zu weiteren gefundenen Beiträgen
 
  Was die Globalisierung ganz bestimmt  n i c h t  ist:
  Sie ist kein zwangsläufiger und unkontrollierbarer Prozess
    Ein Gastartikel
 
 
Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.
 
  Jean-Claude Juncker, ehemaliger Premierminister Luxemburgs, seit 2005 Vorsitzender der Euro-Gruppe    

Die Globalisierung ist nicht nur bei politisch engagierten Menschen ein umstrittenes Thema. Schließlich wird praktisch jeder im Alltag damit konfrontiert. Abteilungen oder ganze Firmen werden ins Ausland verlagert und im Handel tauchen immer mehr Billigprodukte auf, die zuvor noch in Deutschland oder zumindest im nahen Ausland hergestellt wurden. Bedenkt man dazu noch, welch weite Transportwege in vielen Fällen zurückgelegt werden, und dabei das Produkt aus Übersee noch immer am wenigsten kostet, wird sich auch der unbedarfte Bürger zuweilen fragen, wie das sein kann. Natürlich hat die neoliberale Propaganda jede Menge Antworten parat. Wir hatten im vorletzten Beitrag bereits gezeigt, dass die Globalisierung keine produktionstechnisch bedingte weltweite Arbeitsteilung ist. Hier geht es uns um das Argument, die Globalisierung sei eben das zwingende Ergebnis wirtschaftlicher Entwicklungen und neuer Erfindungen, das sich von selbst so entwickelt habe. Wir werden uns beide Teile dieser Behauptung nacheinander ansehen.

Die vorgetäuschte Zwangsläufigkeit

In wirtschaftlichen Angelegenheiten gibt es tatsächlich Entwicklungen, die sich nicht vermeiden lassen und oft wäre es sogar töricht, sich gegen sie zu stellen. Dazu gehört etwa die Veränderung der Produktionsmethoden durch den technischen Fortschritt und das Entstehen neuer Branchen und Berufe nach der Erfindung völlig neuer Dinge. Das begann mit der ersten Industriellen Revolution, vornehmlich in Großbritannien, das damals alles andere als weltoffen war. Erst als die Wirtschaft sich entwickelt hatte, begann die Suche nach neuen Märkten. Diese Expansion hat dann Ricardo als eine sinnvolle Arbeitsteilung, mit seinen „komparativen Vorteilen“, theoretisch gerechtfertigt. An sich war das auch keine abwegige Idee. Wenn Großbritannien über eine begrenzte Menge fruchtbaren Landes verfügt und die Bevölkerung wächst, warum sollten dann die landwirtschaftlichen Produkte nicht anderswo hergestellt werden? Es ist aber riskant, die grundlegende Versorgung der Bevölkerung vom Ausland abhängig zu machen. Die Produktion und der Import müssen stets gesichert sein. Das hat Großbritannien als Kolonialmacht die meiste Zeit geschafft. Die Frage ist aber, zu welchem Preis. Immerhin können im Ausland so viele Menschen leben, dass sie keine landwirtschaftlichen Produkte abzugeben haben und sie selbst brauchen. In so einer Situation gibt es mindestens einen Verlierer. Auch dafür findet sich in der britischen Geschichte ein Beispiel: die irische Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals vernichtete eine Pilzerkrankung die Kartoffelernten und damit die Lebensgrundlage der Iren. Es gab durchaus noch andere Nahrungsmittel im Land, die jedoch auf die Nachbarinsel gebracht wurden. Viele Iren verhungerten, Millionen wanderten aus. Heute ist Großbritannien keine Weltmacht mehr und wird latent von einem ähnlichen Problem bedroht. Die inländische landwirtschaftliche Produktion reicht nicht aus, die Bürger zu versorgen, so dass Lebensmittelimporte notwendig sind.

Wir wollen damit natürlich nicht sagen, dass generell überhaupt nichts importiert werden sollte. Aber für das, was sinnvoll ist zu importieren, braucht man die Globalisierung nicht. Es gibt noch viele Bürger - die dafür kein biblisches Alter aufweisen müssen -, die sich daran erinnern können, wie in ihrer Kindheit und Jugend die meisten Waren aus der Umgebung kamen. Was der Durchschnittsbürger aus der Ferne kaufte, gab es in den so genannten Kolonialwarenläden. Dort wurde auch nur selten gekauft, und damals war eine Apfelsine zur Weihnachtszeit etwas ganz Besonderes. Weil sich das nicht leugnen lässt, wird oft behauptet, die Erfindung des modernen Frachtcontainers markiere den Beginn der Globalisierung. Der deutsche Unternehmer und Publizist Manfred Julius Müller weist das entschieden zurück und schreibt weiter:

„Mit der Einverleibung des technischen Fortschritts als Globalisierungsmerkmal gelingt gleichzeitig noch ein zweites wichtiges Täuschungsmanöver: Es wird suggeriert, die Globalisierung sei eine ganz natürliche und unabwendbare Entwicklungsstufe. Mit diesem Taschenspielertrick ist man immer fein raus – wer will sich schon gegen unvermeidbare Abläufe sperren? Warum über die Globalisierung lamentieren, wenn man eh nichts daran ändern kann?“ ... >

Die Lösung dieses verworrenen Problems ist sehr einfach. Besinnen wir uns darauf, was für den Konsumenten und den Unternehmer am meisten zählt: der Preis. Wie eben angedeutet, konnte sich während der meisten Zeiträume seit Entstehung der Zivilisation die große Mehrheit der Einwohner egal welchen Landes Importprodukte kaum leisten, weil sie schlichtweg zu teuer waren. Heute ist es in den westlichen Industrieländern genau umgekehrt: Gerade die billigsten Produkte kommen meist von weit her. Erinnern wir uns an den vorhergehenden Beitrag. Dort haben wir festgestellt, dass die niedrigen Preise der Billigwaren durch globale Dumpingschlachten und uneingeschränkten Welthandel zustande kommen, wobei sowohl wenig produktive Volkswirtschaften als auch die armen Bevölkerungsschichten fürchterlich unter die Räder geraten.

Ein offener Welthandel kann sogar den technischen und sozialen Fortschritt selbst behindern. Denken wir nur an natürliche Rohstoffe, wie etwa bestimmte Mineralien oder Erdöl. Diese haben die typische Eigenschaft, an bestimmten Orten auf der Erde geradezu massenhaft, woanders aber nicht oder nur in geringen Mengen vorzukommen. Die Konkurrenz um derartige Rohstoffe war und ist oft Anlass für politische Spannungen bis hin zum Krieg. Für die Länder, auf deren Territorium sich große Vorkommen befinden, können sich daraus ganz unterschiedliche Folgen ergeben. Entweder schwimmen sie geradezu im Geld und können den Rest der Welt erpressen, wie es etwa bei den meisten Erdöl liefernden Ländern der Fall ist. Oder ihre innenpolitische Instabilität wird ausgenutzt, sie werden zum Spielball großer Wirtschaftsmächte und versinken in Gewalt und Anarchie, wie einige afrikanische Staaten. Um die Forschung nach der Reduktion des Bedarfs an solchen Rohstoffen oder nach Alternativen dazu anzuregen, muss die Verfügbarkeit begrenzt werden. Ansonsten besteht kein Anlass, teure Forschung zu betreiben. Aber auch die Gesetze eines Landes beeinflussen die Forschungstätigkeit. Wenn z. B. wie es in Deutschland der Fall ist die Arbeit durch Abgaben verteuert wird, die Produktion mit Maschinen jedoch nicht, ist das der Motivation, bessere Maschinen zu entwickeln abträglich. Das gleiche gilt für die Absicht, Technologien mit Subventionen fördern zu wollen. Warum mit Hochdruck an einer technologischen Verbesserung arbeiten, von der womöglich heute noch niemand sagen kann wie die überhaupt aussehen soll, wenn man jetzt schon massive Kostenvorteile hat? Wir sehen also, dass die Entwicklung der Technologie nicht unabhängig von politischen Entscheidungen und Maßnahmen stattfindet. Damit taugt sie aber auch nicht als Ausrede für die Politik, um ihre angebliche Machtlosigkeit zu begründen.

Die vorgetäuschte Ohnmacht der Politik

Zwar sind deutsche Politiker nicht die einzigen, die sich gern hinter der angeblich unaufhaltsamen Globalisierung verstecken und leugnen, auf sie Einfluss nehmen zu können. Allerdings ist ihre Heuchelei ganz besonders dreist. Der deutsche Jurist Joachim Jahnke schrieb hierüber schon vor Ausbruch der großen Krise. Und er kennt sich aus, denn er war lange Staatsbeamter und danach bis zu seinem Ruhestand Vizepräsident einer Bank in der berühmt-berüchtigten Londoner City.

„Nun sollen wir Dummies bei solchen Erklärungen vergessen, daß es dieselben Politiker sind, die Jahr für Jahr die neoliberale Globalisierung in Brüssel, der Welthandelsorganisation (früher GATT), dem Internationalen Währungsfond und vielen anderen globalen Organisationen gepusht haben. Deutschland war immer in der ersten Reihe der Befürworter des Aufreißens der Märkte. Das war der Fall, als es um eine möglichst schnelle Erweiterung der EU ging, ohne wenigstens einen Riegel gegen Steuerdumping vorzuschieben, oder um die Aufnahme der Staatswirtschaft Chinas in die eigentlich nur für Marktwirtschaften geschaffene liberale Welthandelsorganisation, und zwar trotz den bekannten Dumpingpraktiken unter Kontrolle der kommunistischen Partei Chinas, oder um den unbeaufsichtigten Kapitalverkehr für Hedgefonds und alle Arten zweifelhafter Finanzpapiere, unter denen derzeit die Finanzmärkte schwer leiden.“ ... >

Endgültig absurd wird dieses Laienschauspiel, wenn es darum geht, den weltweiten Handel weiterhin am Laufen zu halten. Es werden an jeder Ecke Infrastrukturmaßnahmen gefordert und auch umgesetzt, mit dem Argument, eine gute Verkehrsanbindung tue dem Wirtschaftsstandort gut. Jeder Dorfpolitiker macht sich für eine gute Erschließung seiner Gemeinde stark, natürlich um Arbeitsplätze in die Region zu bringen. Nur, Infrastruktur muss auch genehmigt werden, ggf. gegen Widerstände aus dem Volk. Da fühlt sich die Politik plötzlich gar nicht mehr so machtlos. Man kann etwa Umweltschützer fragen, ob man auf ihre Meinung noch wert legt, wenn Aussichten auf eine große Investition bestehen. Außerdem ist es ein offenes Geheimnis, dass deutsche Gemeinden oft Gewerbesteuern „versehentlich“ nicht in voller Höhe eintreiben. Die extremste Form des Kniefalls vor dem Welthandel ist wohl das Gutheißen militärischer Mittel. Wohlgemerkt: Der Angriff auf Handelswege, egal von wem, wird seit Menschengedenken als kriegerischer Akt betrachtet, der eine Verteidigung rechtfertigt. Aber wären die Politiker so ohnmächtig wie sie tun, müssten sie es auch tatenlos hinnehmen, wenn die Globalisierung dazu führt, dass Menschen irgendwo auf der Welt aus ihrer Armut und Hoffnungslosigkeit heraus gewalttätig werden. Schließlich gehört das Militär zu den Dingen, die glücklicherweise noch nicht privatisiert wurden und damit nach wie vor nur von der Politik eingesetzt werden können.

Verfolgt man das Gerede von der Ohnmacht der Politik konsequent bis zum logischen Ende, stellt sich die Frage, wozu man Politiker und Demokratie überhaupt braucht. Wenn immer alles „alternativlos“ ist und die Volksvertreter nichts Anderes tun können, als den Wünschen der größten Wirtschaftslobbys Folge zu leisten, warum dann noch Wahlen? Man könnte die Regierung dann auch direkt an die einflussreichsten Wirtschaftszirkel abgeben. Daran haben die Politiker natürlich kein Interesse, weil sie das um ihre Macht und Pfründe bringen würde. Außerdem wäre es sehr riskant, die antidemokratischen Ansichten der Machteliten allzu offen zu zeigen. Möglicherweise würde man dann zur Rechenschaft gezogen, wenn der Plan doch schiefgeht. Das haben gerade die deutschen Machteliten immer zu vermeiden gewusst. Sie haben sich nie exponiert, um ihre Interessen durchzusetzen. Wer waren denn die Obersten derer, die mitten in der Großen Depression an die Macht kamen, um den Kapitalismus zu retten? Waren es die führenden Wirtschaftskapitäne und Industriebarone?

Nein! Diese setzten die Nazis nur als ihre Gehilfen ein. Sie haben die Macht am 30. Januar 1933 an Hitler übergeben. Er sollte mit seinen SS- Schlägertruppen die Arbeiterschaft zur Vernunft bringen - also die schmutzigen Geschäfte erledigen. „Wir haben ihn uns engagiert“, erklärte protzend der Zentrumspolitiker Franz von Papen, der am 1. Juni 1932 ein Kabinett von parteipolitisch ungebundenen Adligen installiert und nichts auf die Reihe bekommen hatte. Und weiter: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“ Diesen Deal haben die Nationalsozialisten zum Mythos der „Machtergreifung“ hochstilisiert. Sie wollten wohl ihre Macht nicht als geschenkt begreifen, sondern als Lohn für das Vollbringen einer Heldentat. Warum man trotzdem immer noch von der „Machtergreifung“ spricht, obwohl manche viel harmlosere nationalsozialistische Begriffe zum Tabu erklärt worden sind und auf der Indexliste der verpönten Begriffe stehen, ist nicht schwer zu erraten. Würde man von Machtübertragung, Aushändigung oder Schenkung der Macht sprechen, was richtig wäre, würde dies schon von sich aus auf die Mitverantwortung und Mittäterschaft der damaligen Macht- und Wirtschaftseliten hindeuten. Und das würde den heutigen Nachfolgern der Weimarer Eliten ganz und gar nicht gefallen.

Als dann die Rettung der deutschen Reichen und Wirtschaftskapitäne durch die faschistische Diktatur, in einer Katastrophe für die ganze Welt endete, weil sie den neoliberalen Sozialdarwinismus bis hin zur letzten Konsequenz verwirklichte, wurden auch nur die Faschisten vor Gericht gestellt und bestraft. Die Lenker der großen Konzerne waren fein raus. Aber damit nicht genug. Denn als es nach dem Zweiten Weltkrieg darum ging, die Bundesrepublik zum Bollwerk gegen den Kommunismus auszubauen, war ihre Expertise bei den Besatzungsmächten gefragt. Viele von ihnen bekamen trotz Verwicklungen mit der NS-Regierung nur symbolische Strafen, wenn überhaupt. Wie zynisch und deplaziert ist dann also die Hexenjagd nach den Helfershelfern der Stasi, die nach dem Anschluss der DDR veranstaltet wurde und einen Vergleich mit der Kommunistenhatz in den USA der McCarthy-Ära während des Kalten Krieges nicht scheuen muss!

Ganz entsprechend ist es auch in unserer Zeit passiert. Den größten Schlag gegen Gerechtigkeit und Solidarität - und auch gegen den gesunden Menschenverstand - haben wieder die Lakaien der Wirtschaftsriesen ausgeführt. Alle Kritiker schlagen heute auf Schröder, Clement und Co. ein, aber niemand auf diejenigen, die ihnen gesagt haben, was sie tun sollen. Das ist aber auch nur schwer möglich, weil sich die Einflüsterer hinter anonymen Gutachten, Stiftungen und Thinktanks voller gekaufter „Wissenschaftler“ verstecken, so dass niemand kann sagen kann, wer für eine Idee verantwortlich ist, die so viel Unheil brachte.

Die Gestaltungsmöglichkeiten zwischen freiem Welthandel und Autarkie

In Wahrheit ist es so, dass es eine Bandbreite von Möglichkeiten gibt, wie sich der internationale Handel gestalten lässt. Man muss ihn nicht ablehnen, aber sich der Probleme bewusst sein, die er verursachen kann. Es ist sicher unsinnig, für jedes Land der Welt Autarkie zu verlangen. Eine totale Autarkie gab es eigentlich nie. Es existierten schon vor Jahrhunderten Transportwege über die halbe Erdkugel. Man denke nur an die Seidenstraße oder die europäischen Frachtschiffe, die in den Orient segelten, um von dort Seide, Gewürze usw. mitzubringen. Das war bestimmt nützlich, aber lässt sich wohl kaum mit der Globalisierung vergleichen. Eine weniger vernetzte Welt brächte auch heute einige Vorteile mit sich. Der wichtigste ist der, dass eine lokale Krise sich dann nicht wie ein Flächenbrand über den ganzen Erdball ausbreiten kann. Außerdem muss man sich die Frage stellen, was für die Menschen auf der Erde wichtiger ist: Eine dauerhaft gesicherte Versorgung für alle und Frieden in der Welt, auch wenn das allgemeine Wohlstandsniveau dadurch geringer ausfällt, oder ein Dauerzustand des Kampfes in und zwischen Nationen, in denen es jeweils einer Minderheit möglich ist, den modernsten und ausgefeiltesten Komfort zu genießen, während die Mehrheit in Armut leben muss?

Ja, es wäre schon vernünftig: Weniger Wachstum, aber dafür mehr Sicherheit, Gerechtigkeit und Naturschonung. Ist es aber wirklich nötig, diesen Zielen zuliebe das Wachstum zu opfern? Oder sind wir damit den Profiteuren der globalen Wirtschaft und den sich bei ihnen geistig prostituierenden Experten, Wissenschaftlern und Professoren auf den Leim gegangen? Letzteres ist der Fall. Es ist nur eine weitere Globalisierungslüge, dass die Produktivität der Volkswirtschaften in einer globalisierten Welt höher ist als in einer mit weniger engen wirtschaftlichen Verflechtungen. Gibt es aber empirische Tatsachen, die eindeutig belegen würden, was stimmt? Die gibt es in der Tat. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Weltwirtschaft kaum weniger globalisiert als die heutige - manches spricht sogar dafür, dass sie noch mehr globalisiert war.

„Die Globalisierung ist nichts Neues. Im Jahr 1900 war die Welt viel stärker globalisiert als im Jahr 2003. Damals beherrschten Kolonialreiche die Erde. Fast 25 Prozent des Globus wurden allein von London regiert. Die Franzosen regierten Indochina und einen großen Teil Afrikas. Das russische Reich breitete sich über die eurasische Landmasse aus. Das Osmanische Reich dominierte noch den Nahen Osten und einen Teil des Balkans. Zentraleuropa gehörte dem österreichisch-ungarischen Reich. Auch Deutschland und Japan hatten ihre Kolonien (Deutsch-Südwestafrika bzw. Korea und Taiwan). Amerika beherrschte Kuba und die Philippinen. China war eine unter den Großmächten aufgeteilte Quasi-Kolonie. Im Unterschied zu heute fast 200 gab es damals nur 50 unabhängige Länder, und eine große Zahl davon war nur scheinbar unabhängig. Die lateinamerikanischen Staaten mussten mit der Monroe-Doktrin leben und wurden, obwohl offiziell unabhängig, von den Vereinigten Staaten an der kurzen Leine geführt.“ ... >

Nach der Großen Depression brach diese globalisierte Weltwirtschaft zuerst total zusammen, dann kam der Weltkrieg und nach diesem wuchs der internationale Handel nur langsam.

„Der Anteil der Weltproduktion, der grenzüberschreitend gehandelt wird, ist von 7% 1950 über 12% im Jahre 1973 auf 17% 1993 gestiegen. In den OECD-Ländern insgesamt wuchs der Anteil des Außenhandels im Durchschnitt von 12,5% 1960 auf 18,6 1990, in den USA von 4,7% auf 11,4%. Die Zunahme ist beeindruckend, aber nicht besonders dramatisch, wenn man in Rechnung stellt daß eine ähnlich hohe Exportquote in der Welt schon vor dem Ersten Weltkrieg erreicht worden ist.“ ... >
„Der Höhepunkt des Kapitalexports wurde tatsächlich im Ersten Weltkrieg erreicht, als die durchschnittlichen aktuellen Kontenstände etwa 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichten, dagegen betrugen sie an ihrem Tiefpunkt in den Jahren 1932 bis 1939 nur 1,2 Prozent. Die entsprechende Zahl für die Phase von 1989 bis 1996 lag immer noch bei nur 2,3 Prozent.“ ... >

Dieser Zeitabschnitt zwischen zwei Globalisierungen ging als das Goldene Zeitalter des Kapitalismus in die Geschichte ein. Die oben erwähnten Zeitzeugen können uns erzählen, wie viel besser es den Menschen im Vergleich zum Zustand davor und erst recht zum heutigen ging. Gerade in dieser Periode der nicht sehr vernetzten Volkswirtschaften hatte die Höhe der Löhne und die Verwirklichung aller Rechte der Arbeiter ein zuvor unvorstellbares Niveau erreicht, und selbst nach rein technischen ökonomischen Kriterien war es die erfolgreichste Zeit der gesamten kapitalistischen Geschichte. Sowohl das reale Wirtschaftswachstum als auch das Produktivitätswachstum waren höher als je davor und auch danach - als der Globalisierungswahn wieder ausgebrochen ist. Man muss in der Tat sehr geschichtsvergessen sein, um keine deutliche Parallele zwischen der Zeit  der Weltkriege und der nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zu sehen, als die neoliberale Konterrevolution richtig an Fahrt gewann. Wer die Geschichte nicht kennt, muss sie halt wiederholen.... >

 
 
zu weiteren gefundenen Beiträgen zu Diskussionsforen