, benutzt Marx immer wieder zahlenmäßige Beispiele.

Es werden z. B. von einem Kapital ursprünglich je 50% in Produktionsmitteln und je 50% in Arbeitskraft ausgelegt, später, mit der Entwicklung des Produktivgrads der Arbeit, je 80% in Produktionsmitteln und je 20% in Arbeitskraft usw.
„Diese fortschreitende relative Abnahme des variablen Kapitals im Verhältnis zum konstanten und daher zum Gesamtkapital ist identisch mit der fortschreitend höhern organischen Zusammensetzung des gesellschaftlichen Kapitals in seinem Durchschnitt. Es ist ebenso nur ein andrer Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit.“

Anderswo bezeichnet er die Kapitalmenge und das Produktivitätswachstum sogar als Tautologie, und die angebliche Tendenz des Kapitals, sich ständig zu vermehren, als universelles ökonomisches Gesetz.

„Dieses Gesetz des steigenden Wachstums des konstanten Kapitalteils im Verhältnis zum variablen wird auf jedem Schritt bestätigt ... gleichviel ob wir verschiedne ökonomische Epochen bei einer einzigen Nation vergleichen oder verschiedne Nationen in derselben Epoche.“

Der Leser würde jetzt fragen, warum es damals als selbstverständlich galt, dass die Akkumulation des Kapitals zur Produktivitätssteigerung führe. Es lag an der Methode bzw. Denkweise, die bei den alten Ökonomen sehr verbreitet und beliebt war. Sie haben es als selbstverständlich angenommen, dass etwas, was für einen Betrieb richtig ist, auch für die ganze Wirtschaft nicht falsch sein könne, so dass sich auch betriebswirtschaftliche Erkenntnisse auf volkswirtschaftliche übertragen lassen. Sie haben einfach die Mikroökonomie zur Makroökonomie erhoben. Diese Denkweise, dass man einen Teil der Wirklichkeit für das Ganze nimmt, pars pro toto, haben wir schon als Pars-pro-toto-Denkweise bezeichnet und näher erörtert. Die älteren Ökonomen haben sich also bei der Analyse des Produktionsfaktors auf die Pars-pro-toto-Denkweise verlassen und sind so zu ihren falschen Schlussfolgerungen gelangt. Für ein Unternehmen mag es richtig sein, dass es seine Produktivität nur mit besseren und teureren Produktionsmethoden (Investitionen) verbessern kann, aber für die ganze Wirtschaft gilt das nicht. Das Problem liegt im Folgenden:

Nehmen wir an, ein Unternehmen hat im XIX. Jahrhundert zwei Produktionsmethoden, oder einfacher gesagt, Maschinen zur Verfügung, AXIX und BXIX, indem Maschine B eine produktivere ist. Die produktivere Maschine B ist normalerweise auch die teurere. Nehmen wir weiter an, dass im XX. Jahrhundert eine neue Produktionsmethode bzw. Maschine CXX  erfunden wird, die produktiver als die Maschine B ist, aber auch teurer als sie. Diese Annahmen lassen sich Mathematisch in zwei einfache Ungleichungen schreiben. Die erste bezieht sich auf das XIX und die zweite auf das XX Jahrhundert.

AXIX  <  BXIX             und            BXX  <  CXX

Die Maschine B haben wir jetzt zweimal. Eine, die im XIX und die andere, die im XX Jahrhundert hergestellt wird, aber technisch betrachtet sind sie sich bis ins letzte Detail identisch. Wäre auch ihre Herstellung in beiden Fällen gleich aufwändig gewesen, das heißt, wenn man die gleiche Menge an Arbeitsstunden benötigt hätte (was bei Marx allein wichtig ist), dann könnten wir die obigen zwei Ungleichungen als eine erweiterte Ungleichung schreiben:

A  <  B  <  C

Es wäre zwar nicht unmöglich, dass sich an der Herstellung der Maschine B ein Jahrhundert lang nichts ändert, aber dies wäre eine recht seltsame Ausnahme. Normalerweise ist zu erwarten, dass eine Maschine im XX. Jahrhundert anders hergestellt wird als im XIX. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit ändert sich normalerweise Folgendes:

  • Man wird lernen, wie man die Produktion der Maschine besser organisiert, und damit direkte Arbeit einspart.
  • Man wird auch lernen, die Materialien, aus denen die Maschine hergestellt wird, sparsamer zu verwenden. Damit wird die Arbeit, die in diesen Materialen steckt, eingespart.
  • Manche der Materialien, aus denen die Maschine hergestellt wird, werden produktiver, also arbeitssparsamer, hergestellt.

Dadurch wird der reale (Arbeits-)Wert der Maschine BXX kleiner werden, als der von Maschine BXIX, obwohl es sich um ein und dieselbe Maschine handelt. Auch wenn jetzt CXX größer als BXX ist, kann CXX immer noch kleiner als BXIX sein. Unsere Grafik verdeutlicht dies.


 

 

Dies haben die älteren Ökonomen übersehen und sind zu falschen Schlussfolgerungen gelangt. Man kann mathematische Modelle konstruieren, mit denen sich exakt zeigen lässt, dass Ersparnisse in einem Unternehmen oder Sektor der Wirtschaft durchaus zur niedrigeren Kapitalzusammensetzung (Kapitalkoeffizient) führen. Mit ihnen lässt sich zeigen, dass sogar die Ersparnisse der lebendigen Arbeit in einem Sektor der Wirtschaft, die die organische Zusammensetzung des Kapitals des betreffenden Sektors erhöhen, zur niedrigeren Zusammensetzung der ganzen Wirtschaft führen können. Was für einen Teil der Wirtschaft (also mikroökonomisch) gilt, gilt nicht zugleich und unbedingt auch für die ganze Wirtschaft (also makroökonomisch). Damit beweist die Mathematik eindeutig, dass die Pars-pro-Toto- Denkweise auf keinen Fall eine universelle Gültigkeit hat. Mathematik kann also auch in den Sozialwissenschaften bzw. Wirtschaftswissenschaften nützlich sein. (Sollte Interesse vorhanden sein, ich könnte diese mathematischen Methoden näher thematisieren.)

Dass also die Pars-pro-Toto- Denkweise für die Analyse der Akkumulation des Kapitals und überhaupt für die Analyse des wirtschaftlichen Wachstum ungeeignet ist, lässt sich theoretisch (mathematisch oder logisch) genau nachweisen. Aber das logisch richtige Denken heißt nicht, die Realität zu denken. Dies war der fundamentale Irrtum aller rationalistischen Philosophen, vor allem der von Anfang der Modere und ganz insbesondere der deutschen klassischen Philosophen. Nach dem Motto: „Desto schlimmer für die Tatsachen!“ Und genau das ist völlig falsch. Eine logisch fehlerhafte Konstruktion ist schon an sich falsch, eine logisch richtige ist richtig, wenn sich für sie die Tatsachen entscheidet. Was sagen uns nun diese Tatsachen über die Akkumulation des Kapitals aus? Die folgenden Diagramme zeigen die Ergebnisse der Untersuchung eines amerikanischen Marxisten, Josef Gillman’s (Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, Europa Verlag, Wien, 1969):
 

Vereinfacht gesagt, ist die Kapitalzusammensetzung bis zur Großen Depression gestiegen, aber danach schwankt sie um das gleiche Niveau. Der Kapitalkoeffizient fällt tendenziell auch nicht mehr nach der Großen Depression.

Die Daten der österreichischen Wirtschaft lassen, was die Eindeutigkeit und Klarheit betrifft, keine Wünsche offen. Ihre Produktivität (der grüne Balken) ist am stärksten gestiegen (1960-1980), als der Kapitalkoeffizient gefallen ist.

Es ist bemerkenswert, dass gerade David Ricardo, Marx‘ Vorgänger und Lehrer, ausdrücklich bestritten hat, dass der Einsatz des Kapitals pro einem Beschäftigten tendenziell zunehmen muss.

„Kapital kann sich auch vermehren, ohne dass sein Wert steigt, und sogar während sein Wert wirklich abnimmt. Nicht nur kann ein Zuwachs zu der Nahrung und Kleidung eines Landes geschaffen werden, sondern der Zuwachs kann mit Hilfe von Maschinen auch ohne jede Vermehrung, ja selbst bei einer absoluten Verminderung in der verhältnismäßigen Arbeitsmenge geschaffen werden, die zu ihrer Erzeugung erforderlich ist. Die Menge an Kapital kann steigen, während es weder insgesamt noch irgendein Teil davon einen höheren Wert als früher besitzen wird, tatsächlich sogar einen geringeren haben kann.“

Aber erst die Forschungen vor einem halben Jahrhundert von Moses Abramowitz und Robert Solow haben definitiv empirisch bewiesen, dass die Kapitalakkumulation, die für eine lange Zeit als der wichtigste Faktor des Wachstums des Sozialprodukts galt, sich als ein vergleichsweise unbedeutender Faktor der Produktivitätssteigerung erwiesen hat. Das Wachstum der US-Wirtschaft seit Ende des 19. Jahrhunderts, so die Forschungen, wird zu drei Viertel aus der zunehmenden Effizienz der in der Produktion verwendeten Faktoren Arbeit und Kapital gespeist, und nicht aus ihrem zunehmenden Einsatz pro Beschäftigten. Diese Implikation erwies sich als verheerend, und zwar nicht nur für den Marxismus, sondern überhaupt. Die herkömmlichen Erklärungen wie technischer Fortschritt, Skalenerträge, Ausbildung und auch Kapitalakkumulation „sind nicht die Ursachen des Wachstums, denn sie sind das Wachstum“, so Douglass C. North, ein US-amerikanischer Ökonom, Nobelpreisträger und Wirtschaftshistoriker. Die Erklärung des ökonomischen Wachstums hat sich damit völlig der traditionellen Denkweise (Paradigma) der Ökonomen entzogen.

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