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     Die medialen Strategien der Machteliten und wie sie verschleiert werden
       Grundsätzliches: Der Einsatz von Geschichten (Narrativen) zum Vorteil der Mächtigen
 

  Ein Gastartikel

 
 
Wie so oft im Leben sind das Schlimmste nicht offensichtliche Lügen (die meistens schnell durchschaut werden), sondern raffiniert durchdachte Halbwahrheiten.
 
  Manfred Julius Müller, deutscher Unternehmer und Publizist    
 
Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.
 
  Mark Twain, bekannter amerikanischer Schriftsteller    

Im vorhergehenden Abschnitt dieses thematischen Bereichs hatten wir schon auf Medienkampagnen hingewiesen, welche die Weltsicht der Neoliberalen verbreiten. Bevor wir uns die wichtigsten dieser Kampagnen näher anschauen, wollen wir etwas über die allgemeinen Voraussetzungen und Bedingungen sagen, die ihren Erfolg ausmachen. Schon seit langer Zeit haben die Mächtigen erfolgreich das Denken der Mehrheit zu ihren Gunsten beeinflusst, und es ist nicht zu leugnen, dass sie auch in den letzten Jahrzehnten dieses Ziel erreicht haben. Viele Bürger plappern die Phrasen der Neoliberalen eifrig nach - letztere zumindest so lange es ihnen selbst gut geht. Uns interessiert jetzt, wie die neoliberale Deutung der Welt sich in so vielen Köpfen hartnäckig festsetzen kann, obwohl die Besitzer dieser Köpfe (wie wir zuvor bereits angedeutet haben) kein ernsthaftes Studium der vorliegenden Themen betreiben, sondern nur beim Frühstück die Zeitung durchblättern und vor dem Abendkrimi für eine Viertelstunde die Fernsehnachrichten sehen - oder vielleicht sogar noch weniger.

Die suggestive Macht der Geschichten (Narrative)

Demagogen, Verkäufer und Werbetexter wissen: Wenn man eine Geschichte richtig erzählt, kann man die Menschen ziemlich alles glauben machen. Menschen lieben Geschichten. Das fängt beim Tratsch in der Nachbarschaft an und geht bis hin zu den Klatschzeitschriften, wo aus ein paar Fotos aus dem Alltag eines Schauspielerpaares ein komplexes Drama erdichtet wird. Das Abstrakte, in dem sich keine Geschichte unterbringen lässt, wird von den meisten Leuten dagegen gemieden. Dies ist mit ein Grund für die allgemeine Unbeliebtheit des Faches Mathematik. Mathematisch versierte Mitmenschen werden als verschrobene Sonderlinge angesehen. Warum ist das so? Unser Verstand ist ständig bemüht, Information handlich zu verpacken, um besser damit umgehen zu können. Im wissenschaftlichen Kontext spricht man übrigens nicht von Geschichten, sondern von Narrativen. Der libanesisch-amerikanische Epistemologe und Philosoph Nassim Nicholas Taleb schreibt dazu:

„Das erste Problem ist, dass Information aufwändig zu erwerben ist. Das zweite Problem ist, dass Information auch aufwändig zu speichern ist […]. Je ordentlicher, weniger zufällig, einem Muster folgend und narrativer eine Reihe von Worten oder Zeichen angeordnet ist, desto einfacher lässt sich diese Reihe im Gedächtnis speichern oder in ein Buch schreiben […].Außerdem ist Information auch aufwändig zu verarbeiten und abzurufen.“ ... >

Vielleicht hat der Leser schon einmal davon gehört, wie so genannte Gedächtniskünstler arbeiten. Einer ihrer Tricks ist der, die Dinge die sie sich merken sollen, in einer frei erfundenen Geschichte unterzubringen. So schnüren sie aus den losen, unverbundenen Informationen ein handliches Bündel, das sie gut in ihrem Gedächtnis verstauen und wieder von dort hervorholen können.

Doch der gleiche Trick funktioniert auch wenn es darum geht, ein solches Informationsbündel in den Kopf eines Anderen zu bekommen. Der Leser kann sich jederzeit selbst davon überzeugen, wie das in den Medien bewerkstelligt wird. Dazu noch einmal Taleb:

„Es passiert die ganze Zeit: Es wird eine Ursache angegeben, um Sie die Neuigkeit schlucken und die Dinge greifbarer zu machen. Nach der Wahlniederlage eines Kandidaten wird man Ihnen die „Ursache“ für den Missmut der Wähler präsentieren. Jede denkbare Ursache ist geeignet. Die Medien jedoch verwenden jede Menge Zeit darauf, auf diese Weise „gründlich“ vorzugehen, mit ihrer Armee von Faktenprüfern. Es ist als wollten sie mit größtmöglicher Genauigkeit falsch liegen.“ ... >

Ganz besonders effektiv ist es, etwas in dieses Informationsbündel mit hineinzutun, das die Emotionen des Adressaten in Bewegung setzt. Dieser Trick lähmt sein kritisches Urteilsvermögen und drängt ihn statt zu einer sachlichen Auseinandersetzung zu dem Streben, seine Emotionen und Vorurteile zu befriedigen.

Das gilt aber nicht nur für die Medien. Jedem dürfte aus seiner eigenen Erfahrung bekannt sein, wie schwer es für uns Menschen ist, eine Tatsache einfach zu akzeptieren, ohne nach den Gründen zu fragen. Besonders einprägsam wird uns das vor Augen geführt wenn in einem Film und oft genug auch in der Realität ein Mensch nach einem harten Schicksalsschlag auf die Knie fällt und schreiend fragt „Warum?“. Das führt oft genug zu absurden Situationen. Um es bildlich auszudrücken: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, holt man es nicht sofort heraus, sondern zunächst muss geklärt werden, warum es in den Brunnen fiel. Besonders dringend muss man natürlich herausfinden, wer die Schuld hat. Das bringt uns auch schon zu der Frage, was die Mächtigen seit Jahrtausenden tun, wenn sich unter ihren Untertanen Sorgen und Nöte ausbreiten.

Schon immer gab es Menschen, die besser Geschichten erzählen konnten als andere. Und genauso lange gibt es unter ihnen mehr als genug, die diese Schwäche ihrer Mitmenschen ausnutzen, sei es zum direkten eigenen Vorteil oder weil sie sich kaufen lassen. Früher waren Schamanen und Priester die Geschichtenerzähler, heute sind es Sozial- und Geisteswissenschaftler sowie andere „Experten“. Das Spiel ist immer das gleiche geblieben: Die Menschen kommen mit ihren Ängsten, Sorgen oder Nöten und verlangen Antworten. Dann erzählt man ihnen Geschichten, die die Dinge nach Wunsch der Mächtigen deuten und erklären. Es ist allgemein bekannt, dass in diesen Geschichten nicht die Gesellschaftsordnung schlecht funktioniert und dadurch die Probleme verursacht, sondern diese werden von dem Bösen mit hinterlistiger Absicht bewirkt. Das Böse kann aber nur besiegt werden, wenn die Herrschenden an der Macht bleiben, denn nur sie wissen, was getan werden muss. Ihre Untertanen müssen ihnen vertrauen und sich fügen. Niemand darf vom festgelegten Kurs abweichen, weil er dann der Rettung im Weg steht. Damit das auch garantiert nicht passiert, braucht es gar keine dauernden Repressalien oder umfassende Überwachung. Es ist viel effektiver, wenn die Untertanen in ihrem Alltag immer wieder an die Geschichten erinnert werden, die ihnen erzählt wurden.

Die Verknüpfung der Narrative mit alltäglichen, unreflektierten Denkweisen

Wir hatten in diesem thematischen Bereich schon darauf aufmerksam gemacht, dass die meisten Menschen sich die Welt dadurch erklären, indem sie ihre eigenen Wertvorstellungen und Erfahrungen - und damit auch ihre Vorurteile - verallgemeinern. Sie glauben, ihre persönlichen Alltagserfahrungen enthielten alles was sie wissen müssten, um die Funktionsweise der Welt zu verstehen. Die logischen Muster, die sich in ihrer kleinen Welt als richtig erwiesen haben, kann man ihrer Ansicht nach direkt auf die Wirtschaft und Gesellschaft übertragen. Diese Denkweise nennt man Pars-Pro-Toto. Wir gehen an anderer Stelle ausführlich darauf ein, zu welch katastrophal falschen Schlussfolgerungen sie führen kann.dorthin Uns interessiert hier nur die Tatsache, dass die eben erwähnten Geschichtenerzähler wo nur immer möglich diese Denkweise ausnutzen, um die von den Mächtigen gewünschte Weltsicht in die Köpfe des Volkes zu bringen.

Als noch alle Menschen in Stammesgesellschaften lebten und nicht viel über die Abläufe in der Natur wussten, wurden von den Schamanen und Medizinmännern meist böse Geister, die sich überall tummeln sollten, für unerwünschte Zustände verantwortlich gemacht. Für das normale Stammesmitglied war das einleuchtend. Jeder war sich bewusst, selbst planvoll und mit einer bestimmten Absicht handeln zu können. Also könnten der Natur auch ebenso befähigte Geister innewohnen, die die Absicht verfolgen, den Menschen zu schaden. Ganz ähnlich funktionierten auch die polytheistischen Religionen der frühen Zivilisationen. Vor diesem Hintergrund verdient der Opferkult unsere Beachtung. Auch er basiert auf einer aus dem Alltagsleben stammenden Geschichte: Wenn jemand mächtig ist, aber auch zornig werden kann, dann kann man mit ihm reden und seine Reue oder Demut beweisen, indem man ihm eine Entschädigung oder zumindest regelmäßig seine Dankbarkeit darbietet. Wieso sollte sich ein Gott, der den Menschen zürnen kann, dann nicht auch mit Opfern und Lobgesängen beschwichtigen lassen? Man muss sich allerdings fragen, wie viel von all den Opfern auch wirklich bei den Göttern angekommen ist, denn oft genug haben die Priester kräftig zugelangt und die Opfergaben an sich gebracht. Die starke Ausbreitung des Christentums änderte an dieser Praxis nur wenig. Nun hatte man zwar nur noch einen Gott, der nicht nur allmächtig, sondern darüber hinaus eigentlich auch noch gnädig und gütig sein sollte. Das hat die Kirche aber nicht davon abgehalten, Ablassbriefe zu verkaufen und gewaltige Gotteshäuser zu bauen.

Besonders interessant war schon immer die Frage, was die Herrschenden tun sollen, wenn die Gesellschaft in eine tiefere Krise rutscht und die alltägliche Routine für längere Zeit durchbrochen wird. In einer andauernden Notlage reichen dann die normalen Geschichten nicht mehr aus, die Untertanen zu besänftigen. Diese fordern von ihren Herrschern konkrete und schnelle Taten, ihrer Not abzuhelfen, denn schließlich ist das ja ihre Aufgabe. In so einem Fall müssen die „Eliten“ mehr tun als allgemeine Märchen von Göttern und Geistern zu erzählen. Man muss den Untertanen ein Ziel in der realen Welt bieten, gegen das sie ihren Zorn richten können. Das Mittel der Wahl ist es, einen Sündenbock zu suchen, also einen oder mehrere Menschen, die an der Notlage schuld sind und deshalb bekämpft werden müssen. Man kann es schon fast eine Tradition nennen, dass immer wieder eine unbeliebte Minderheit diesen Zweck erfüllt. Aber auch die Bewohner anderer Länder oder Menschen aus anderen Kulturkreisen dienen seit jeher dazu, den Volkszorn von den Mächtigen abzulenken. Dabei bauen die Geschichtenerzähler stets auf das partielle Wissen und die Vorurteile der Durchschnittsmenschen auf, um die von ihnen bevorzugte Weltsicht zu verbreiten. Beispiele dafür lassen sich in der Geschichte reichlich finden. Das traurige Schicksal, das die Juden seit Jahrhunderten erleiden, fällt einem in diesem Zusammenhang zuerst ein. Jeder Mensch kannte einige und wusste, dass sie oft unter sich blieben und viele von ihnen von Christen geschmähte Berufe ausübten, in denen man mit Geld umging. Und da man mit Juden doch nicht so viel Umgang hatte, um mehr über sie zu wissen, ließ man sich von seinen Mitmenschen die eigenen Vorurteile bestätigen. So konnten die Geschichtenerzähler natürlich alles Mögliche verbreiten, was die Juden angeblich so alles aushecken würden. Aber auch die so genannten Heiden wurden dem wütenden Volk oft genug als Ventil für ihre Wut angeboten. Damals kannten die meisten Leute Heiden nur vom Hörensagen und ihnen war kaum mehr bekannt, als dass diese nicht zum christlichen Gott beteten. Das war aber schon schlimm genug, und wer so was tat, dem war alles erdenklich Böse zuzutrauen.

Heutzutage, nach der Aufklärung und den großen Erfolgen der Naturwissenschaften, können die alten Geschichten ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Zwar ist längst nicht jeder Mensch skeptisch und rational, aber ein Minimum an wissenschaftlichem Denken ist heute bei jedem normalen Bürger vorhanden. Man kann ihnen also keine bildhaft ausgeschmückten Geschichten mehr erzählen von bösen Geistern oder von Göttern, deren Zorn man erregt hat. Stattdessen wird in sachlicher, nüchterner Sprache davon gesprochen, wie die Welt angeblich nun mal sei. Es wird heute nicht mehr Gottesfurcht gefordert, sondern an die Vernunft appelliert, die jeden Menschen – sofern er nicht verrückt ist - dazu bringen muss, sich den „Sachzwängen“ zu fügen. Natürlich sei es außerordentlich kompliziert, sich ein umfassenderes Bild zu machen, aber das würden schon die „Experten“ tun und ihre Empfehlungen seien garantiert die einzig richtigen. Dabei ist das verlangte Vertrauen in die „Eliten“ und „Experten“ nichts anderes als der uralte Wunsch nach bedingungsloser Gehorsamkeit. Auch der Opferkult ist in neuem Gewand noch immer da. Heute sollen die Bürger keine Tieropfer mehr darbringen oder Ablassbriefe kaufen. Stattdessen verlangt man von ihnen, ihr Familienleben, ihre Wünsche, Träume und natürlich ihre Gehaltserhöhung zu opfern, denn irgendwann werde der allmächtige Markt sie dafür belohnen. Wir sehen: Während das Grundmuster der Geschichten immer gleich geblieben ist, hat sich ihr Inhalt im Laufe der Zeit verändert. Dieser wurde jeweils dem Weltbild des normalen Menschen angepasst, um ihm glaubwürdig zu erscheinen.

Eines ist aber genau gleich geblieben. Genau wie vor vielen Jahrhunderten suchen die Herrschenden sich Sündenböcke, wenn es droht, für sie eng zu werden. Wir sehen seit Jahren, wer heute dran ist: An der Einschränkung grundlegender Rechte sind islamistische Terroristen schuld, die Staatsfinanzen haben angeblich Heerscharen von faulen Arbeitslosen ruiniert und die Eurokrise haben nur die Südeuropäer mit ihrer leichtlebigen Faulenzermentalität verursacht. Solche Phrasen, die hier einigermaßen lustig wirken, setzen sich im Kopf des unzufriedenen, aber ratlosen Bürgers als konkrete Tatsachen fest. Er hat einfach keine besseren Erklärungen für den Zustand der Welt und hat, solange er nicht selbst unmittelbar betroffen ist, auch keine Lust, welche zu finden. Für ihn ist entscheidend, dass die Aussagen der „Experten“ genau das bestätigen, was er sich aus seiner Alltagserfahrung zusammengereimt hat und er sich ja nicht anstrengen muss, die Dinge ganz anders zu sehen, als er es gewohnt ist. Noch wichtiger ist höchstens, selbstgerecht auf jemanden schimpfen zu können.

Gewählte Politiker als Opfer und Täter in Personalunion

Seit sich in den Ländern, die zuerst industrialisiert wurden, die parlamentarische Demokratie durchgesetzt hat, stellt sich den Geschichtenerzählern der Mächtigen eine neue Aufgabe. Denn hier soll ja eigentlich das Volk mittels der von ihm gewählten Vertreter über sich selbst herrschen. Da es nicht ratsam ist zu versuchen, die Demokratie ganz offen wieder abzuschaffen, müssen die Machteliten ein paar Umwege in Kauf nehmen. Parlamentarier mit Geld und Posten zu bestechen ist nahe liegend und wird oft praktiziert, reicht aber nicht aus. Immerhin müssen die Politiker ja auch gewählt werden. Damit das passiert, kommen diese nicht umhin, den Bürgern Versprechungen anzubieten, die ansprechend und wenigstens einigermaßen glaubhaft sind. Da trifft es sich gut, dass Politiker auch nur ganz normale Menschen sind, denen man die gleichen Geschichten auftischen kann wie allen anderen. Außerdem haben die zeitgenössischen Parlamentarier zu einem großen Teil nie etwas anderes gemacht als Politik. Sehr viele von ihnen sind ihrer formalen Ausbildung nach Juristen oder Lehrer, haben aber nie in diesen Berufen gearbeitet. Sie interessieren sich vor allem für Macht und Ämter. Deswegen sind sie froh, wenn sie sich nicht eigenständig mit der relevanten Materie beschäftigen müssen und ihnen stattdessen jemand erklärt, wie es ist. Das machen die verschiedenen Lobbygruppen natürlich gern. Es ist gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass eine ganze Menge Politiker deren Geschichten tatsächlich glaubt. Schließlich fehlt ihnen selbst die Urteilsfähigkeit die nötig ist, um sich objektive Sachkenntnisse selbst anzueignen. Für die Machteliten ist das ein zusätzlicher Bonus: Wenn die Personen in verantwortlichen Positionen sich vom Befolgen dieser Einflüsterungen wirklich eine erfolgreiche Karriere versprechen, reduziert sich der Bedarf nach simplen Bestechungen ganz erheblich.

Doch wo das Zuckerbrot ist, da ist auch die Peitsche nicht fern. Was kann zweckmäßiger sein, Politiker an die Kette zu legen als die Medien? Zunächst einmal sind Politiker im Regelfall daran interessiert, eine gute Presse zu haben. Um das zu illustrieren, sehen wir uns das Beispiel der Bild-Zeitung an. Bekanntlich haben viele Politiker Angst davor, in dieser Zeitung eine für sie unvorteilhafte Berichterstattung zu finden. Ob das überhaupt eine Berechtigung hat, ist zwar zweifelhaft, aber das Ergebnis ist aus Sicht der Machteliten erfreulich. Der deutsche Journalist und Parteienforscher Thomas Wieczorek drückt es so aus:

„Weil alle, inklusive der Politik, sich einreden lassen, Springers schrille Kampfmaschine spreche für „die kleinen Leute“, wird sie tatsächlich wie die – ungeliebte, verachtete, vor allem aber gefürchtete – wahre Volksvertreterin behandelt.“ ... >

Damit aber nicht genug. Politiker die vom Kurs abweichen oder aus einem anderen Grund in Ungnade gefallen sind, können jederzeit in einen wie auch immer gearteten Skandal verwickelt werden. Die Machteliten verfügen schließlich über Mittel und Wege, jederzeit etwas in den Medien zu platzieren, so dass es auch jeder mitbekommt. Für den Inhalt des Skandals gibt es viele Quellen: das Privatleben der entsprechenden Person, finanzielle Verwicklungen oder anderes. Hauptsache es ist ausreichend, einen Sturm der moralischen Entrüstung zu entfachen. Dabei ist es oft gar nicht nötig, eine emotional aufwühlende Geschichte mit vielen Einzelheiten zu erfinden. Meist reichen schon vielsagende Andeutungen und Vermutungen, den Rest übernimmt die Phantasie der Zuhörer. Da nach wie vor die meisten Personen in einflussreichen Positionen männlich sind ist es angemessen, uns hierzu ein besonders krasses Beispiel anzusehen. Die Wunderwaffe gegen einen unliebsamen Mann ist es, ihn irgendwie mit sexueller Gewalt in Verbindung zu bringen. Mögen sich die Vorwürfe der Belästigung oder gar Vergewaltigung im Nachhinein auch als völlig falsch herausgestellt haben und der Betreffende höchstrichterlich freigesprochen sein, seine Karriere ist in einem solchen Fall schnell beendet. Wieder sticht das Erzählen und Fühlen das Hinschauen und Nachdenken aus.

Eine kurze Zusammenfassung und Bewertung

Schon immer ließ sich mit guten Geschichten Propaganda erfolgreich gestalten. Entscheidend ist es, das solche Geschichten geschickt und überzeugend mit dem Alltagserleben der Adressaten verknüpft sind. Diese Kriterien erfüllen die neoliberalen Medienkampagnen leider nur allzu gut. In der heutigen Welt ist Information ganz billig. Es ist also kein Wunder. dass sie praktisch allgegenwärtig ist. Wer es einmal selbst versucht, wird sofort merken wie schwer es ist, sich dem Informationstrommelfeuer zu entziehen. An vielen öffentlich zugänglichen Plätzen stehen Monitore, auf denen andauernd irgendwelche „wichtigen“ oder „eiligen“ Meldungen angezeigt werden. Wer eine Stunde lang Auto fährt und dabei Radio hört, wird gleich zwei Mal mit den Nachrichten behelligt. Die Bürger sind den Geschichtenerzählern praktisch hilflos ausgeliefert, denn ihr Gehirn spricht automatisch auf die Erzählungen an. Es ist gar nicht notwendig, genau zuzuhören oder aufmerksam zu lesen. Die Geschichten sind so konstruiert, dass die wichtigen Dinge schon hängen bleiben, erst recht wenn man dem wieder und wieder begegnet. In den Beiträgen dieses Abschnitts sehen wir uns an, welche Geschichten erzählt werden, was ihre Intention ist und warum sie von so vielen Leuten geglaubt werden.

Abschließend wollen wir noch etwas besonders hervorheben: Natürlich behaupten wir hier nicht, ausnahmslos alle Medien seien zu jeder Zeit von irgendwelchen Kampagnen gesteuert. Es ist nicht unser Anliegen zu erklären, wie Medien funktionieren. Wie die Gesellschaft mit Medien umgeht und welche Wirkungen das hat, wollen wir ebenfalls nicht bis ins Detail klären. Uns geht es um das wie und nicht um das was, wer, womit oder wie viel der Meinungsbeeinflussung. Deshalb werden wir nicht näher darauf eingehen, über welchen Weg Meinung gemacht werden soll, ob über bezahlte Redner und Lohnschreiber, offizielle Organe (z. B. Arbeitgeberverbände), obskure Einrichtungen (etwa INSM) oder die berüchtigten Think-Tanks. Wir werden in den folgenden Beiträgen verschiedene Themenbereiche untersuchen, in denen die Neoliberalen die öffentliche Meinung zugunsten ihrer Interessen nachweislich zu beeinflussen suchen.

 
 
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