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  Ein Gastartikel

 
 
So mögen denn alle wissen, die es ignorieren, die Feinde Gottes und der Menschheit, welchen Namen sie sich auch geben, dass zwischen dem Starken und dem Schwachen, zwischen dem Reichen und dem Armen, zwischen dem Herrn und dem Knecht, es die Freiheit ist, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.
 
  Jean Jacques Rousseau, berühmter französischsprachiger Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist   

Gemäß der neoliberalen Grundüberzeugung kann der Markt immer alles am besten. Eine völlig freie Marktwirtschaft, in der es möglichst auch kein staatliches Eigentum geben soll, sei nicht nur maximal effizient, sondern auch maximal gerecht. Staatseigentum, Regulierungen, Ge- und Verbote würden da nur stören. Die Abschaffung von ersterem durch Privatisierungen und die Konsequenzen daraus haben wir im vorhergehenden Beitrag bereits kurz diskutiert. Hier gehen wir der Frage nach, wie und warum mit den Schlagworten „Deregulierung“, „Flexibilisierung“ und „Bürokratieabbau“ der Staat wieder und wieder dazu aufgefordert wird, sich immer weiter aus der Wirtschaft zurückzuziehen.

Die Befreiung der Unternehmen von Kreativität und Verantwortung

Versetzt man sich in die Perspektive eines rein betriebswirtschaftlich denkenden Unternehmers, erkennt man schnell, warum er kein Interesse daran hat, auf irgendwas oder irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Es ist viel schwieriger, ein Geschäft zu betreiben, wenn man nicht machen kann, was einem gerade genehm ist. Arbeitnehmerrechte stören bei der Kostenoptimierung, gelegentliche Besuche vom Gewerbeaufsichtsamt schrecken dubiose, aber attraktive Geldgeber ab und Umweltauflagen verteuern die Produktion. Natürlich kann man diese Regulierungen einfach missachten, aber dann besteht die Gefahr, ertappt und bestraft zu werden. Da hilft auch Kumpanei mit wichtigen Politkern nicht mehr viel. Gelangt ein Skandal an die Öffentlichkeit, wird er abspringen, um nicht in den Schlamassel mit hineingezogen zu werden. Es ist viel besser, wenn es gar keine Regeln gibt. Dann kann der Unternehmer in seiner eigenen Person zwei Eigenschaften optimal kombinieren: ein Minimum an Kreativität und ein Minimum an Verantwortung. Ausreichend große Marktmacht vorausgesetzt, kann er sich in seinem Chefsessel zurücklehnen, ohne sich jemals originelle Dinge einfallen zu lassen, denn wer mächtig ist, der muss nicht klug sein, weil er seine Angestellten und Geschäftspartner einfach erpressen kann. Außerdem hat er jederzeit ein reines Gewissen, denn zusammen mit den gesetzlich festgesetzten Regeln hat man auch das Verbrechen abgeschafft. Alles was er tut, ist fortan legal, worauf er jeden Kritiker gelassen hinweist. Sollte es ihm nach weiterer Freiheit gelüsten, kann er jederzeit die universellen Scheinargumente der Arbeitsplätze und des Gemeinwohls hervorholen. Ein Beispiel dafür erleben wir gerade im Rahmen der so genannten „Energiewende“. Man wolle nur das Beste für die Bürger, nämlich einen zügigen Netzausbau. Dem stünden aber verschiedene Umweltauflagen im Weg. Man müsse doch in Betracht ziehen, diese „temporär“ (also auf unbestimmte Zeit) zu lockern, dann würden obendrein auch noch viele Arbeitsplätze herausspringen. Bis vor kurzem wurde besonders im Finanzsektor dereguliert. Zunächst herrschte geradezu Euphorie für die Verbesserungen des „Finanzplatzes Deutschland“. Heute schimpft alle Welt auf die skrupellosen und gierigen Banker, doch keiner von ihnen hat ein Gesetz gebrochen. Diese Wut ist verständlich, weil die spektakulärsten Betrügereien tatsächlich von ihnen verübt wurden. Allerdings können sich die Unternehmer aus der Realwirtschaft auch nicht die Hände in Unschuld waschen, denn sie haben ihre ganz eigene Lieblingsderegulierungsmaßnahme in großem Umfang durchgesetzt.

Die Flexibilisierung, die nur den Unternehmen nützt

Im Wesentlichen kann man alle Bestrebungen, die sich unter dem Wort „Flexibilisierung“ zusammenfassen lassen dadurch charakterisieren, dass Vertragsschlüsse zwischen ungleich starken Partnern, die niemals fair sein können, durchgesetzt und allgemein akzeptiert werden sollen. Selbstverständlich geben die Unternehmen niemals zu, dass sie die Stärkeren sind. Sie tischen der Öffentlichkeit dreiste Lügen auf, wonach eine größere Flexibilität den Arbeitnehmern nützt. Diese könnten dann praktisch arbeiten wann sie wollten, was es ihnen ungeheuer erleichtern würde, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Jedoch befindet sich in der Praxis – wenn überhaupt - nur eine sehr kleine Minderheit besonders gefragter Spezialisten in dieser Position. Beim normalen Arbeitnehmer ist es das Unternehmen, das bestimmt, wann und wie lange gearbeitet wird. Wer damit nicht zufrieden ist, der soll halt sehen, ob es in einem anderen Betrieb besser ist.

Das bringt uns direkt zum nächsten großen Anliegen der Unternehmerlobbys, dem lästigen Kündigungsschutz. Es wird behauptet, er enge die Unternehmen in ihrer Personalpolitik zu sehr ein, er verhindere gar Neueinstellungen, weil personelle Fehlgriffe an die Firma „gekettet“ seien. Warum gerade die Lockerung des Kündigungsschutzes immer wieder in die Diskussion kommt, leuchtet im Zusammenhang mit den Deregulierungsbestrebungen sofort ein. Die Entrechtung der Beschäftigten muss weniger intensiv vorangetrieben werden, wenn diesen die Möglichkeit fehlt, ihre Rechte überhaupt wahrzunehmen. Ein solches Verfahren ist auch besser für das Image.

Noch viel komfortabler ist es natürlich, seine Arbeitskräfte nicht auf einer festen Basis einzustellen, sondern sie von vornherein nur befristet zu beschäftigen, mit Zeitverträgen oder Leiharbeit. Offiziell wird erklärt, Leiharbeiter würden von den Unternehmen dringend gebraucht, um temporäre Auftragsspitzen bedienen zu können. An der Entlohnung der Leiharbeiter kann man feststellen, dass das eine Lüge ist. Wenn die offizielle Verlautbarung stimmen würde, wären Arbeitskräfte akut wirklich knapp. Dann müsste ein Unternehmen, das kurzfristig qualifiziertes Personal benötigt, einen höheren Lohn bieten als den Festangestellten. In Wirklichkeit sind Arbeitskräfte aber alles andere als knapp. Deshalb liegt die Bezahlung von Leiharbeitern extrem niedrig. In so einer Lage ist es für ein Unternehmen wirtschaftlich, feste Arbeitsverhältnisse durch immer wieder neu ausgeliehene Leiharbeiter zu ersetzen oder einen befristeten Vertrag an den nächsten zu reihen. Das passiert in immer größerem Umfang und war auch vor einigen Jahren ohne hellseherische Fähigkeiten absehbar. Trotzdem hat sich die Politik einreden lassen, Leiharbeit und befristete Verträge seien für Arbeitslose ein „Sprungbrett“ in eine volle Berufstätigkeit. Entsprechende Gesetze zur Förderung der Leiharbeit wurden erlassen. In der Folge blühte die Leiharbeitsbranche geradezu auf. Wer kritisch fragt, wohin das noch führen soll, wird von den Lobbyisten darauf hingewiesen, die Branche sei viel zu klein um irgendeine große Wirkung auf den Arbeitsmarkt zu haben. Damit behaupten sie dem Sinn nach nichts Anderes als ein Arzt, der zu seinem Patienten sagt „Der Tumor in ihrer Lunge ist zwar fünfmal so groß wie vor einem halben Jahr, aber weil er so klein ist, sollten Sie sich keine Sorgen machen.“.

Der Hauptfeind der Flexibilisierer ist natürlich der Flächentarifvertrag, ganz gleich für welche Arbeitsverhältnisse er gültig ist. Man solle die Lohnfindung bitteschön allein den einzelnen Unternehmen und deren Beschäftigten überlassen. Die Gewerkschaften würden alles nur unnötig verkomplizieren und den Arbeitnehmern „überzogene Lohnforderungen“ in den Kopf setzen. Doch was bedeutet das überhaupt, Flächentarifvertrag? Gibt es einen, müssen alle Unternehmen in seinem Gültigkeitsbereich für die gleiche Qualifikation den gleichen Lohn bezahlen. Gibt es keinen, sind die Arbeitnehmer gezwungen zu wandern, um sich gegen Lohndrückerei zu wehren. Der deutsche Ökonom Heiner Flassbeck fasst dieses Prinzip mit einem Schuss Sarkasmus zusammen:

„Es ist wie überall und immer: Wer den Marktpreis nicht bezahlt, hat keine Chance. Je mobiler die Arbeiter, desto größer die Region, in der der Markt funktioniert. Wenn alle im Wohnwagen durchs Land reisen, ist der Idealzustand erreicht.“ ... >

Da Menschen weder räumlich noch zeitlich niemals vollständig mobil sein können, haben die Unternehmen einen Vorteil. Steigen die Löhne zu sehr an, können sie in andere Regionen mit höherer Arbeitslosigkeit abwandern, wo sie die örtlichen Politiker mit Kusshand und niedrigen Steuern begrüßen. So können verschiedene Regionen gegeneinander ausgespielt werden. Im größeren Maßstab als auf der Ebene eines einzigen Landes nennt man dieses Verfahren Globalisierung. Man fühlt sich unweigerlich an das bekannte Märchen von Hase und Igel erinnert. Egal wie mobil der Arbeiter ist, die Unternehmen sind ihm immer einen Schritt voraus.

Sind alle hinderlichen Regularien beseitigt, können die Arbeitgeber ihr Lieblingsspiel spielen. Die Löhne sind fortan nicht mehr fest, sondern „leistungsabhängig“. Man tut einfach so, als hinge es vom Fleiß der Beschäftigten ab, wie gut der Absatz läuft. Für den Unternehmer ist das praktisch. Sinkt der Umsatz, sinken die Kosten gleich mit. Mit echtem Marktwettbewerb hat das nichts zu tun. Unternehmer reden zwar gern davon, wie knallhart der Wettbewerb sei und schwer sie es hätten. Aber das ist ja noch lange kein Grund, sich wirklich den Herausforderungen auszusetzen, vor die ein Markt, der diese Bezeichnung verdient, sie stellen kann.

Obwohl das weitgehend fehlende Streikrecht in China oft angeprangert wird, ist es sehr gut möglich, dass hiesige Unternehmer darauf eher neidisch sind. Im ordnungsliebenden Deutschland ist es eben nicht gern gesehen, wenn Menschen, die ihren berechtigten Forderungen Nachdruck verleihen wollen, die Arbeit niederlegen. Die Berichterstattung über Streiks in den Medien ist eher kritisch statt objektiv. Das Kernstück vieler Mitteilungen ist keine ausführliche Darstellung der Sachlage und wie es zum Streik kam, sondern wie viel Millionen Euro der deutschen Wirtschaft angeblich verloren gehen. Wenn sich Berufe an einem Arbeitskampf beteiligen, die den öffentlichen Personentransport organisieren, wird ausführlich aufgelistet, welche Reiseverbindungen nicht zustande gekommen sind; dazu gibt es minutenlang bzw. großformatig Bilder von Reisenden, die in Flughäfen und Bahnhöfen auf Feldbetten übernachten. Was beim beiläufigen Verfolgen der Nachrichten hängen bleibt, sind also nur die Probleme, die die Streikenden ihren Mitmenschen bereitet haben, und nicht ein wenig Wissen darüber, welche Notlage sie dazu gebracht hat, zum letzten Mittel als Beschäftigte zu greifen.

Was auch immer also den Unternehmer von anderen Menschen unterscheidet, eine besondere Risikofreudigkeit ist es offensichtlicht nicht. Unternehmer hassen das Risiko wie alle anderen Menschen auch und sind stets bestrebt, es auf andere abzuwälzen. Kein Wunder dass sie es lieber haben, wenn die sich nicht wehren können.

Der „schlanke“ Staat als hilfloser Schwächling

Nicht nur Regulierungen an sich, sondern auch die Institutionen, die für ihre Einhaltung sorgen sollen, stören die Unternehmer. Zu viele Behörden würden das Investitionsklima verderben. In einer Atmosphäre dauernder Gängelung seien Investoren geradezu beleidigt. Ideal sei ein „schlanker Staat“, der sich nur noch seinen „Kernaufgaben“ widmet. Zum „Beweis“ dessen gehen die Lobbyvereinigungen ähnlich vor wie der Bund der Steuerzahler. Sie suchen im ganzen Land nach Beispielen, in denen es ein Beamter zu genau genommen hat oder zeigen mit dem Finger auf Fehler, die der Verwaltung unterlaufen sind. Auch hier gilt stillschweigend der Vorwurf, nicht der theoretisch möglichen Perfektion zu entsprechen. Das Teuflische an den Bestrebungen zur „Entbürokratisierung“ ist, dass sie sich perfekt mit den immerwährenden Forderungen nach staatlichen Ausgabenkürzungen kombinieren lassen. In vorauseilendem Gehorsam hat der Staat in den letzten Jahren viele Behörden auf verschiedenen Ebenen abgeschafft. So gibt es z. B. in Niedersachen seit 2005 keine Bezirksregierungen mehr. Der Mathematiker und Statistiker Gerd Bosbach und der Historiker und Politologe Jens Jürgen Korff sprechen in ihrem Buch „Lügen mit Zahlen“ über die Probleme, die durch die Modeerscheinung der „flachen Hierarchien“ in Unternehmen verursacht werden und haben einige besonders anschauliche Beispiele zusammengestellt, was nach der Ausdünnung der öffentlichen Verwaltungen passiert ist.

„Oder dass es plötzlich kaum noch möglich war, den Gewässer- und Hochwasserschutz für den Rhein, die Elbe und die Donau zu koordinieren. Man hatte nämlich, obwohl diesen Flüssen Landesgrenzen ziemlich egal sind, alle einschlägigen Kompetenzen auf Landesebene verlagert, und damit nicht genug: Auch einige Fachbehörden der Bundesländer hatte man kurzerhand aufgelöst und deren Kompetenzen auf noch tiefere Ebenen abgeschoben. Die Folgen waren zum Teil katastrophal: Als sich beim Elbehochwasser 2002 die Behörden Sachsens und Sachsen-Anhalts mit denen von Niedersachsen koordinieren wollten, fanden sie dort keine kompetenten Ansprechpartner mehr. Die plötzliche Überflutung des Städtchens Hitzacker ist nach Meinung einiger Experten mit auf diese Panne zurückzuführen.
Ähnliche Phänomene gab und gibt es in der deutschen Justiz oder bei der Studienplatzvergabe nach Auflösung der früher dafür zuständigen Zentralstelle (ZVS).“ ... >

Da könnte man zynischerweise sagen, wenigstens gab es nach dem Hochwasser richtig was zu investieren. Ohne wirtschaftshemmende Bürokratie dürfte Hitzacker doch im Null komma Nix wieder aufgebaut worden sein.

Es ist sehr leicht durchschaubar, warum sich die Unternehmen lieber einer überschaubaren Zahl von staatlichen Amtsinhabern gegenübersehen. Je weniger Beamte es gibt und je bescheidener sie bezahlt werden, desto leichter lassen sie sich bestechen.

Doch wehe, all der Bürokratieabbau hat negative Auswirkungen, die alle betreffen. Da Unternehmer und Banker gern alles bestimmen, aber nie für etwas verantwortlich sein wollen, werden wir immer wieder Zeuge von unglaublichen Dreistigkeiten. Eine der größten und unverschämtesten wurde im Rahmen der Diskussion um die Regulierungen der Finanzmärkte nach Ausbruch der Krise geäußert. Banken und Börsen seien nicht schuld, der Staat habe wieder einmal allein den Fehler gemacht und falsch reguliert. Als hätte es all die Lobbyarbeit und Propaganda von Finanzmärkten und Unternehmerverbänden nicht gegeben. So sehr können die Neoliberalen den Staat offensichtlich doch nicht hassen. Wen hätten sie den sonst als universalen Sündenbock?

Unwissenheit und Vorurteile der Bürger als Einfallstor für die staatsfeindliche Ideologie

Die Debatten darüber, wie viele und welche Vorschriften für Unternehmen sinnvoll sind, offenbaren, wie nutzlos die Medien für die Bürger sein können. Ohne Spezialistenwissen macht es in den meisten Fällen keinen Unterschied, ob man eine Zeitungsmeldung darüber liest oder nicht. Kaum ein Bürger kann etwa ein kompetentes Urteil fällen, wie die Finanzmärkte zukünftig reguliert werden können oder sollten. Die Unkenntnis des Großteils der Bevölkerung über Gesetze und Regeln in der Wirtschaft lässt sich veranschaulichen, indem wir uns vorstellen, was jemand der noch nie etwas von Fußball gehört hat reagieren würde, wenn man ihm einfach nur das Regelwerk vor die Nase legt. Er würde sich wahrscheinlich kaum vorstellen können, wie das Spiel in der Praxis abläuft und welche Regeln am wichtigsten sind. Erst wenn er einige Spiele gesehen oder selbst gespielt hat, wird er anfangen zu begreifen. Ohne selbst in der betreffenden Sache „drinzustecken“ sind Regeln und Gesetze nur abstrakt und belanglos. Deswegen war es auch möglich, vor der Krise in großem Umfang Deregulierungen durchzusetzen. Die meisten Menschen bekamen davon schlicht nichts mit. Dem sollten wir aber noch hinzufügen, dass es um die Einsicht der Bürger in die Notwendigkeit von Regeln und Gesetzen allgemein oft nicht gut bestellt ist. So wird die schon öfter vorgeschlagene Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen als unzumutbarer Eingriff in die persönliche Freiheit empfunden, obwohl landläufig bekannt ist, wie sehr diese Maßnahme in vielen Ländern zur Steigerung der Sicherheit im Straßenverkehr beigetragen hat. Bedauerlicherweise interessieren sich die Menschen vor allem dann für Gesetze, wenn es darum geht, anderen etwas verbieten zu wollen. Nicht umsonst hört man regelmäßig die Äußerung „Das müsste verboten werden!“, wenn jemand über etwas spricht, das ihn stört.

Von den Flexibilisierungen der Beschäftigungsverhältnisse ist der Normalbürger direkt betroffen. Leider befindet er sich meistens in der schwächeren Position. Die Arbeitgeber lassen ihm die Wahl, entweder die bittere Pille zu schlucken oder gekündigt zu werden. Es ist das bekannte kapitalistische Spiel. Die Lohnabhängigen werden erpresst und gegeneinander ausgespielt. Wer für seine Familie sorgen muss ist froh, überhaupt ein kleines Einkommen aus einer Teilzeitstelle zu haben, auch wenn das bedeutet, dass an anderer Stelle jemand seine Vollzeitstelle verliert. Doch es gibt einen ganz kleinen Lichtblick. Im Fall von Streiks sind die Menschen für gewöhnlich den Streikenden eher milde eingestellt, sofern es sich nicht um besonders gut verdienende Berufe handelt wie etwa Ärzte und Piloten. So äußerten während des großen Lokführerstreiks vor einigen Jahren in Straßenumfragen viele Leute tatsächlich Verständnis für den Streik, obwohl sie selbst von Zugausfällen betroffen waren. Allerdings hat Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern keine ausgeprägte Streikkultur. Von allen Ländern der Alt-EU wird in Deutschland nicht nur am wenigsten, sondern sogar fast gar nicht gestreikt. Und das trotz immer weitergehendem Abbau der Arbeitnehmerrechte, Förderung der Leiharbeit und beharrlicher Verweigerung eines allgemeinen Mindestlohnes. Wir wollen hier nicht über die Gründe dafür spekulieren. Aber das Bild des duldsamen, obrigkeitshörigen Deutschen scheint nicht ganz frei erfunden zu sein.

In ihrem Kampf gegen „ausufernde“ Bürokratie und die „Kontrollwut“ des Staates kommt den Neoliberalen sehr gelegen, dass in der Bevölkerung Vorurteile gegen Beamte weit verbreitet sind. Entsprechend der allgemeinen Vorstellung sind sie faul und schlagen während ihres unkündbaren Arbeitslebens nur die Zeit tot, um dann mit Luxuspension in den Ruhestand zu gehen. Wenn sie überhaupt mal etwas tun, dann machen sie alles kompliziert oder lassen sich jede Menge Zeit.

Was sich aus den Vorurteilen gegenüber Beamten ableiten lässt, weist auf ein ziemlich pessimistisches Menschenbild hin. Anscheinend sind die meisten Menschen der Ansicht, wer nicht mit Kündigung und Gehaltskürzung bedroht werden kann, würde automatisch faul. Natürlich haben die Beamten einige Privilegien, aber wie wir bereits angedeutet haben sind sie in gewissem Umfang notwendig, um Korruption vorzubeugen. Keine Frage, jeder Bürger hat schon sich einmal oder mehrmals geärgert, wenn er in einem öffentlichen Büro etwas zu erledigen hatte. Halsstarrige Beamte verstecken sich hinter ihren Vorschriften oder verweigern eine Genehmigung wegen einer Kleinigkeit. Was man dabei bedenken muss: Ein dicht besiedeltes, hoch technisiertes Land zu verwalten ist eine komplizierte Angelegenheit. Für den Einzelnen ist es kaum möglich, ohne Hilfe den Überblick zu behalten. Regeln und Gesetze schaffen Ordnung und Sicherheit. Natürlich gibt es keine perfekten Gesetze und deswegen gibt es Ermessensspielräume und Ausnahmen. Das Problem ist nur, dass so viele Leute, die aufs Amt kommen, Ermessensspielräume und Ausnahmen zu ihren Gunsten haben wollen. So kommt es oft zu Reibereien, in denen der Beamte auf das „Nun haben Sie sich doch nicht so!“ schließlich „Vorschrift ist Vorschrift!“ entgegnet.

Jedoch liegen nicht alle Quellen für Ärger in der Unvollkommenheit der Verwaltung. Jeder kennt den Vorwurf an die Ämter, ihre Sprechzeiten seien für Berufstätige praktisch niemals wahrnehmbar. Leider macht sich niemand Gedanken darüber, dass zum einen die Beamten auch nicht unbedingt dann arbeiten wollen, wenn andere schon Feierabend haben und zum anderen zur Abwechslung auch mal die Unternehmen Flexibilität zeigen könnten, indem sie ihren Mitarbeitern einen Vormittag frei geben, um ihre Angelegenheiten mit dem Amt zu regeln.

Eine immer wieder gern aufgewärmtes Thema sind die angeblich so hohen Gehälter und Pensionen im öffentlichen Dienst. Mal abgesehen davon, dass der Staat in Wirklichkeit über die letzten Jahre Verbeamtungen massiv eingeschränkt hat und den als Nicht-Beamten Beschäftigten oft nur sehr niedrige Löhne zahlt, drängt sich nach kurzem Nachdenken eine Frage auf: Warum sollten die Gehälter und Pensionen der Beamten sinken, wenn die Löhne in der Wirtschaft in den Keller gehen? Mit welcher Begründung sollte der Staat seinen Dienern die Gehälter und Pensionen kürzen? Oder ganz salopp formuliert: Ist es denn das Problem der Beamten, wenn die Beschäftigten der Privatwirtschaft sich immer wieder erpressen und verschaukeln lassen? Solche Fragen stellt sich aber kaum jemand, denn die Neoliberalen, die ihre Kritiker routinemäßig beschuldigen, Neiddebatten anzetteln zu wollen, wissen selber nur zu genau, wie man Neid schürt. Und so hetzen sie die Bürger immer weiter gegen den „fetten“, „verschwenderischen“ Staat auf. Diese werden wieder einmal von ihren Emotionen überwältigt und schalten ihren Verstand aus.

Eine kurze Zusammenfassung und Bewertung

Insgesamt können wir feststellen, dass die Kampagnen zur Verdrängung des Staats aus dem Wirtschaftsgeschehen zu den am wenigsten originellen dieser Art gehören. Es genügt, die Ahnungslosigkeit der Bürger auszunutzen und ein wenig auf der Klaviatur der Vorurteile und des Neids zu spielen. Einfache Mittel erweisen sich einmal mehr als äußerst wirkungsvoll.

 
 
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